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Periodical volume 21. Juli 1894, Nr. 29

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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vor dessen Tode, in Barcelona eines der ersten bedeutenden 
Turniere abgehalten worden ist." 
Die ältesten Turniere, d. h. Waffenspiele, die durch 
Satzungen geregelt wurden, fallen somit in den Anfang des 
9. Jahrhunders. Die Geschichte hat ungefähr 183 größere 
regelmäßige Turniere verzeichnet, von denen die bedeutendsten 
find: im Jahre 811 Turnier zu Barcelona bei Gelegenheit 
der Krönung des Grafen Linofre; im Jahre 842 zu Straßburg 
unter Karl dem Kahlen; 925 zu Regensburg unter Heinrich 
dem Vogelsteller; 932 zu Magdeburg unter demselben Fürsten; 
938 zu Speier unter Otto I.; 942 zu Rothenburg unter Konrad 
von Franken 948 zu Konstanz; unter Ludwig von Schwaben; 
968 zu Merseburg an der Saale; 996 zu Braunschweig; 1019 
zu Trier unter Heinrich II.; 1029 ebenfalls zu Trier; 1042 
zu Halle unter Heinrich HI.. 1080 zu Augsburg unter Her 
mann von Schwaben; 1118 und 1119 zu Güttingen; im 
Jahre 1148 zu Lüttich unter Theodor von Holland, in An 
wesenheit von 14 Fürsten und Herzögen. 91 Grafen, 84 Ba 
ronen, 133 Rittern und 300 anderen Edelleuten; 1165 zu 
Zürich unter dem Herzoge Welf von Bayern; 1240 zu Neuß 
bei Köln; 1392 bei Schaffhausen. 
Die verschiedenen Arten der Turniere bestanden in: 
1. Den Zweikämpfen (com- 
bats singuliers) d. h. dem paar 
weisen Stechrennen (joutes) welches 
mit „Stechen über die Palia" be 
zeichnet wurde, wenn beim Rennen 
die Kämpfer durch eine Planken 
schranke voneinander getrennt, sich 
anrannten. (Die Ableitung von 
Palia ist unbestimmt; wahrscheinlich 
von baglio Querbalken; palia heißt 
der Kampfpreis). Nebenstehendes 
Bild veranschaulicht ein Zweikampf- 
Stechrennen. 
2. In den Buhurten (qua- 
rilles), bei denen haufenweise gekämpft wurde. 
3. In den Schlachtspielen (trepignes), bei denen alles 
wüst durch einander ging. 
4. In den Burgturnieren (castilles), bei denen ein 
befestigter Ort angegriffen und verteidigt wurde. 
Die Waffen der Ritter beim Turniere waren verschiedener 
Art. Die Turniere in Deutschland pflegten mit gefährlicheren aus- 
gefochten zu werden. So gab es Speere wie Balken, deren 
Dicke oft 15 cm überstieg. Bei den franzöfischen Turnieren 
hießen die meist gebräuchlichen stumpfen Schwerter courtoises 
oder gracieuses, die ernstlichen Waffen aber armes a 
outrance. Tnrnierspeere gab es vier Arten: gebrochene 
Speere (lances brisees), welche, halb eingesägt, beim Stoße 
leicht am Ende knickten; hohle Speere (lances creuses), 
die ebenso leicht zerbrachen; stumpfe Speere (lances gra- 
cieuses ou courtoises), deren Eisen statt der Spitze einen 
Ring hatte, der Frette oder Morne hieß und Todeskampf 
speere (lances ä outrance oder lances Smoulues), deren 
„Kerbeisen" spitz war. Ferner waren beim Turnier auch 
Kolben im Gebrauch. Unsere Abbildung auf S. 344 ver 
anschaulicht ein Turnier mit Kolben aus dem 15. Jahrhundert. 
