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Periodical volume 14. Juli 1894, Nr. 28

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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schließlich, wenn ich es würde, so würde mich das nicht ab 
schrecken. ein solches Opfer zu bringen, denn Norderney, um 
Dir's offen zu gestehen, gehört zu meinen angenehmen 
Erinnerungen. Und ich bin lange genug verheiratet, um mehr 
oder minder angenehme, jedenfalls aber poetische Erinnerungen 
gerne wieder aufzufrischen . ." 
„Ich bitte Dich, Leontine." 
„Ja. James, poetische Erinnerungen, trotzdem oder 
vielleicht auch, weil ich damals noch ein halbes Kind war, 
nicht viel älter als unsre Lulu. Denke Dir, jeden Nach 
mittag. gleich nach Tisch, hatten wir eine Kegelpartie ..." 
„Dergleichen haben wir in Wilmersdorf auch. Selbst in 
Halensee ..." 
„Mit Nichten, mcra ami. Denn erstens war es ein 
Kegelspiel in den Dünen, mitten unter Strandhafer und blauen 
Disteln . . ." 
„Nicht übel." 
„Und zweitens war das, was wir da hatten, keine land 
läufige Berliner Kegelbahn mit einem Brett und einer Rinne, 
daran man sich, wenn man nicht aufpaßt, immer einen Splitter 
einreißt, und einer von den Breslauer Ephraims (ich glaube 
der Lotterie-Inspektor) ist daran gestorben, sondern die Kugel 
hing an einem merkwürdigen altfriesischen Schiffstau, ganz so 
wie wir früher in unserem Garten einen Ring an einer grünen 
Korde hatten, einen Mesfingrlng, der, wenn man's verstand, 
tmmer in einen an einem Birnbaum angebrachten Haken fiel. 
Und genau so fiel da die Kugel in die Kegel. Aber man 
mußte richtig zielen, und ich entsinne mich, daß Alfred Meyer, 
damals ein reizender Junge von kaum 17 und doch schon 
mit einem kleinen Schnurrbart, dreimal hintereinander alle 
Neune warf." 
„Wohl möglich. Leoniine. Ja, sogar wahrscheinlich. 
Später freilich hat er Konkurs gemacht und ist nach Amerika 
gegangen. Und wenn er wirklich solch Kegelvirtuose war, 
wie Du ihn mir schilderst, so wird er wohl eine Tabagie 
drüben haben. Vielleicht am Niagara, dicht am großen Fall." 
„Du weißt, James, ich liebe solche Späße nicht, am 
wenigsten auf Kosten von Personen, die mir in meiner Jugend 
lieb und wert waren. Ich habe nicht die Prätenfion, meinen 
Willen durchzusetzen, man kann auch das verlernen, aber Du 
hast mich aufgefordert, Vorschläge zu machen und Reiseziele 
zu nennen. Und dem bin ich nachgekommen. Und nun sage 
mir, was hast Du gegen Norderney?" 
„Nicht das geringste. Wenn Du also willst, so nehmen 
wir Norderney. Warum nicht? Es ist schließlich keine 
Karaiben-Jnsel von anthropophagem Charakter, und die wilden 
Triebe sowohl der einheimischen wie der eingewanderten Be 
völkerung. die Hoteliers an der Spitze, sollen niehr auf Gut 
als auf Blut gerichtet sein. Also, ich wiederhole, warum 
uicht Leontine? Aber so hübsch Du mir eben das Kegelspiel 
beschrieben hast, so stnd' ich es dennoch für fünf Wochen 
etwas zu wenig. Um so mehr, als ich fest überzeugt bin. 
daß ich niemals dreimal hintereinander alle Neun werfen 
werde." 
„Nein", sagte sie mit jenem Ausdruck von Spott, darin 
Frauen, ihren Ehemännern gegenüber, allemal Meister find. 
