Path:
Periodical volume 14. Juli 1894, Nr. 28

Full text: Der Bär Issue 20.1894

383 S- 
Schlug er den Kleinen auf den Lockenkopf, 
Daß er das Kleid des Mädchens fahren ließ 
Und blutend in das grüne Riedgras sank. 
Da trat aus seiner niedren Hütte Thür 
Der Sachsenkrieger, den die edle Jungfrau 
Gepflegt, und wandte sich mit schwanken Schritten. 
Ein schwacher Helfer, an den grimmen Prisclav: 
„Laß ab von dieser! Wenn Du Beute suchst, 
Geh' in die Hütten, nimm, was dort zu finden! 
Doch schone diese, die, ein 
Wendenmädchen, 
Den wunden Christen von dem 
Tod errettet!" 
Da lachte laut und teuflisch 
Prisclav auf: 
„Willst Du mir. Schwächling, 
meine Beute wehren? 
Wollt' ich Dein Blut — mit meinem 
Lanzenschafte 
Erschlüg ich Dich! — Such' Dir 
ein ander Liebchen. 
Denn dies hier ist für mich!" — 
Wie eine Feder 
Hob er die Jungfrau auf die 
starken Arme 
Und eilte flüchtig mit der schönen 
Last 
Davon, denKranken in ohnmächl'gem 
Zorn 
Verlassend und in heiliger Ent. 
rüstung. 
Bald hatte er, der Waldespfade 
kundig, 
Das feste Land erreicht, wo er 
sein Roß 
An einen dünnen Tannenbaum 
gebunden. 
Dort legt' er die Betäubte in 
das Moos 
Und machte fich mit seinem Hengst 
zu schaffen. 
Ihn fester für den weiten Ritt zu 
gürten. 
Da wacht' die Jungfrau auf aus tiefem Schlafe 
Und wollte in den dichten Wald entfliehen. 
Er eilt' ihr nach, und ein erneutes Ringen 
Begann. — 
Am Heerweg. der vom Flecken Malchow 
Nach Elbenberg durch Waldesschatten führte, 
Ruht' Ritter Guncelin nach scharfem Ritte 
Im grünen Moose. 
Mit zwölf reis'gen Knechten 
War er entsandt, die Wälder zu durchstreifen 
Und Vieh und Korn dem Heer des Sachsenherzogs. 
Das seit des Sommers Anfang mit den Dänen 
Vor Werle lag und kämpfte, zuzuführen. 
Das war ein schwierig Amt in diesem Lande 
Der großen Wälder und der tiefen Sümpfe. 
Drum hatt' er seine kleine Schar zerteilt 
Und harrte hier der Wiederkunft der Seinen. 
Da ließ er seinen Geist ins Weite schweifen: 
„Viel hatte er in kurzer Zeit erlebt! 
Er war des Herzogs offenkund'ger Günstling; 
Weit klang sein Ruhm durch alle 
deutschen Lande; 
Und mehr noch mochte ihm die Zu 
kunft bringen. 
Wem dankte er nächst Gott dies 
sonn'ge Schicksal?" 
Da stieg vor seinem Aug' ein 
Bildnis auf. 
Ein holdes Bildnis, das in Traum 
und Wachen 
Ihn nimmer noch verlaffen: eine 
Jungfrau 
In schlichtem Kleide, aber schön und 
edel. 
Ein Kleinod, wie er nimmer sonst 
geseh'n, 
Die ihn gerettet, die in seinen Armen 
Geruht, auf deren duft'ge, goldne 
Locken 
Er wonnebebend seinen Mund ge 
drückt. 
„Ob fie noch seiner denkt? — Ob 
er noch einmal 
In diese blauen Augen schauen 
darf?" - 
Da schollen durch des Waldes 
heil'ge Stille 
Von fernher laute, bange Hilferufe. 
„Was ist das?" 
„Hastig springt der Ritter auf, 
Ergreift sein Schwert und eilt nach 
-tttschrr Pirr »ob 1350 und kranffuttr §ittt«iiB. jener Stelle. 
IS ^ ^ Jetzt springt er auf die Lichtung, wo 
ein Mann 
Mit einem Weibe ringt. 
Da schallt ein Jauchzen, 
Ein Jubelruf, tief aus gequältem Herzen. 
Mit ihrer letzten Kraft stößt Hodica 
Den Frechen von fich. und mit lautem Schluchzen 
Umfängt fie flehend des Geliebten Kniee, 
Der. ihre Locken streichend, zu ihr spricht: 
„Sei ruhig. Kind, Du bist bei mir geborgen, 
Wie in des Vaters Haus. — Ich danke Gott, 
Der mich zu Deiner Rettung hergeführt." —
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.