Verschwinden Niclot und dem Oberpriester
Gekündet worden, und die beiden hatten
Den alten Wenden ins Verhör genommen.
Der diese Nacht dort auf der Wacht gestanden. —
„Wenn das das Volk erfuhr, so war's vorbei
Mit aller Hoffnung auf der Wenden Sieg,
Denn abergläubisch war das Heidenvolk." —
Da zitterten dem alten Mann die Kniee,
Denn Todesstrafe, wohl war's ihm bewußt,
War seines Durstes folgerechler Lohn.
Doch faßt' er sich, und schlau, mit wicht'ger Miene
Die welken Hände wie zum Schwur erhebend.
Begann er:
„Als ich diese üble Nacht
Dort Wache stand, erschien der Christengott —
Und — und" —
„War's nicht der hohe Radegast?" —
Fiel streng der Priester ein, mit scharfen Blicken
Dem Zitternden ins bleiche Antlitz schauend. —
„Ja — Radegast! — Natürlich Radegast! —
Sagt" ich nicht so? — Ja freilich, Radegast! —
In goldner Waffenrüstung — auf dem Schimmel —
Und ritt und sagte ja, was sagt" er gleich?" —
Wie Hilfe suchend schaut er nach dem Priester.
„Und sprengte mit des Speeres goldner Spitze" —
So fuhr der Crioe fort — „das feste Thor
Der Hütte. — War's nicht so?" —
„Ja, ja, natürlich!
So war's! Wahrhaftig, so ist es gewesen!
Und dann — dann sagte er — dann sagte er" —
„Nichts sagte er!" — so donnerte der Priester.
Daß schier der Alte in die Kniee sank. —
„Er hob den Ritter auf sein weißes Roß
Und nahm den Toten mit sich in die Lüfte."
„Und hob ihn in die Wolken. Freilich that er's!
Ich hab's mit wachen Augen angesehen," —
Sprach kühner werdend jetzt der alle Wende,
Dem eine Zentnerlast vom Herzen fiel.
„Ja, ja! Was man nicht alles noch erlebt!"
„So geh und künde dies Gesicht dem Volke!"
„Nur hüte Dich" — rief zornig Fürst Niclot —,
Noch einmal Radegast bei Nacht zu sehen;
Sonst!" —
Tief gebückt entfernte sich der Alte,
Und listig blinkten seine kleinen Aeuglein.
Als er im Dorf in seiner Hütte stand.
Da kratzt' er sich am Ohr.
„Ich bin ein Schlaukopf,
Das hab' ich klug. erstaunlich klug gemacht!
Mich soll so bald nicht einer überlisten!" —
Inzwischen nahm das Opferfest den Fortgang.
Es wurden die Gefang'nen vorgeführt.
Entkleidet und in schweren Eisenfeffeln.
Mit wucht'gem Hieb der schweren Opferbeile
Erschlugen Priester die gefang'nen Männer.
Dann legte man die Leichen auf den Stein,
Und mit dem Opfermesser schnitt der Crive
Die warmen Herzen aus der Toten Leibern.
„O. Radegast! sei diesem Opfer gnädig!" —
So flehte laut im Kreis das Wendenvolk —
„Gieb uns den Sieg! Hilf Deinen treuen Dienern!"
Da senkte sich des Götzenbildes Schwert
Und schlug mit lautem Dröhnen auf den Schild.
„Heil Radegast! Dem Volk der Wenden Sieg!"
So klang es jubelnd aus der Männer Munde,
Und fröhlich drängte sich nun Jung und Alt
Hinaus zum Tempel auf den grünen Festplatz.
Wo mit gebral'nem Fleisch und braunem Biere
Niclot die Seinen nach dem Volksbrauch labte.
Da saß denn auch der alte Wächter wieder;
In Thränen glänzten seine list'gen Aeuglein,
Mit Purpur färbte sich sein stumpfes Näschen.
Und wohl zum zehnten Mal erzählte er
Voll Stolz, was er in dieser Nacht erlebt.
So aß und zechte man bis tief zur Nacht,
Und als es fern am Morgenhimmel graute.
Lag schlummernd, von dem Gerstensaft bezwungen,
Der Alre schnarchend unter einer Eiche
Und träumte, er sei selber Radegast,
Der mit den Fäusten jenen Ritter würge.
Mit beiden Häuden hielt er fest umfaßt
Die Scherben eines großen, ird'nen Kruges. —
Seitab von all dem lauten Volksgetümmel.
Im Waldesschatten, wo fie niemand sah.
Saß Hodica auf einem grauen Steine.
Ihr lieblich Köpfchen ruhte in den Händen.
Und Thränen rannen über ihre Wangen.
„Jetzt war er fern, der heißgeliebte Mann,
Wie grau und öde schien ihr heut die Welt!
Wo blieb der helle Schein der goldnen Sonne?
Der laute Jubelton der Vogellieder?
Wo blieb die Ruhe, ach, des armen Herzens?
Dahin! Dahin! — Verloren, ja verloren —
Auf ewig!" —
Wie in heißen Fiebergluten
Erbebten ihre zarten, schlanken Glieder. —
„Noch fühlte fie den Kuß auf ihrer Stirn!
Noch fühlte fie des teuren Herzens Schlag! —
O. wäre fie in jener Nacht gestorben