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Periodical volume 23. Juni 1894, Nr. 25

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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an. Neben den kurfürstlichen Landreitern und den Stadt 
dienern sollten „einspännige Knechte" ausreiten. um die Land 
straßen von den Friedensbrechern zu säubern. Vergebliches 
Bemühen! Die unter den Kurfürsten Joachim Friedrich und 
Johann Sigismund nötig werdenden Erneuerungen und Ver 
schärfungen der Edikte „wider die herumstreichenden Bettler 
u. s. w.", „wider die herumstreichenden, herrenlosen Lands 
knechte u. s. w.", „wider das unter dem Namen der Soldaten 
hemmlaufende und sich zusammenrottierende Gesindel und 
Bauernplacker", „wider den Mutwillen und die Gewalt der 
Gardenven und herumvagierenden Soldaten u. s. w." sind 
neben anderen Zeichen und Geschehnissen ein unzweideutiges 
Zeugnis für den fortschreitenden Verfall der öffentlichen 
Sicherheit. 
Der Hang zu Gewaltthätigkeiten verbreiiete sich mehr 
und mehr. Mäßigung war nirgends zu finden. Selbst die 
Geistlichkeit war ihrer bar. Von den Kanzeln herab eiferten 
die Lutheraner wider die Reformierten in blindem Haß. Der 
Fanatismus wuchs, und als der Kurfürst Johann Sigismund 
im Jahre 1613 zum reformierten Bekenntnis übertrat, rottete 
das durch die Hetzreden seiner lutherischen Prediger aufge 
stachelte Volk von Berlin sich zusammen. Es „lösten sich 
alle Bande frommer Scheu." Der reformierte Hofprediger 
mußte flüchten; sein Haus ward zerstört; ja soweit gingen die 
Ausschreitungen der Verblendeten, daß sie die Hand gegen 
den Landesherrn selbst erhoben: der Kurfürst ward bei einem 
dieser Volksaufläufe von einem Slein getroffen. — Und wie 
in der Mark Brandenburg, so in den anderen Landen des 
heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die Lutheraner 
wetterten wider „die kalvinistischen Ketzer", und die Refor 
mierten verketzerten „die lutherischen Päpste." Derweil so die 
Anhänger der „reinen Lehre" sich gegenseitig verlästerten und 
verfluchten, erhoben die Katholiken stolzer ihr Haupt und 
sannen auf die Unterdrückung der Abgefallenen und auf ihre 
Zurückführung in den Schoß der „alleinseligmachenden 
Kirche." Die Anläufe zur Verwirklichung dieser Pläne und 
ihre Abwehr entfesselten schließlich das schwere Unwetter, das 
von Böhmen her über Deutschland heraufzog und über der 
Mark Brandenburg sich besonders heftig entlud. Der dreißig 
jährige Krieg vernichtete den letzten Rest von Wohlstand und 
Gesittung, und unter den unbeschreiblichen, fürchterlichen 
Gräueln und Verwüstungen dieses völkermordenden Krieges 
erblaßte den Märkern die Erinnerung an die vorausgegangenen 
Drangsale der „guten, alten Zeit." 
Kleine Mitteilungen. 
Klick auf den Großen Aüdenhof (Abbildung S. 301). 
