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Periodical volume 16. Juni 1894, Nr. 24

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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die mit einer nackten, schlüpfrigen Haut bedeckten Schleimfische (Blennius), 
stumpskövfige, über jedem Auge tcntakcl- oder fühlerartige, verzweigte 
Hautanhänge tragende und mit einer ungewöhnlich langen Rückenflosse 
ausgerüstete, auf bräunlichem Grunde dunkel quergebänderte Fische, die 
vermittelst Ausrichten ihrer dann segelartigen, durch einen schwarzen Fleck 
ausgezeichneten Rückenflosie fich ein gefährliches Ansehen zu geben und 
andere Mitbewerber um eine Beute zurückzuschrecken misten. Die Gruppe 
der aalartigen Fische wurden durch einen großen Meeraal ergänzt und die 
Kollektion der Haifische um sechs stattliche Stücke vermehrt, sodaß die 
Gesellschaft dieser Quermäuler jetzt durch drei Arten und durch junge 
Tiere von Fingerlänge an in jeder Größe bi« zu ausgewachsenen Exemplaren 
repräsentiert wird. Aus Brandenburg a./H. wurden durch einen Fischer 
zwei der großen Meer-Neunaugen, sogenannten Lampreten, welche unsere 
bekannten Flußneunaugen an Länge und Stärke merklich übertreffen, 
eingeliefert. 
Das Kurfürstvrrderrlrrncrl xu Frioscrrtr. Der Aus 
schuß für das bei Friefack zu errichtende Äurfürstendenkmal hat am S. Mai 
im Sländehaufe getagt. Ueber die Beiträge wurde berichtet, daß die 
Gesamteinnahme einschließlich der aufgelaufenen Zinsen 43158 Mk. be 
trägt. Die Gesamtkoften werden aus 45 000 Mk. geschätzt; den noch 
fehlenden Betrag von 3000 Mk. hofft der Ausschuß noch von den städtischen 
Behörden Berlins zu erhalten. Die Grundsteinlegung wird ohne eine 
besondere Feier am 19. Juni stattfinden, und dar Denkmal selbst bis 
Mitte September ausgestellt sein, so daß die Enthüllungssei-r an 
einem noch vom Kaiser zu bestimmenden Tage der zweiten Hälfte des 
Monat» September stattfinden kann. 
Aus der Zeit Rietjclicus. Konrad Stein, geboren im 
Jahre 1604 zu Freienseen im Hessischen, wurde, nachdem er in Gießen 
und Marburg studiert hatte, Gymnasiallehrer, legte nach fünfjähriger 
Thätigkeit seine Stelle nieder, um Holland, England und Frankreich zu 
durchreisen und seine Kenntnisie zu erweitern. Seine Mittel waren sehr 
beschränkt, in Frankreich langte er mit 40 Reichrthalern an. Aber mit 
Hilfe von vier Fasttagen wöchentlich verstand er eS, gleich seinen begüterten 
Reisegesellschaftern auszukommen. In Paris erhielt er einen Brief der 
Frankfurter Schultheiß von Cronstetien, der die Bitte enthielt, über besten 
Sohn während feiner Reise die nötige Aussicht zu übernehmen, oder, wie 
sich Stein ausdrückt, »ihn in fein Conduil zu nehmen und bis zu Endt 
seiner vorhabenden Reiß und Erlernung der Sprachen, gegen Versprechen 
einer guten RecompenS, bei ihm zu verpleiben." Stein ging auf diesen 
Antrag ein, und am 13.. Juli 1635 langte der junge Frankfurter in Paris 
an. Nachdem sie alle Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt besichtigt hatten, 
reisten sie nach Orleans und die Loire hinab nach Tours Hier beschlosten 
sie, längere Zeit zu verweilen, und lebten im ersten Gafthose der Stadt 
gar köstlich, die Person monatlich für 31 Franken, alles eingerechnet. 
Fünf Wochen hatten sie so zugebracht, da kam eines Abends ein Offizier 
der königlichen Leibwache, al» Civilist verkleidet, in ihren Gasthos und 
beobachtete sie, ohne ihre Ausmerksantkeil weiter zu erregen. Aber srüh 
4 Uhr stellten fich er und der Wirt, beide mit Pistolen in der Hand, vor 
der Thür zu dem Zimmer der beiden Deutschen ein und forderten Einlaß. 
Stein öffnete und erschrak. Der Offizier gab sich als solcher zu erkennen 
und frug, ob er der Junker Steffen von Cronstetien sei, den er auf Befehl 
des Königs nach Paris in die Bastille abführen solle. Stein bejahte da«, 
um seinen Pflegebefohlenen zu retten Aber der Osfizier hatte bas Haus 
mit Bewaffneten umstellen lasten, die jeden Insassen genau auSsragten. 
