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Periodical volume 7. Juli 1894, Nr. 27

Full text: Der Bär Issue 20.1894

318 C* 
Mit Staunen erst, mit steigender Entrüstung. 
Im Hellen Zorn dann hörte Hodica 
Des Mannes Reden. 
„Pfui!" - rief sie - „Pfui! 
Welch' frevles Thun! Du willst Dein eigen Volk, 
Den eignen Vater an den Feind verkauf.'»?! 
Ist das die Lehre Deines Christentums? 
Will das Dein Gott, der Gott der Lied' und Treue, 
Der Vater Dich und Mutter ehren heißt. 
Auf daß Du glücklich seist und lange lebest?" — 
„Gemach! Gemach nur, schöne Hodica! 
Ich weiß auch ohne Euch, was thun, was lassen. 
Nur nicht so böse!" 
Und mit kecken Blicken 
Wollt' er die Arme um die Jungfrau schlingen. 
Mit beiden Händen wehrte Hodica 
Den Frechen von sich ab. doch wieder breitet 
Er seine Arme aus: 
„O. spröde Jungfrau. 
Der Ritter hat es Dir wohl angethan? 
In seinen Armen ruht es sich wohl besser, 
Als in den meinen?" 
Da riß Hodica 
Das scharfe Schwert ihm aus der Lederscheide 
Und sprang zurück: 
„Wenn Dir Dein Leben lieb. 
Rühr' mich nicht an und nenne nicht den Namen 
Des Edlen, der so hoch erhaben ist. 
Daß Deine Motte ihn nicht treffen können! 
Und mich? Mich rührt Dein freches Spotten nicht! 
Was ich dort that, das habe ich gethan. 
Weil ich den Ritter über alles liebe. — 
Nun geh' und steige dort in jenen Kahn, 
Und wenn Du nicht die Insel jetzt verlässest. 
So rufe ich das ganze Volk herbei 
Und zeihe Dich des schmählichen Verrates, 
Den Du an Deinem eig'nen Blut getrieben! 
Mag dann mit mir geschehen, was da wolle!" 
Durch die Beherztheit Hodicas erschreckt. 
Wich Prisclav scheu zurück. Dann lenkte er 
Zum Kahn die Schritte, und nach kurzer Frist 
Sah man im Westen in dem Uferschilf 
Des Sees den Einbaum mit dem Mann verschwinden. — 
Die nächsten Tage gab's ein emsig Treiben 
Im Dorfe drunten und im Tempel droben: 
Auf das Geheiß des Fürsten wurde alles, 
Was Wert besaß, auf breitem Floß verladen. 
Im Rat der Allen hatte man beschlossen, 
Wie man vor Jahren in der Burg Dobbin 
Den Feind erwartet, diesesmal nach Werke 
Zu zieh'», der festen Burg, die in den Sümpfen 
Am Einfluß lag der Nebel in die Warnow, 
Der stärksten Veste in den Wendenlanden. 
Die andren Burgen: Jlow und Dobbin, 
Zuerin und Parchim, Michlinbucg und Daffow, 
Cutin und Malchow, und die Dörfer alle, 
Sie legte man durch Brand in Schutt und Asche, 
Um Schutz und Obdach den verhaßten Gegnern 
Zu nehmen. 
Alle Frauen, alle Kinder 
Barg man im Schutz der Wälder und der Sümpfe. 
Dorthin auch schaffte man das Hausgerät 
Und alles Vieh: das einz'ge Gut der Wenden. 
Am dritten Tage nach dem Opferfeste 
War wüst und leer die heil'ge Tempelinsel; 
Der Oberpriester blieb allein zurück. 
„Denn Gott" — so sprach er — „werde seinen Diener 
Beschützen. — Nimmer weiche er den Christen!" — 
9. Durch Nacht zum Licht. 
Seit vierzehn Tagen stand das Christenheer 
Im Wendenland. — 
Kein Obdach, keine Speise. 
Ja selbst kein Brunnenwasser fand man hier. 
Denn listig waren durch der Wenden Hand 
Die Quellen und die Brunnen all' verschüttet. 
Das gab so manchen Aufenthalt, auch traute 
Der Herzog nicht der List des Wendenfürsten 
Und sorgte, daß er überfallen würde. 
So drang das Sachsenheer nur langsam vor. 
Die Burg Zuerin ward neu und stark befestigt 
Und reis'ge Mannschaft in den Wall gelegt, 
Verstärkt durch eine kleine Zahl von Rittern. 
Dann ging es weiter. 
Nach dem Götzentempel 
Ward eine Schar Bewaffneter auf Kähnen 
Gesandt, die Götzenbilder zu zerstören. 
Bald loderte die Burg des Radegast 
In hellen Flammen auf; der Oberpriester 
Fand seinen Tod durch eines Sachsen Hand. 
Sein Grab in seines Tempels schwarzen Trümmern. 
Mit lautem Sange und mit Exorcismen 
Beschwor ein Mönch der Wendengötter Geister 
Und weihte Hain und Insel dem Dreiein'gen, 
Des Tempels Trümmer mit geweihtem Wasser 
Besprengend. 
Als die gold'ne Sonne sank. 
War einsam Hain und Insel; Totenstille 
Umgab den Raum, nur schaurig heult' der Wind 
Durch schwarze Trümmer und verkohlte Balken. — 
Und weiter zog des Sachsenherzogs Heer 
Und stieß zusammen mit der Macht der Dänen. 
Nur selten sah man kleine Wendentrupps, 
Die hier und da im Hinterhalt gelegen, 
Und selten kam's zu größeren Gefechten, 
Darin fast stets die Christen Sieger waren.
        
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