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Periodical volume 20. Januar 1894, Nr. 3

Full text: Der Bär Issue 20.1894

« 88 » 
Zureden zur Uebergabe der Festung zu bewegen, indem er 
derselben bemerklich machen ließ, daß die Insel Rügen bereits 
von den Dänen genommen sei. und daß der Admiral von 
Tromp sich bei ihm im Lager befinde, aus dessen Munde die 
Belagerten dieses Ereignis selbst erfahren könnten, zu welchem 
Besuch er erlauben wolle, daß sich ein schwedischer Offizier in 
das brandenburgische Lager unter sicherem Geleit begebe. 
Auch diesmal lautete die Antwort der Verteidiger dahin, 
man müsse thun, was ehrlichen Soldaten wohl anstände, und 
es wäre ihnen daher gleichviel, was sich außerhalb der Festung 
zutrüge. Infolge dessen wurde die Belagerung und namentlich 
der Minenkrieg vom 17. bis 22. auf beiden Seiten fleißig 
fortgesetzt und durch heftiges Geschütz- und Musketenfeuer 
unterstützt. Es kostete dies viel Leule; schwedischerseits fielen 
die Hauptleute Tanteni und Schwynburg, brandenburgischerseits 
der Chef des Jngenieurwesens, General. Ouartiermeister 
Leutnant von Blesendorf, welcher in dem Augenblick von einer 
Kugel ins Herz getroffen wurde, als er eben in betreff einiger 
Arbeiten eine spezielle Anleitung geben wollte. Auch der Haupt- > 
mann von Barnstedt vom Donahschen Regiment wurde als wacht 
habender Offizier schwer verwundet und unter einem Haufen von 
Schutt hervorgezogen, dock genas derselbe später wieder. In der 
Stadt begann es inzwischen immer trauriger auszusehen; viele 
Straßen waren ganz verfallen, Mangel und Rot herrschten 
überall, und das Verhältnis zwischen den geringeren Bürgern 
und den Soldaten begann ein sehr gespanntes zu werden. 
Während die wohlhabenden Einwohner der Stadt nämlich, 
im Einverständnis mit dem Mtliiär, auf Uebergabe drangen, 
widersetzte sich derselben der Handwerkerstand noch immer 
hartnäckig, ungeachtet die feindlichen Kugeln und Minen fort 
während sehr viele Leute fortrafften, denn allein am 11. zum 
Beispiel blieben in der Cvntrescarpe allein über 100 Mann. 
Auch die Belagerungsarbeiten schritten immer mehr vorwärts; 
bereits am 23. September standen die Lüneburger auf dem 
Stettiner Graben, und am 24. schnitten sie sich sogar in den 
Wall ein; auch auf der Seite, wo der Kurfürst stand, blieb 
man nicht zurück; denn, wenn auch bei der Annäherung an 
die Contrescarpe durch die Schweden, welche eine Mine 
springen ließen, mit Verlust zurückgetrieben, entschädigten sich 
die Brandenburger am 25. des Morgens, zwischen 8 
und 4 Uhr. auf gleiche Weise durch Ansteckung einer großen 
Mine, an welcher seit langer Zeit gearbeitet worden war. 
Der Erfolg zeigte sich als ein vollkommen gelungener, denn 
es wurde nicht allein die feindliche Contrescarpe mit allem, 
was darauf stand, teilweise in die Luft gesprengt, sondern 
auch ein großes Loch gerissen, in welchem 70 bis 80 Mann 
Posto fassen konnten. Bis gegen Mittag hatte man sich auch 
wirklich dort verschanzt, und am 27.. vormittags 9 Uhr, wurde 
man endlich durch eine zweite Mine, die man springen ließ, 
der ganzen Contrescarpe Meister. Alle diese Arbeiten und 
Angriffe begleitete ein ununterbrochenes Kanonen- und Musketen 
feuer, welches von den Berichterstattern jener Zeit mehrfach 
> hervorgehoben wird. Inzwischen war man durch die Eroberung 
der Contrescarpe auch bis in den Hauptgraben gelangt und 
gab sich der Ansicht hin. die Belagerten würden sich jetzt nicht 
mehr länger als acht Tage halten können. Daß es bei den 
verschiedenen Gefechten übrigens nicht immer gerade sehr 
menschlich herging, beweist z. B. der Umstand, daß am 
29. September gegen fünfzig Schweden, die von den Ihrigen 
abgeschnitten worden waren und sich in ein Gewölbe unter 
der Contrescarpe geflüchtet hatten, durch das Hineinwerfen 
von großen und kleinen Granaten, von Stanktöpfen und 
Pechkränzen auf eine jämmerliche Weise teils zerschmettert, 
teils erstickt wurden, denn man hatte das Gewölbe besetzt und 
ließ niemand hinaus. In der Stadt nahm die Verwirrung 
und Entmutigung zu, und man sprach bereits von Uebergabe, 
als die im schwedischen Solde stehenden Spione die falsche 
Nachricht zu verbreiten wußten, die Dänen seien auf der 
Farsthau« und Pfarrhaus in Döderih. 
Nach einer photographischen Aufuahme von Franz Tis mar.
        
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