Cronstetten gab sich endlich zu erkennen. ES wurde Stein gestattet, vor 
auszureisen, um fich sofort sür die Befreiung seine» Schülers verwenden 
zu können. In Paris angekommen, sckeute er kein Opfer, um zu diesem 
Ziele zu kommen. Aber vergebens! Richelieu wies ihn an den König, 
und als er ihm endlich gelungen war, mit Hilfe einer Hauptmanns von 
der Schweizergarde Ludwtg XIII. zu treffen, wie dieser gerade aus der 
Kapelle von St. Germain kam, und ihm auf den Knieen seine Bittschrift 
überreichte, da wies ihn dieser wieder an Richelieu. Unterdessen war 
Cronstetten in der Bastille sehr erkrankt, und die Aerzte sprachen ihm schon 
das Leben ab. Ueber diese schreckliche Zeit sagt Stein: „Worüber, weil 
ich über Nacht nicht, auch de» tags nicht lang bei ihm pleiben dürsten, 
besonder? aber wegen Forcht der Verführung von seiner Glauben Be 
kanntnuß. mir viel graue Haare in wenig Tagen gewachsen, welche jeder 
mann, der mich gekennet, mit Verwunderung mir angesehen." Nicht ein 
mal den Grund der Verhaftung erfuhr er. Richelieu hüllte sich in 
Schweigen, und trotzdem Stein Frankreich nach allen Richtungen durchreifte, 
fand er niemanden, der ihm gegen den allmächtigen Kardinal Beistand 
geleistet hätte. Endlich suchte er in Burgund den damaligen Bundcsgenosten 
der Franzosen, Bernhard von Weimar, auf. Dieser hochherzige Mann 
verwendete seinen Einfluß auf Richelieu in uneigennützigster Weise. Er 
gab vor, Cronstetten wolle an dem Feldzuge nach dem Rhein und nach 
Franken teilnehmen. Der Kardinal gab nach, und nach einer Gefangen- 
schast von 20 Monaten kam Cronstetten frei. Mit Stein zusammen kehrte 
er nach Deutschland zurück, nicht ohne unterwegs einer Gefahr glücklich zu 
entgehen, denn bei Dijon wären sie bald von räuberischen Bauern erschlagen 
worden. „Mit war erstellendem Geist," so schließt Stein, „der alte Vater 
seinen einzigen Sohn aus so bekannter, großer Gefahr der erlittenen 
Gefängnuß undt gethaner Reiß, wiverumb frisch und gesundt zu Hauße 
gesehen, und wie seine alte, betagte Mutier für Freuden geweint und den 
Sohn gantz verstummbt und ftillschweigendt lange Zeit nur angesehen, 
daran kann ich ohne Gemüthsbewegung nicht gedenken. Nun konnten wir 
unß all unseres außgestandtenen Leid» widerumb erjetzen." v. 
Cranz oder Uerrcke? Auch die neuere Litteraturgeschichte 
hat Raum sür Untersuchungen über die Verfasterschaft von Büchern, und nicht 
zum wenigsten die spezifisch Berliner. Denn groß ist die Zahl anonymer 
Schriften, deren genauen Prozentsatz zu bestimmen eine interestante Arbeit 
wäre. Ob dieser jetzt höher oder niedriger al« etwa vor 100 Jahren, 
genug auch damals erschienen viele anonyme Werke. Erschien da auch 
1783 in Berlin die „Korrespondenz mit und über eine Berlinische Lais, 
zugeeignet dem Vers, de» Versuchs einer Anleitung zur Sittenlehre," d. i. 
Joh. Heinr. Schulz, dem Zopsprediger, so genannt, weil er im Haarzopf 
predigte, nicht in Perücke, dem im Zeitalter der Orthodoxie so notwendigen 
Stück der geistlichen Amtstracht. Meusel nun in der 4. Ausgabe seine» 
gelehrten TeutschlandS schreibt diese Korrespondenz dem berüchtigten 
Aug. Friedr. Cranz zu, und danach ist sie auch in da«, soweit ich sehe, 
letzte der Absicht nach vollständige Verzeichnis der Cranzschen Schriften 
im Lexikon der hamdurgischen Schriftsteller von Schröder aufgenommen. 
Doch stammt sie nicht von Cranz nach seiner eigenen Versicherung in 
seinem z. T. bet KoSmann, Denkwürdigkeiten, im Dezember 1801 ab 
gedruckten Briefwechsel mit Valentin Heinr. Schmidt, dem bekannten 
Mitherausgeber des neuesten gelehrten Berlin. Vielmehr rührt sie von 
Carl Christoph Nencke her, wie dieser selbst es in den von ihm mit 
I. F. Knüppeln und Paalzow herausgegebenen „Büsten Berlinischer Gelehrten 
und Künstler mit Devisen" anziebt, hier zugleich den Inhalt dieser 
Korrespondenz so skizzierend: sic enthält unter dem Vehikel deS Scherzes 
und Persiflage, welche sich auf lauter Thatsachen gründet, einige wichtige 
Winke, sowohl für die Polizei der Sitten, «IS der Gesundheit. — Noch 
andere Beziehungen bestehen übrigens zwischen Cranz und Nencke: so war 
eS Nencke, der 1784 die .Leichenrede auf den Kriegsrat Cranz" schrieb, 
als dieser wohl vor seinen Gläubigern nach Hamburg geflüchtet war. 
