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Periodical volume 23. Juni 1894, Nr. 25

Full text: Der Bär Issue 20.1894

296 «. 
Die eines Weibes hilfsbereite Hand 
Zu heilen weiß. Das ist die heil'ge Pflicht, 
Der mehr ich. als Ihr ahnt, zum Opfer bringe!" — 
„So nimm als Dankeszeichen diese Kette" — 
Sprach Guncelin —, „sie ist von laul'rem Golde, 
Die reiche Gabe meines edlen Herzogs." 
Da blitzten zornig ihre Augen: 
„Meint Ihr, 
Herr Ritter, um des eitlen Goldes willen 
Hab' Hodica Verrat geübt am Volke 
Der Wenden? — Meint Ihr, um Gewinnes willen 
Hab' sie das hohe Heiligtum geschändet, 
Das allen ihren Vätern heilig war?" 
Und zornig schleudert sie die goldne Kette 
Zu Boden, daß die blanken Ringe klirrten. 
Mit freud'gem Staunen ruht des Ritters Blick 
Auf ihrem Antlitz, ihren weichen Formen. — 
Wie war die Jungfrau schön, berückend schön, 
Als sie so dastand, voller heil'gen Zornes, 
Im bleichen Schein des halb verdeckten Mondes! 
Im rauhen Kleide eine Königin! — 
„So nimm mein dankbar Herz, Du liebes Mädchen, 
An dessen Hochfinn sich so mancher Christ 
Ein herrlich leuchtend Beispiel nehmen könnte! 
Stets will ich Dein gedenken. — 
Nun, leb wohl!" — 
Und in die Arme schloß der starke Mann 
Die schlanke Maid, die zitterte und bebte, 
Und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. 
So lag sie willenlos an seinem Herzen. 
„Jetzt sterben an des teuren Mannes Brust. 
Den sie geliebt, bevor sie ihn gekannt, 
Und den sie lieben würde bis zum Tode!" — 
„Behüt Dich Gott denn, wackres Heldenmädchen!" — 
Ein letzter Händedruck, und Guncelin, 
Zum Geh'n gewendet, sah, wie Hodica 
In ihre Kniee sank und. mit den Händen 
Das holde Antlitz deckend, bitter schluchzte. 
„Behüt Dich Gott!" So schallt' es noch einmal 
Aus fernem Waldesdunkel. Dann ward's still. 
Und weinend, kaum noch ihrer selbst bewußt, 
Erhob sich Hodica. bestieg den Kahn 
Und lenkte ihn durch sanfte Wasserwogen 
Im Schein des Mondes nach der Tempelinsel. 
(Fortsetzung sotgt.) 
Marie vM Moltke. 
Von Richard George. 
tMit Porträt.) 
„Als Moltke (am 31. Juli 1870) in seinem offenen 
Wagen an der Alsenbrücke nahe bei dem Brandenburger Thor 
vorüberfuhr", so erzählt Wilhelm Petsch, „schaute sein blaues, 
großes Auge zu dem Siegeswagen mit der Viktoria empor, 
die Blücher uns dereinst aus Paris zurückgeholt hat. Die 
Menge umdrängte den Wagen, von allen Dächern wehten 
Fahnen, und aus allen Fenstern winkten ihm von Damen 
händen geschwenkte Taschentücher Abschiedsgrüße zu. Doch 
Moltkes Blick hing an dem herrlichen Siegeszeichen des alten 
Thores, das der volle Strahl der Sonne traf. Das Erzbild 
der Siegesgöttin war von leuchtendem Sonnenglanze umflossen. 
Mit diesem Bilde schied Moltke von der Heimat. Sein Auge 
glänzte." 
Das Auge des greisen Feldherrn glänzte in froher Sieges 
zuversicht; aber es wurde auch in tiefer Wehmut feucht, denn 
zugleich trat vor seine Seele jener April-Tag des Jahres 
1842. an dem er. der 42jährige Major, mit seiner jungen 
16 jährigen Gattin an dem herrlichen Brandenburger Thor 
vorüberfuhr, dessen Siegeswagen aus dem frischen Grün des 
Tiergartens emporragte, und er gedachte jener Stunde, da er 
die junge Lebensgefährtin in die freundliche, behaglich ein 
gerichtete Wohnung am Potsdamer Platze führte. Am 
16. Juni des Jahres 1871 erglänzte die Schadowsche Sieges 
göttin wiederum in hellem Sonnenschein: die siegreich heim 
kehrenden Garden hielten ihren feierlichen Einzug in die festlich 
geschmückte Hauptstadt. Mit welch freudigen Empfindungen 
muß in jener Stunde Moltke zu der Viktoria emporgeblickt 
haben, als er mit Btsmaick und Roon dem siegreichen Kaiser 
voranritt! In den frohen Siegesjubel mischte sich überall die ' 
Freude des Wiedersehens, und jubelnd umdrängten die Mütter, 
die Frauen, die Schwestern die heimkehrenden Krieger. In 
tiefer Wehmut mußte der greise Feldherr in dieser weihevollen 
Stunde der Heimgegangenen Gattin gedenken, welcher es nicht 
beschieden war, diese große Zeit zu erleben, die ihr patriotisches 
Herz mit dem größten Jubel erfüllt hätte; er mußte jenes 
trüben Weihnachlslages des Jahres 1868 gedenken, wo sie, 
die heißgeliebte Lebensgefährtin, die den großen Schweiger 
ganz verstanden, nach einer 26 jährigen Ehe ihm entriffen worden 
war. Mitten aus dem wechselvollen Leben des Krieges hatte 
er am 21. September 1870 aus Ferneres die wehmütigen 
Worte geschrieben: „Heute hatte ich einen Brief von Geheim, 
rat v. Frankenberg. Der gute, alte Herr schickte mir ein 
Epheublatt von der Kapelle in Creisau. Ja, hätte Marie 
diese Zeitläufe noch erlebt! Aber ich denke, die dahin 
geschiedenen Menschen verlieren die Kenntnis irdischer Dinge 
nicht, und ihr patriotisches Herz nimmt an allem teil." — 
Marie v. Moltke, geborene Burt, hatte ihren Gatten 
verehrt, ehe sie ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte. 
Der Hauptmann v. Moltke schrieb während seines Aufenihalts 
in der Türkei (1835—39) an seine Angehörigen in Deutsch 
land jene Briese, die 1841, als sie im Druck erschienen, so 
berechtigtes Aufsehen erregten. Einen Teil derselben richtete 
er an seine Schwester Auguste v. Moltke. welche mit dem 
Engländer John Heyliger Burt Esqu. aus Colton-House 
bei Lichfield in Steffordshire vermählt war. Moltkes Schwester 
war den beiden Töchtern des Squires aus dessen erster Ehe
        
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