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Periodical volume 30. Juni 1894, Nr. 26

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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veranlaßten die Sage, daß der Teufel die Heilkräfte diesem 
Kraute mißgönne, und daß er demselben so aufsässig sei, daß 
ei es nächtlicher Weile mit Nadeln durchsteche (Montanus. 
Volksaberglaube). Will man in Tyrol einen weiten Weg 
unternehmen, so pflückt man Johanniskraut vor Sonnenaufgang 
oder vor dem Ave Maria-Läuten und legt es in die Schuhe, 
dann wird man nie müde. Werden die gelben Blüten und 
Knospen zusammengepreßt, so erhält man einen dunkelroten 
Saft, der einem Blutstropfen ähnelt. Die Landleute nennen 
dies St. Johannisblut und die Pflanze Alfblut (Elfenblut.) 
Dieser Name steht auch mit Freyr in Beziehung, denn 
Grimnismal Str. 5 heißt es: 
„Alsheim gaben dem Freyr die Götter im Anfang der 
Zeiten als Zahngebinde." 
In Alsheim haust das Volk, das man Lichtalfen nenni, 
diese Lichtalfen wohnen also bei Freyr. Junge Mädchen 
quetschen in manchen Gegenden noch jetzt die Blumen zwischen 
Leinwand und prophezeien sich aus dem daraus hervorquellenden 
roten Saft ihr zukünftiges Geschick. In Thüringen spricht 
man dabei: 
Schätzchen, bist du 
mir gut. 
Gieb mir ganz rotes 
Blut. 
Bist du mir gram, 
Gieb mir grasgrünen 
Scham (Schaum). 
Ein anderer Name 
der Pflanze ist Har- 
renaue. Diese Be 
zeichnung der Pflanze 
sinder sich in der 
Havelgegend bei 
Plaue; dort setzt man 
die Pflanze in Be 
ziehung zu dem Ge 
witter; bei starken 
Donnerschlägen hört 
man von alten Leuten den Vers: 
„Js denn keene olle Fraue. 
Die kann pflücken Hartenaue. 
Det sich das Gewitter stalle!" 
Wer um das Johannisfeuer tanzte, mußte einen Kranz 
von Johanniskraut tragen, und am Niederrhein flechten noch 
heute die Kinder Johanniskränze und werfen sie auf die Haus 
dächer. weil sie Segen bringen. — Am Johannistage ist auch 
der Beifuß (Artemisia vulgaris) bedeutungsvoll. Grimm 
(Mythologie) schreibt darüber: „Wer Beifuß im Hause hat. 
dem mag der Teufel nicht schaden. Hängt die Pflanze über 
dem Thor. so ist das Haus gesichert vor dem Einschlüpfen 
böser Geister und gegen Feuersgefahr." Man gürtet sich mir 
Beifuß und wirft ihn am Johannistage unter Sprüchen und 
Reimen ins Feuer, daher hat die Pflanze auch den Namen 
Johannisgürtel, Sonnenwendgürtel, Gürtelkraut erhalten. Wer 
Beifuß an sich hängt, ermüdet nicht auf der Reise (Plinius 25,7). 
Johannisblume heißt auch die Wucherblume (Ostr)sau- 
themum), im Volksmunde auch Tyalerblume, große Gänse 
blume, großes Maasliebchen genannt. Sie dient als Liebes, 
orakel, denn Liebende reißen die einzelnen weißen Strahlen 
blätter der Blume mit den Worten: „Er (oder sie) liebt mich, 
er liebt mich nicht," ab und zählen genau, ob das letzte 
Blättchen mit einem „liebt mich" oder „liebt mich nicht" zu 
sammenfällt. Goethe hat diesen finnigen Brauch im „Faust" 
verherrlicht. — Johanntsblume nennt man auch im Vogtlande 
Amica montana. Die Pflanze wird besonders am Johannis 
tage eingesammelt, und die Wurzeln, vorzüglich aber die Blüten 
werden auf Spiritus gesetzt, um eine heilsame Tinktnr für 
offene Wunden zu erhalten. Arnika wird auf die Felder ge 
steckt. unter das Dach gelegt, in der Stube ausgehängt und 
schützt gegen Blitz und Hagelschlag. — Für das Vogtland ist 
auch die Orchis maculata, geflecktes Knabenkraut, be 
deutsam. Am Johannistage zwischen 11 und 12 Uhr oder 
am Abend sammelt man die Wurzelknollen (die Handle), doch 
dürfen sie nicht mit bloßen Fingern angefaßt werden (Hotz. 
Wer sie bei sich trägt, hat Glück beim Spiele und immer 
Geld im Beutel (Reichenbach). Die handförmigen Wurzeln 
gaben Anlaß zu abergläubischen Deutungen. War die Wurzel 
weiß, so nannte man 
sie Marienhand oder 
Muitergotteshänd- 
chen, war sie aber 
schwarz, so nannte 
man sie Teufelshand 
oder Satansfinger. 
Wenn man ' beide 
Arten von Wurzeln 
zugleich unter einer 
Orchidee fand, so legte 
man sie wohl aufs 
Wasser, wobei man 
mit Grausen sah. wie 
die weiße Wurzel 
schwamm, während 
die schwarze unter- 
ging. Diese Erschei 
nung erklärt sich ein 
fach aus dem Umstande, daß oie Orchideen neben der 
frischen diesjährigen, vollsaftigen Wurzel noch die zusammen 
geschrumpfte vorjährige haben, welche untersinkt. Den alten 
Kräuterkundigen war aber dieser Unterschied der beiden Knollen 
nicht bekannt, sie glaubten deshalb, zwei verschiedene Eigen 
schaften in dem Safte der Knollen entdecken zu müffen. 
Ein anderes Johanniskraut ist das kanadische Berufs 
kraut (Erigeron canadensis). Dieses Berufs kraut gehört 
zu den berüchtigten Zauberkräutern und wurde früher gegen 
Brustkrankheiten und vom Landmanne gegen das sogenannte 
Beschreien der Kinder gebraucht. Abergläubische Menschen 
meinen nämlich, man könne durch übermäßiges Lob, vorzüglich 
neugeborenen Kindern, schaden, selbst ohne es zu wollen. 
Sie nennen dies Berufen. In früherer Zeit legte der Land 
mann als Gegenmittel gegen solches Berufen den Kindem 
etwas von diesem Kraute in die Wiege. Schon Griechen und 
Römer hatten diesen Aberglauben, letztere suchten solches Lob 
durch Hinzufügung des Wortes praefisciue, d. h. sine fascino 
(ohne Bezauberung), wie unsere Landleute durch „Gott be 
hüte es" oder „unberufen", unschädlich zu machen. 
Dio PIfarvkirctir in Gvarnron, i. d. U.-M.
        
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