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Periodical volume 21. Juli 1894, Nr. 29

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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die nicht mehr der Maria, sondern einzig dem Mariensohne 
gelten. Kein weißer Mantel wallt mehr vom Klosterberg 
hernieder, den Armen und Kranken das Kommen derer ver 
kündend. auf die das Prophetenwort anzuwenden gewiß kein 
Unrecht ist: „Wie lieblich find auf den Bergen die Füße der 
Boten, die Frieden verkündigen, Gutes predigen. Heil ver- 
kündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König" (Jes. 
52,7). Ja, der weiße Mantel ist überhaupt selten geworden 
auch in der katholischen Christenheit. Kleine Reste des Ordens 
befassen fich noch mit dem Gymnafialunterrricht. 
Eine Stiftung christlicher Liebe, die ganz im Sinne des 
Prämonstratenserordens ist und auch den alten Mönchen Wohl 
gefallen müßte, steht heute zu Füßen des Berges, auf dem 
fie einst gewohnt, der Turmmine gegenüber, das von der 
früheren Wohnung des Amtsfischers sogenannte „Fischerhaus", 
ein 1848 vom damaligen Oberamtmann Karl Karbe gegründetes 
Rettungshaus für fittlich-verwahrloste Mädchen, die dem Hause 
vom Landesdirektor zugewiesen werden und in der Regel bis 
.zur etwas hinausgeschobenen Konfirmation hier in christlicher 
Zucht und Pflege verbleiben. 
Eine Enkelin dieses Wohlthäters ist die nicht ganz un 
bekannte Dichterin Anna Karbe, eine Tochter des mit der 
Schwester des berühmten Professors Ernst Wilhelm Hengsten- 
berg vermählt gewesenen Amtsrats Hermann Karbe, der nach 
seinem Vater die Gramzower Domäne inne hatte. 
Einige Jahrzehnte pulsierte im Orte ein äußerst reges 
Leben, als die Berlin-Stettiner Bahn gebaut war, und der 
ganze Personen- und Frachtverkehr von Passow nach Prenzlau 
über Gramzow führte. Da rollten von früh bis spät oft 
ganze Reihen vollbesetzter Posten und hochbepackter Fracht 
wagen durch den früher so stillen Ort. Seitdem aber ein 
Konsortium Gramzower Bürger es durchgesetzt hatte, daß die 
Berlin-Stralsunder Bahn, die Gramzow berühren sollte, eine Meile 
davon vorbeiführt, war nicht blos der große Verkehr im Orte mit 
einem Schlage vorbei — denn Prenzlau war nun selber Eisen 
bahnstation — sondern der erhoffte Erfolg, daß nunmehr keine 
Aorta das einheimische Geld nach außerhalb treiben werde, trat 
auch nicht ein. Und Gramzow hat nun weniger Aussicht als je. 
sich zur Stadt emporzuheben. Der Väter Sünden rächen fich 
an den Kindern. 
Ein städtisches Gepräge trägt aber Gramzow immerhin 
noch durch zweierlei. Es hat einen Ausrufer, der sich mit 
der Klingel Gehör verschafft und durch seine Körperdimenfion 
sehr gut zu dem für den Ort typischen Ausruf paßt, daß 
„junges, frisches, kernfettes Rindfleisch" zu haben ist. Sodann 
ist noch alljährlich im Juni dort Jahrmarkt, der, entgegen 
anderen, immer sehr besucht ist. Die Herren Gemeindehäupter 
find aber auch so stolz auf diese Marktgerechtigkeit, daß sie 
die Reliquien des Marktes, die unzähligen, liegen gebliebenen 
Papierfetzen, niemals entfernen lassen, sondern mit Schmerzen 
zusehen, wenn etwa allzuschnell ein Regen sein Auflösungs 
werk vollführt oder ein Wind im lustigen Wirbel diese leichten 
Gesellen zu den „Enden" hinaustanzen macht. 
Die Bezeichnung „Enden" ist auch eine örtliche Spezialität. 