„Einen Jüdenhos giebt er in Berlin?" Diese Frage wurde jüngst im 
Tone der Zweifels an den Schreiber dieser Zeilen von jemand gerichtet, 
welcher mehr als drei Jahrzehnte in Berlin wohnhaft ist, und er dürfte 
viele Berliner geben, welche sich in der gleichen Unkenntnis befinden. Der 
Jüdenhof liegt östlich von der Jüdenstraße; er führt zu demselben ein 
Gäßchen zwischen Sieber- und Parochial-Straße, welcher sich zu einem 
unregelmäßig gestalteten Viereck, dem Jüdenhofe, erweitert. Der Jüdenhof 
war bereits Ende des 13. Jahrhunderts als verschließbarer Wohnsitz der 
Juden eingerichtet, deren erste urkundliche Erwähnung in Berlin in dar 
Jahr 1317 fällt. Die älteste Geschichte der Juden in Berlin ist mit Blut 
geschrieben, und die Jüdenhöse*) sind oft der Schauplatz wüster Greuelscenen 
gewesen, die ihren Grund in GlaubenSsanatiSmuS und sozialen Notständen 
hatten. Ihre Höhepunkte erreichten diese Judenverfolgungen in dem Stras- 
versahren, welches 1510 38 Juden einem qualvollen Flammentode über 
lieferte, und in der grauenvollen Hinrichtung des Juden Lippold im Jahre 
1573; sie fanden ihren Abschluß erst in dem Schutz-Edikt, welches der 
Große Kurfürst am 21. Mai 1671 erließ. Ende des 17. Jahrhunderts 
erwarben die Juden dann auch allgemein das Recht, außerhalb der Jüden» 
Höfe Häuser zu kaufen, und damit verloren die Jüdenhöse bald ihren 
eigenartigen Charakter. In älterer Zeit dursten die Juden nur auf ihren 
Höfen wohnen. Diese wurde» abends verschlosien und von Stadlknechten 
bewacht. Auf dem Großen Jüdenhofe befand sich die älteste Synagoge in 
Berlin, erst später — wann, ist nicht bekannt — wurde eine solche auf 
dem Kleinen Jüdenhofe erbaut. Authentische Nachrichten, wie eS auf dem 
Großen Jüdenhofe in ältester Zeit aussah, sind nicht aus unS gekommen. 
Schwebel giebt in einem seiner Werke ein Phanlasiegebilde, das der 
Wirklichkett wohl nahe kommen dürste. „Schmutz- und Kehrichthaufen", 
sagt er, „machten ihn unwegsam; die Fachwerksduden schienen dem Zu 
sammensturz zu drohen. Auch das Aeußere der Synagoge war mehr als 
Bescheiden; eS wäre sehr unklug gewesen, wenn die Israeliten sich mit 
ihren Reichtümern hätten brüsten wollen. Barfüßige, krauigelockte Kinder 
balgten sich in dem Schmutze herum; frühverblühle Weiber in Lumpen 
versuchten eS vergeblich, deren wildem Treiben zu steuern. Wenn aber ein 
RitterSmann mit sporenklingendem Schritt, wenn ein Ratmann in pelz 
verbrämtem Gewände zu dunkler Abendstunde sich in das Innere solch 
einer Judenbude begab und die Vorhänge vor der Thür deS Wohnzimmers 
zurückgeschlagen hatte, dann mochte er wohl erstaunt ein wenig zurücktreten. 
Ueber die Rolle der Thorah gebeugt, saß dort vielleicht ein ehrwürdiger 
Greis von patriarchalisch ernstem GesichtSauSdruck, und dort lauschte ihm, 
den Blick sehnsüchtig in die Ferne gerichtet, eine Tochter JudaS von 
ergreifender, fremdländischer Schönheit; auf dem Haupte einen goldenen 
Reif, von welchem ein langer Schleier herabfloß, um den Hals ein Perlen 
halsband und auf der Spange des Mantels einen funkelnden Edel 
stein, welcher doch nicht schöner strahlte alS dar dunkle, mandelförmige 
Auge. Oder der Hilfesuchende traf die gesamte Familie bei der silbernen 
Lampe an. und er tönten ihm Psalmen und Tischgesänge von mehr als 
lüvO jährigem Alter entgegen; kurz, das streng abgeschloflene, geheimniS- 
*) 1354 wurde der Kleine Jüdenhof, der bei der Anlage der Kaiser 
Wilhelm-Straße gefallen ist, eingerichtet. 
volle jüdische Familienleben entfaltete seine düstere Poesie in Berlin ebenso 
gut wie in den Städten der deutschen Südens und Westens." So haben 
wir uns das Leben im Großen Jüdenhofe um das Jahr 1400 vorzustellen. 
