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Periodical volume 16. Juni 1894, Nr. 24

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Werk ist von entzückender Schönheit der Formen. Sehr 
hübsch find auch zwei Relief-Medaillons von Balthasar 
Schmitt in München: „Madonna" und „Nusioa sacra". 
Der letzte der Mittelsäle, der große Saal 12, macht uns 
zunächst mit dem gewaltigen Werke eines Berliner Bildhauers, 
mit dem für Stettin bestimmten Kaiser Wilhelm-Denkmal 
von Carl Hilgers bekannt, das in der Mitte des Saales 
auftagt. Aber der Raum ist zu klein, um das riesige Monument 
zur Geltung kommen zu lassen. Wir betrachten deshalb lieber 
den vor dem großen Hilfsmodell aufgestellten kleinen Entwurf, 
an dem wir die künftige Gestaltung des Denkmals viel besser 
kennen lernen können. Auf wenigen Stufen baut sich der 
einfach profilierte Sockel auf. an dessen vier Ecken Kriegerge-s 
stalten stehen; ein zum An 
griff blasender Artillerist, ein 
den Pallasch ziehender Kürassier, 
ein verwundet zurücksinkender 
Fahnenträger und ein wache 
haltender Mattose. An der 
Vorderfront des Postamentes 
unter der Widmung liegt auf 
einem lorbeerumkränzten Kiffen 
die Kaiserkrone. Das etwas 
derbe Pferd ist langsam vor 
wärtsschreitend aufgefaßt. Es 
hat den ersten Vorderfuß er 
hoben und den Kopf ein wenig 
nach rechts geneigt. Der Kaiser, 
in Generalsuniform mit offe 
nem Militärmantel, fitzt, die 
Rechte auf dem Schenkel ge 
stützt, in energischer, aber nicht 
pathetischer Haltung im Sattel. 
Das Haupt ist nach links ge 
wendet und scheint eine Schlacht 
zu beobachten. Die Auf- 
faffung ist recht lebensvoll. 
Der Geist der großen Zeit 
in deren Mittelpunkt der Neu 
begründer des deutschen Reiches 
stand, gelangt hier aber auch 
nicht überzeugender zum Aus 
druck, als bei den vielen 
anderen Kaiser Wilhelm-Denk 
mälern. die in den letzten Jahren entstanden find. Sonst birgt 
dieser Saal an plastischen Arbeiten noch ein wenig charakte 
ristisches Standbild Kaiser Friedrichs III. von Fritz Heinemann 
eine stimmungsvolle Grabfigur von Joseph Uphues, eine 
innig empfundene Christusfigur von H. Pohlmann und eine 
recht theatralische Gruppe mit dem anspruchsvollen Titel: „Es 
ist kein Weg zu diesem Busen, als mitten durch den meinen," 
einen anscheinend in Gefahr geratenen Kreuzritter darstellend, 
vor den zum Schutz ein orientalisches Mädchen sich wirft, von 
Karl Jermann. Alle diese Künstler darf die Reichshauptstadt 
zu den ihrigen zählen. 
Weniger zahlreich find in diesem Saale die Berliner 
Maler vertreten. Es find deren nur drei zu nennen: Carl 
Rahtjen mit zwei stimmungsvollen Landschaften „Mondnacht" 
und „Abendfrieden", zu denen die bekannten Lenauschen Gedichte 
den trefflichen Künstler angeregt haben, Otto Goldmann 
mit einem drolligen Genrebilde „Wie weiter?" Eine alte Frau, 
die beim Einrühren des Kuchenteiches auf bedenkliche Schwierig 
keiten gestoßen zu sein scheint und nun das ehrwürdige Koch 
buch zu Rate zieht, und Erich Brutal mit einer etwas 
verfehlten „Vision". In das kleine Fenster einer Dachkammer 
sendet die Sonne ihre Strahlen. Die schillernde Sonnenglut 
wandelt sich in der vielleicht vom Fieber erhitzten Phantasie 
des armen Weibes zu einer Erscheinung der heiligen Jungftau, 
der es nun sein Kind mit flehender Miene entgegenstreckt. 
Die Phantasie, der dieses Bild entsprossen ist, ist wohl nicht 
so krankhaft wie die Technik, in der das Bild gemalt ist. 
Auf die bedeutsamsten Werke auswärtiger Künstler m 
diesem Saale komme ich im 
nächsten Berichte noch kurz 
zurück. Richard Schott. 
Berliner 
Ueujahrswünsche aus 
dem Anfange dieses 
Jahrhunderts. 
(Mit Abbildungen.) 
Neujahrswünsche in humo 
ristischer Form, wie solche 
seit langer Zeit in Deutschland 
eingeführt find, nehmen unser 
Interesse deshalb besonders in 
Anspruch, weil sie als volks 
tümliche Spiegelbilder der Zeit 
gelten können. Die Ereigniffe 
des verfloffenen Jahres, 
brennende Zeit- und Streit- 
fragen auf den Gebieten der 
Politik und des öffentlichen 
Lebens gelangen darin zum 
drastischen Ausdruck. Zugleich 
erhalten wir dadurch Kenntnis 
von gesellschaftlichen Sitten, 
besonders Moden u. dergl. Im 
Jahrgang 1888/89 brachte der 
„Bär" einen Aufsatz über 
„Berliner Neujahrswünsche im 
vorigen Jahrhundert" aus der Feder Ferdinand Meyers, des 
Berliner Historikers. Im Anschluß daran find in der vor 
liegenden Nummer einige derartige Neujahrswünsche aus dem 
Anfange dieses Jahrhunderts, deren farbige Originale der 
Sammlung des Unterzeichneten angehören, zur Abbildung gelangt. 
Von den drei Blättern zeigt das eine einen buckligen 
Possenreißer mit Schleppsäbel und Sporenstiefel (S. 289). 
Er trägt unter dem Arme ein Buch mit der Aufschrift: 
„Profit das neue Jahr." Durch Zeichen an dem aus dem 
aus dem Buche heraushängenden Bändchen wird folgender 
gereimter Glückwunsch sichtbar: 
„Es lächle Dir die fteundlichste der Horen 
Zum neuen Jahr, wie ich es thu'. 
Fest, wie mein Schwert, sei Deine Seelenruh, 
Dein künft'ges Glück so groß wie meine Sporen." 
Kerlinee Neufahrsrnunsrft aus dem Anfange 
dieses Aaftvhunderts.
        
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