„Nein, James, das wirst Du nicht." Und in ihrer plötzlich 
erwachten guten Laune schien sie grad' einen neuen Pfeil aus 
dem Köcher nehmen und ihren Triumph durch einen zweiten 
wohlgezielten Schuß vervollständigen zu wollen, als ein ein 
tretender Diener den Justizrat Markauer meldete. 
James ging dem Angemeldeten entgegen, der seinerseits, 
unter nur leichtem Gruße gegen den Freund, auf die schöne 
Frau zuschritt und ihr die Hand küßte. 
„Geschäfte?" fragte James. 
„Nein." 
,,Tant mieux. Dann frühstücken wir zusammen. Meine 
Frau schwärmi eben für Norderney, gegen das ich nichts 
habe, wenn auch freilich nicht viel dafür. Aber daß sie 
„Jugenderinnerungen" ins Feld führt, was immer eine 
schwache Position bedeutet, macht mir die Sache verdächtig. 
Sie. Markauer. kennen alle Bäder Westeuropas und noch 
einige mehr. Entscheiden Sie zwischen uns und geben Sie, 
wenn es sein muß, meinem aus bloßem Friedensbedürfnis 
geborenen „Ja" die höhere Weihe. Noch schwebt alles. Wie 
steht es? Raten Sie mir zu diesem jugenderinnerungsreichen 
Eiland?" 
Und während James noch so sprach, schob er seinem 
Gaste die beiden auf dem Frühstückstische stehenden Karaffen 
zu. „Port oder Sherry. Markauer? Oder vielleicht lieber 
Liebfraueninilch oder Bocksbeutel oder sonst was Urgermanisches? 
Wir brauchen uns bloß im Spiegel zu sehen, um unsere 
Spezialberechtigung wenigstens vor uns selber nachgewiesen 
zu haben." 
Beide lachten, und nur Leontine, die nach dieser Seite 
hin sehr empfindlich und im letzten Winkel ihres Herzens 
eigentlich Anti-Semitin war, trat an den offenen Flügel und 
strich mit dem kleinen Finger über die Tasten. 
„Also Norderney," wiederholte jetzt James, während er 
Markauer einschenkte. „Doch jedenfalls dagewesen?" 
„Dreimal. Erst 64, als es noch hannoversch war. 
Und dann 80 und 81." 
„Nun." sagte Leonline. vom Flügel her an den Früh 
stückstisch zurücktretend, „lassen Sie hören, Freund. Aber 
vergessen Sie nicht, daß ich Sie kontrollieren und mit Hilfe 
davon in jedem Augenblick feststellen kann, ob Sie falsch 
Zeugnis reden. Also, wenn ich bitten darf, ohne Partei 
nahme." 
„Gewiß, liebe Freundin. Aber werde ich pardonniert 
werden, wenn ich die Wahrheit sage?" 
„Sie sollen sie sogar sagen. Ich liebe Wahrheit bis 
zur Leidenschaft. Es ist die Leidenschaft meiner reiferen 
Jahre ..." 
„Von denen Sie nicht sprechen dürfen, am wenigsten im 
Zusammenhange mit dem vorausgegangenen und Gott sei 
Dank trostreicheren Worte ..." 
James lachte, Markauer aber fuhr fort: „Nun, also 
Norderney. Beginnen wir mit der Bodenbeschaffenheit. Da 
haben wir Dünensand, neuerdings intermittierend mit einem 
in allen drei Aggregatzuständen auftretenden Dünger. Oder, 
wenn Sie wollen, Guano. Norderney soll nämlich ä tont 
prix in einen Fruchtgarten umgewandelt werden, was mir 
vom Standpunkte der Agrikultur aus als ein höchst schätzens- 
wertes, vom Standpunkte der Luftverbesserung aus aber als 
ein höchst fragwürdiges Unternehmen erscheint. Reine Luft 
ist selbstverständlich das dritte Wort, das man zu hören be 
kommt. aber nach meinen persönlichen Erfahrungen entstammt 
die diesen Namen führende, konstant über die Insel hingehende
        
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