Und vorher hatte dasselbe Jahr 1784 von Nencke den „Bürgersreund", 
von Cranz dar „Bürgerblatt" gebracht. Die Konkurrenzschreiberei blühte 
eben auch damals. Das erfuhr z. B. auch Lessing, dessen Litteraturbriese 
noch 1759 ein interestanteS Gegenstück erhielten in den sehr selten gewordenen 
„Freymüthige Briese über die neuesten Werke auS den Wistenschafien in 
und außer Deutschland," Hamburg und Leipzig bey G. C. Grund« Witwe 
und A. Heinr. Stolle, diese so eingekleidet wie jene, an einen Offizier im 
Felde gerichtet, ihn auf dem Lausenden in der Litteratur zu halten und 
seine Langeweile ihm zu vertreiben, mit direkter Beziehung auf sie. 
Schließlich erschienen 1786 noch „Neue Litteratur-Briefe", Berlin bei 
Frdr. Vieweg, die vom famosen Carl Frdr. Bahrdt stammen. 
Schade nur, daß so wenig von all dem, zumal der TageS-Litteratur 
auf den öffentlichen Bibliotheken vorhanden ist. Da auch alles Suchen 
diese Lücken nicht ausfüllen dürfte, wäre eS doppelt wünschenswert, eine 
Bibliographie von Berolinensien zu schaffen, möglichst im Austrage und 
mit Unterstützung der Stadt. vr. E. Rowe. 
Dringende Kitte an alle Freunde deutfictzen 
Ualkstedens. Im Jahre 1888 wurde von einer Anzahl Freunde 
deutscher Volkskunde dar Museum für deutsche Volkstrachten und 
Erzeugnisse der Hausgewerbes errichtet, um an einer Zentralstelle 
dem deutschen Volke die im Verschwinden begriffenen deutschen Volkstrachten 
und die jeder Gegend Deutschlands eigentümlichen Hausgeräte und Gegen 
stände des gewerblichen HauSfleißeS, soweit die« heute noch erreichbar, in 
guten Originalen oder in Abbildungen und Modellen möglichst vollständig 
vor Augen führen zu können. 
Die Königliche Staats Regierung bezeigte diesem patriotischen Unter 
nehmen ihr besonderer Wohlwollen dadurch, daß sie demselben einen Teil 
der Räume des Hygienischen Instituts in Berlin 0. Klosterstr. 36, behuf» 
Aufstellung der Sammlungen zur Verfügung stellte; dadurch ist es möglich 
geworden, die Sammlungen dem Publikum zugänglich zu machen und da» 
Museum am 10. November 1889 zu eröffnen. 
Seither sind die Gründer des Unternehmens und andere Freunde 
derselben bestrebt gewesen, die anfänglichen Sammlungen zu vervoll 
ständigen und immer lehrreicher zu gestalten. ES sind in der Folge nicht 
allein viele einzelne Gegenstände, sondern auch ganze Sammlungen hinzu 
gekommen, so daß die bisherigen beschränkten Räume nicht ausreichen, die 
gesammelten Schätze, die sich noch täglich vermehren, auszustellen. 
Jedoch da» Sammeln allein genügt nicht. Wir bedürfen auch der 
Mittel, um die Sammlungen zu unterhalten, und die Verwaltung-kosten 
zu decken (Personal, Heizung, Schränke), und wenn da» Unternehmen auch 
hierbei seiten» der König!. Staats-Regierung, sowie der Verwaltung der 
Stadt Berlin vielfache Unterstützung gesunden hat, so war dieselbe nicht 
ausreichend, um für die Dauer die finanziellen Schwierigkeiten zu beseitigen. 
Letztere sind der Art, daß augenblicklich nicht allein die Entwicklung, sondern 
auch das Bestehen de» Museum» in Frage steht, war um so mehr zu 
bedauern ist, al» das bisher Geleistete von allen kundigen Besuchern aus 
daS Lebhafteste anerkannt worden ist. 
ES wäre sehr beklagenswert, wenn nach so groben erfolgreichen An 
strengungen und bei der Aussicht auf eine befriedigende Verwirklichung deS 
vorgezeichneten Planes, namentlich angesichts der im Jahre 1896 in Berlin 
stattfindenden Gewerbeausstellung, das deutsche Volkstrachten Museum, daS 
doch auch eine besondere Art der Industrie zur Anschauung bringt, wegen 
Beschaffung der verhältnismäßig geringen VerwaltungSkosten im Betrage 
etwa von 1800 Mk. jährlich, sollte ausgegeben werden mästen. 
DaS unterzeichnete Komitee wendet sich daher an alle Freunde deutschen 
Volkslebens mit der dringenden Litte, dem zur Förderung de» Museum» 
gegründeten Verein beizutreten oder durch Spendung eines Geldbeitrages 
seine Bestebungen zu unterstützen, wie auch in befreundeten Kreisen sür den 
Beitritt wirken zu wollen, damit e» möglich wird, durch dieses neue Institut, 
welches hier in der ReichShauptstadt geschaffen ist, unseren Nachbarn von 
dem deutschen Volkstum, wie eS sich heute noch in seinen einzelnen Stämmen 
und Gauen erhalten hat, ein lebendiger Bild zu geben und sür ferne
        
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