Die Helme der Streitenden sind nur gegittert, also keine 
i eigentlichen Kolbenhelme, die Pferde tragen Roßstirnen, einer 
der Streitenden hat einen hoch aufsteigenden Sattelschutz. 
Ueber die Rüstung bei den Turnieren sagt Demmin: 
„Die Turnierrüstung oder das Stechzeug (armure ä joutes), 
von der einige Schriftsteller meinen, daß sie leichter als die 
Kriegsrüstung gewesen sei, war im Gegenteil viel schwerer 
und die deutschen und flamändischen noch viel schwerer als die 
franzöfischen. Alle diese schönen Rüstungen aus blankem 
Stahl, welche sich durch Reinheit und Strenge ihrer Linien, 
sowie durch ihre Größenverhältnisse auszeichnen, waren von 
so außerordentlicher Schwere, daß der Mann notwendig ihrem 
Gewicht erlegen wäre, der sie länger als eine Stunde hätte 
tragen wollen. Das Fußturnier und das Rennen (Kampf 
zu Pferde mit dem Speere) waren stets verbunden, da der 
Ritter zu Fuß und in derselben Rüstung den Kampf fortsetzte, 
nachdem er von dem Gegner aus dem Sattel gehoben und 
zu Boden geworfen worden war." 
„Was die Schutzrüstungen der Streitrosse anbe 
trifft. so kennt man aus dem 12. Jahrhundert schon, nach der 
Wandmalerei der Painted Chamber von Westminster, einen 
Ritter, dessen Roß überall, nur Ohren, Mund und Füße 
ausgenommen, in Kettenrüstung gehüllt ist. Im „Roumans 
d’Alexander,“ vom 12. Jahr 
hundert (Pariser - National - Biblio 
thek), befindet sich die Abbildung 
eines ebenfalls so vollständig aus 
gerüsteten Roffes. Auch in Spanien 
wurden die Schlachtrosse bereits im 
14. Jahrhundert vollständig ge 
panzert. wie dies aus einem Befehle 
Don Alonsos XI. (1338) hervor 
geht. Indessen waren in den 
früheren Turnieren die Rosse meist 
noch ohne Schutzrüstungen, aber vom 
Kopfe bis zum Schwänze mit 
lang herabwallendem Zeug, den 
Wappendecken oder Geliegern (französisch housse). 
Solche Behänge, welche sich bis in die letzten Zeiten der 
Turniere, auch oft zusammen mit den Schutzrüstungen er 
hielten. nahmen im Lause des 16. Jahrhunderts bedeutend 
an Umfang ab, besonders als in den späteren Turnieren die 
Rosse den Brustpolster (französisch hours) und selbst auch 
vollständige, selbst die Füße bedeckende gelenkige Schienen 
rüstungen erhielten. 
Das Gelieger, diese auf dem Rücken liegende Wappen 
decke. auf der nicht allein Wappen, sondern auch andere 
Figuren und andere Verzierungen aufgenäht oder gestickt 
wurden, reicht vor dem allgemeinen Gebrauch der Turnier 
pferderüstung bis anfangs der ersten Hälfte des Mittelalters 
hinauf, wo es besonders häufig, vom 11. Jahrhundert ab. 
auch auf Siegeln, vorkommt .... Während des 14. und 
15. Jahrhunderts kommt die Wappendecke viel seltener vor, 
ausgenommen in Polen, wo das Gelieger bis ins 18. Jahr 
hundert hinein gebräuchlich und immer sehr reich war." 
In den älteren Zeiten waren die Turniere sehr 
mörderisch, namentlich in Deutschland. So blieben beim 
scharfen Turnier des Grafen von Katzenellenbogen 1403 
zu Darmstadt 26 Ritter auf dem Platze. Beim Rost stechen, 
wo der Kämpfer mit unbeschütztem Haupte rannte und wo ein 
Palia eher Zweikarnps-Ktrchrerrrrerr. 
Nach einem Kupferstich vom 18. Jahrhundert der Sammlung Firmin-Didot.
        
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