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Band 30. Juni 1894, Nr. 26

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Verschwinden  Niclot  und  dem  Oberpriester
Gekündet  worden,  und  die  beiden  hatten
Den  alten  Wenden  ins  Verhör  genommen.
Der  diese  Nacht  dort  auf  der  Wacht  gestanden.  —
„Wenn  das  das  Volk  erfuhr,  so  war's  vorbei
Mit  aller  Hoffnung  auf  der  Wenden  Sieg,
Denn  abergläubisch  war  das  Heidenvolk."  —
Da  zitterten  dem  alten  Mann  die  Kniee,
Denn  Todesstrafe,  wohl  war's  ihm  bewußt,
War  seines  Durstes  folgerechler  Lohn.
Doch  faßt'  er  sich,  und  schlau,  mit  wicht'ger  Miene
Die  welken  Hände  wie  zum  Schwur  erhebend.
Begann  er:
„Als  ich  diese  üble  Nacht
Dort  Wache  stand,  erschien  der  Christengott  —
Und  —  und"  —
„War's  nicht  der  hohe  Radegast?"  —
Fiel  streng  der  Priester  ein,  mit  scharfen  Blicken
Dem  Zitternden  ins  bleiche  Antlitz  schauend.  —
„Ja  —  Radegast!  —  Natürlich  Radegast!  —
Sagt"  ich  nicht  so?  —  Ja  freilich,  Radegast!  —
In  goldner  Waffenrüstung  —  auf  dem  Schimmel  —
Und  ritt  und  sagte  ja,  was  sagt"  er  gleich?"  —
Wie  Hilfe  suchend  schaut  er  nach  dem  Priester.
„Und  sprengte  mit  des  Speeres  goldner  Spitze"  —
So  fuhr  der  Crioe  fort  —  „das  feste  Thor
Der  Hütte.  —  War's  nicht  so?"  —
„Ja,  ja,  natürlich!
So  war's!  Wahrhaftig,  so  ist  es  gewesen!
Und  dann  —  dann  sagte  er  —  dann  sagte  er"  —
„Nichts  sagte  er!"  —  so  donnerte  der  Priester.
Daß  schier  der  Alte  in  die  Kniee  sank.  —
„Er  hob  den  Ritter  auf  sein  weißes  Roß
Und  nahm  den  Toten  mit  sich  in  die  Lüfte."
„Und  hob  ihn  in  die  Wolken.  Freilich  that  er's!
Ich  hab's  mit  wachen  Augen  angesehen,"  —
Sprach  kühner  werdend  jetzt  der  alle  Wende,
Dem  eine  Zentnerlast  vom  Herzen  fiel.
„Ja,  ja!  Was  man  nicht  alles  noch  erlebt!"
„So  geh  und  künde  dies  Gesicht  dem  Volke!"
„Nur  hüte  Dich"  —  rief  zornig  Fürst  Niclot  —,
Noch  einmal  Radegast  bei  Nacht  zu  sehen;
Sonst!"  —
Tief  gebückt  entfernte  sich  der  Alte,
Und  listig  blinkten  seine  kleinen  Aeuglein.
Als  er  im  Dorf  in  seiner  Hütte  stand.
Da  kratzt'  er  sich  am  Ohr.
„Ich  bin  ein  Schlaukopf,
Das  hab'  ich  klug.  erstaunlich  klug  gemacht!
Mich  soll  so  bald  nicht  einer  überlisten!"  —

Inzwischen  nahm  das  Opferfest  den  Fortgang.
Es  wurden  die  Gefang'nen  vorgeführt.
Entkleidet  und  in  schweren  Eisenfeffeln.
Mit  wucht'gem  Hieb  der  schweren  Opferbeile
Erschlugen  Priester  die  gefang'nen  Männer.
Dann  legte  man  die  Leichen  auf  den  Stein,
Und  mit  dem  Opfermesser  schnitt  der  Crive
Die  warmen  Herzen  aus  der  Toten  Leibern.
„O.  Radegast!  sei  diesem  Opfer  gnädig!"  —
So  flehte  laut  im  Kreis  das  Wendenvolk  —
„Gieb  uns  den  Sieg!  Hilf  Deinen  treuen  Dienern!"
Da  senkte  sich  des  Götzenbildes  Schwert
Und  schlug  mit  lautem  Dröhnen  auf  den  Schild.
„Heil  Radegast!  Dem  Volk  der  Wenden  Sieg!"
So  klang  es  jubelnd  aus  der  Männer  Munde,
Und  fröhlich  drängte  sich  nun  Jung  und  Alt
Hinaus  zum  Tempel  auf  den  grünen  Festplatz.
Wo  mit  gebral'nem  Fleisch  und  braunem  Biere
Niclot  die  Seinen  nach  dem  Volksbrauch  labte.
Da  saß  denn  auch  der  alte  Wächter  wieder;
In  Thränen  glänzten  seine  list'gen  Aeuglein,
Mit  Purpur  färbte  sich  sein  stumpfes  Näschen.
Und  wohl  zum  zehnten  Mal  erzählte  er
Voll  Stolz,  was  er  in  dieser  Nacht  erlebt.
So  aß  und  zechte  man  bis  tief  zur  Nacht,
Und  als  es  fern  am  Morgenhimmel  graute.
Lag  schlummernd,  von  dem  Gerstensaft  bezwungen,
Der  Alre  schnarchend  unter  einer  Eiche
Und  träumte,  er  sei  selber  Radegast,
Der  mit  den  Fäusten  jenen  Ritter  würge.
Mit  beiden  Häuden  hielt  er  fest  umfaßt
Die  Scherben  eines  großen,  ird'nen  Kruges.  —
Seitab  von  all  dem  lauten  Volksgetümmel.
Im  Waldesschatten,  wo  fie  niemand  sah.
Saß  Hodica  auf  einem  grauen  Steine.
Ihr  lieblich  Köpfchen  ruhte  in  den  Händen.
Und  Thränen  rannen  über  ihre  Wangen.
„Jetzt  war  er  fern,  der  heißgeliebte  Mann,
Wie  grau  und  öde  schien  ihr  heut  die  Welt!
Wo  blieb  der  helle  Schein  der  goldnen  Sonne?
Der  laute  Jubelton  der  Vogellieder?
Wo  blieb  die  Ruhe,  ach,  des  armen  Herzens?
Dahin!  Dahin!  —  Verloren,  ja  verloren  —
Auf  ewig!"  —
Wie  in  heißen  Fiebergluten
Erbebten  ihre  zarten,  schlanken  Glieder.  —
„Noch  fühlte  fie  den  Kuß  auf  ihrer  Stirn!
Noch  fühlte  fie  des  teuren  Herzens  Schlag!  —
O.  wäre  fie  in  jener  Nacht  gestorben
            
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