So heißen die Straßen, weil fie fich vom Marktplatze aus 
nach allen Seiten sehr lang hinziehen und also wie lange 
Enden zu dem Orte hinausführen. Der Nächstliegende Ort, 
zu dem man auf dem betreffenden „Ende" gelangt, wird diesem 
als Eigenschaftswort vorgesetzt, und somit sind die Straßen 
benennungen fertig. 
An einem solchen Ende liegt in einer Reihe niedrig ge 
legener Arbeiterhäuser ein dem Achtsamen bloß durch seine 
Inschrift einigermaßen auffallendes Haus. Ein Domäneninhaber 
hat sie wohl da einst anbringen lassen: 
Non vox, sed Votum; non cordula Musica, sed Cor; 
Non clamans, sed amans cantat in aure Dei. 
MDCCLXXXVII. Renovatum MDCCCDLXYII. 
(Wort nicht, sondern Schwur; das Herz, nicht Herzens- 
mufik nur; Nicht wenn man ruft, sondern liebt klinget im 
Ohre des Herrn.) 
1787 Erneuert 1867.) 
Es spricht sich ein frommer Sinn darin aus, der auf 
wirklich unverbrüchliche, völlige, warme Hingabe an Gott 
dringt. Aber ein lateinisches Distichon an einem Arbeiterhause 
bleibt immerhin etwas Seltsames!*) 
Alles in allem ist Gramzow merkwürdiger durch die Ge 
schichte seiner Vergangenheit als durch seine Sehenswürdigkeiten. 
Aber wer Sinn für Naturschönheit hat, wird auch hier seine 
Rechnung finden. Ist doch Gramzow auch von schönen Waldungen 
umgeben, die freilich um so weiter abgerückt find, je weiter 
der Pflug seine Herrschaft ausgedehnt hat, aber doch in einer 
halben bis einer Stunde zu erreichen sind. Gramzow ist auch 
noch Sitz einer Oberförsterei wie schon 1540. Ter sich im 
Westen und Südwesten hügelig hinziehende sogenannte große 
Wald ist besonders schön durch seine mächtigen Buchen, die 
Perlenkette der Seeen, die ihn durchzieht, und die peinliche 
Sorgfalt, mit der er gepflegt ist. Der andere sogenannte 
kleine im Norden, ist zwar bald die Kreuz und die Quer durch 
wandert, aber er hat auch seine Schönheiten nicht zum mindesten 
durch seinen Blumenreichtum, der den Boden in stetig 
wechselndem Muster bedeckt. 
Zur Geschichte der ritterlichen Waffen und 
Turniere. 
(Mit Abbildungen.) 
(Schluß.) 
Von besonderer Bedeutung für das ritterliche Leben waren 
die Turniere. „Der Ursprung dieser Kampfspiele", sagt 
Demmin, „ist bei den Germanen zu suchen, von welchen 
schon Tacitus (Germania 24) sagt, daß solche sonst und nirgends 
bekannte Spiele immer derselben Art in allen ihren Zusammen 
künften vorgenommen werden. Daß da junge nackte Leute 
fich springend in Mitte drohender Schwerter und Speere 
werfen und so ein kühnes, durch Gewohnheit zur Kunst ge 
wordenes Schauspiel ohne jeden Entgelt ausführen. Aus 
diesen Spielen find sicherlich die späteren, Turniere genannten 
Waffengänge hervorgegangen. von denen Nidhard, Neffe Karls 
des Großen, welcher 844 (Leb. III.) schrieb, schon erzählt, wie die 
Edlen Ludwigs des Großen und die seines Bruders Karl in 
zwei gleichen Truppen fich in Waffenspielen bekämpften, und 
wie beide Fürsten selber daran teilnahmen. Durch die Franken 
wurden Turniere in Frankreich und von da durch die Nor 
mannen in England, ebenso wie durch die Westgoten in Spanien 
eingeführt, wo unter Karl dem Großen. 811, also drei Jahre 
*) Die Inschrift entstammt der Vorrede zum alten Porstschcn 
Gesangbuche Seile VIII.
        
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