An all das Fremdartige, Seltsame erinnert jetzt nur noch der Name. Der 
jetzige Jüdenhos, auf welchen uns Georg Schübel einen Blick werfen läßt, 
ist ein stiller Plätzchen von kleinstädtischem Gepräge in unmittelbarer Nähe 
der geräuschvollen Hauptverkehrsadern der Reichshauptstadt. Dar Häuschen 
mit der Steintreppe, vor welcher sich die stattliche, alte Akazie erhebt, ge 
hört dem Ende der 17. Jahrhunderts an. ES dürfte mit dem der Ge 
heimen RaieS und General-FiSkalS Wilhelm Duhram, dem ersten 
Vorsteher der Parochial-Gemeinve, identisch sein (gestorben 1735), welcher 
nach dem Schutz Edikte die Jurisdiktion über die Juden in Berlin zu üben 
hatte. R. G. 
Die Darortiiol-Gerneinde blickt in diesem Jahre auf ein 
2OO jähriges Bestehen zurück: am 4. Juni 1694 gestattete Kurfürst 
Friedrich III. den Bau der Parochial-Kirche, deren Grundstein am 
15. August 1695 feierlich gelegt wurde. Der „Bär" hat sich in seinen 
älteren Jahrgängen*) so auSsührlich mit der Geschichte dieser Kirche be 
faßt, daß ich hier aus dieselbe nicht zurückzukommen brauche. Wer sich 
eingehend über die Parochial-Kirche informieren will, dem sei die soeben 
erschienene JubiläumS-Schrift: „Die Paroch ial-Kirche in Berlin 1694 
bis 1894" vom Baumeister D. Joseph (Berlin 1894, Bibliographisches 
Bureau, Preis 2,50 Mk.) warm empfohlen. Diese bau- und kunstgeschicht- 
liche Studie beruht auf archivalischen Studien; sie umfaßt die Geschichte 
der Kirche von der Gründung der Gemeinde bis zu dem letzten in den 
Jahren 1884 und 1885 vorgenommenen Unibau. Der Verfasser hat mit 
vielem Fleiße und vieler Sachkenntnis dar gesamte auf die Geschichte der 
Kirche bezügliche Material naä, kritischer Sichtung zusammengestellt; er 
läutert wird der Text durch 11 Holzschnitte, welche die Nehringschen, 
Grünbergschen und Gerlachschen Entwürfe veranschaulichen und die Innen- 
Perspektive der Altarapside, der Orgelapside und den Grundriß der 
Parochial-Kirche vor ihrem letzten Umbau wiedergeben. R. G. 
Küchertisch. 
Dante» Hölle, der göttlichen Komödie erster Teil. Uebersetzt von 
Alfred Bassermann. Heidelberg 1892. Verlag von Carl Winter. 
Preis 5 Mk.. gebd. 6 Mk. 
Die göttliche Komödie Dante«, dieses Epos der Eilösung, diese viel 
bewunderte, viel erklärte, aber wenig gelesene und noch weniger verstandene 
gigantische Schöpfung de« großen Florentiners, zieht immer wieder Ueber- 
setzer an. die sich an die Riesenausgabe wagen, die 14233, an Rätseln so 
reichen Verse in daS geliebte Deutsch zu übertragen. Die vorliegende 
Uebersetzung der „Hölle" von Alfred Bassermann ist als ein neuererfolg, 
reicher Versuch zu begrüßen, dieser Riesenausgabe Meister zu werden. 
*) Vergl. III. Jahrg., S. 200: „Die Parochialkirche in Berlin" von 
OSkar Schwebel" (mit der Abbildung der Ausführung der Kirche durch 
Gerlach); von demselben Versasier: X<. Jahrg., S. 234 und S. 244; 
seiner: XI. Jahrg., S. 618, „Zur hunderlneunzigjährigen Feier der Grund 
steinlegung der Parochialkirche" von Peter Walls (S. 620 Abbildung 
deS Nehringschen Entwurfs vom Jahre 1695).
        
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