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Periodical volume 13. Januar 1894, Nr. 2

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Privilegien, welche die Stadl genoß, eintreten würde, wozu 
namentlich die Niederlage-Gerechtigkeit gehört, kraft welcher 
alle auf- und abgehenden Waren dort ausgeladen und ver 
kauft werden mußten. Dann kam aber auch noch der Um 
stand hinzu, daß zwischen Märkern und Pommern von alters 
her eine gewisse Abneigung durch die vielen gegenseitigen Be 
fehdungen herrschte, daß man eine vermehrte Abgabenlast be 
fürchtete, und daß endlich auch bei der strengen Scheidung, 
welche sich damals noch zwischen Reformierten und Lutheranern 
geltend machte, religiöse Bedenken ins Spiel kamen, welche 
durch die Aufstachelung der Schweden noch vermehrt wurden, 
obgleich der Kurfürst den hinterpommerschen Städten bereits 
in der Regierungsverfassung vom 11. Juli 1654 die Ver 
sicherung gegeben hatte, sich in religiöser Beziehung keine 
Reform anzumaßen, sondern jedem seine Gewissensfreiheit zu 
gönnen, und obgleich sich eine ähnliche Bestätigung bereits in 
den kurfürstlich hinterpommerschen konfirmierten Landes- 
Privilegien vom 7. Oktober 1665 vorfand. 
Dies find in aller Kürze die Gründe, welche die Stettiner 
zu einem für ihre Stadl so verderblichen Widerstand auf 
reizten, als der Kurfürst, nachdem er die Schweden am 
18. Juni 1675 bei Fehrbellin aufs Haupt geschlagen hatte, 
den Feldzug in Pommern eröffnete, nachdem er vorher mit 
Dänemark, Münster und Braunschweig-Wolfenbüttel ein 
Bündnis geschlossen hatte, und nachdem die Pommern von dem 
Kaiser am 7. Dezember ihres Eides and ihrer Pflicht gegen die 
Krone Schwedens entbunden worden waren. Nach der 
Eroberung von Wollin, Greifenhagen, des Zollschlosses an 
der Oder und des Kastells Wildenbruch richtete Friedrich 
Wilhelm seine Hauptabsicht auf Stettin; da er aber sah, daß 
dasselbe von Wolgast große Zufuhren empfing, so nahm er 
zunächst diesen Ort am 9. November durch Kapitulation, 
indem er der 820 Mann starken Besatzung freien Abzug nach 
Stralsund gewährte. Im nächsten Jahre eroberte der Kur 
fürst Uckermünde. Tribsees, die Peenemünder Schanze, Anklam, 
Löcknitz und Damm, und nun stand ihm nichts mehr im 
Wege, um zur Belagerung Stettins zu schreiten, und er hielt 
den Zeitpunkt um so eher dazu geeignet, da ihm gleichzeitig 
die Nachricht von einer zweimaligen Niederlage der Schweden 
zur See durch die Dänen zugegangen war, wodurch die 
Festung nunmehr nicht mehr hoffen durfte, von dieser Seite 
Unterstützung oder Zufuhr zu erhalten. Der Kurfürst brach 
demnach ohne Verzug mit seinem Heere am 25. Juni 1677 
von Berlin auf und rückte bis Kolbitzau, zwei Meilen von 
Stettin, vor. Da der Rest der Belagerungsarmee unter dem 
Generalmajor v. Giese noch erwartet wurde, so blieb Friedrich 
Wilhelm am 26. bei Kolbitzau liegen, brach aber, nachdem 
die hier in Rede stehende Vereinigung am 27. bewirkt worden 
war, des Morgens 4 Uhr mit seiner Reiterei auf und rückte 
bis auf eine Viertelmeile vor die Stadt, wo auf der West 
seite ein Lager aufgeschlagen wurde, während die 4000 Mann 
starken Lüneburger unter dem General-Major v. Ende auf 
der Ostseite ein zweites Lager bezogen, welches mit dem 
ersteren durch eine Kommunikationslinie verbunden ward. 
Um dem Leser bei den weiteren Mitteilungen über den 
Gang der Belagerung einige Anhaltspunkte zu seiner 
Orientierung zu geben, wollen wir gleich jetzt mit einigen 
Worten die Stellung bezeichnen, welche die Belagerten ein 
nahmen. Links vom brandenburgischen Lager befand sich 
nämlich eine alte schwedische Sternschanze, noch aus der Zeit 
Gustav Adolfs, weiter vor, zwischen dieser und dem Lager, 
lag die große, mit 97 Mörsern und Haubitzen und 18 Böllern 
besetzte Batterie. Rechts vom brandenburger Lager führte 
ein Weg nach den Oderbrücken; dort waren zur Verteidigung 
derselben von den Belagerten drei Schanzen errichtet worden. 
Auf dem rechten Ufer wurde die Stadt durch die Lastadie ge- 
schützt, die durch einen Arm der Oder, der in den Dammschen 
See fällt, so wie durch Morast und Sträucher, die sich den 
See entlang bis an die Zollschanze zogen. Weiter vor 
geschobene Werke bildeten nach dieser Seite hin die 
schwedische Redoute, die Brandschanze, das Blockhaus und die 
Zollschanze. Der von den Brandenburgern später angelegte, 
eine Meile lange Damm, begann bei der Oderbrücke und 
endete zwischen der Zollschanze und Brandschanze, so daß das 
Blockhaus in der Mitte liegen blieb, indem der Damm in 
zwei Armen auslief. 
Nachdem das brandenburgische Lager bereits am 27. Juni 
von der Festung aus, jedoch wirkungslos, stark mit Achtzehn- 
pfündern beschossen worden war, fand am 28. ein Kriegsrat 
statt, und der Kurfürst erteilte den Befehl, am Ufer der Oder 
eine Redoute auszuwerfen und einen vom Feinde eingerissenen 
Damm wieder herzustellen. Die folgenden Tage wurden 
dazu benutzt, eine Brücke über die Oder zu schlagen, die an 
den Seiten mit guten Schanzen und in der Mitte, auf einer 
kleinen Insel, mit einem starken Blockhaus versehen ward; als 
dieses Werk vollendet war, erhielt am 4. Juli der General- 
Major von Schwerin den Befehl, die Insel mit einer starken 
Abteilung Infanterie zu besetzen und sich des Dammes 
zwischen dem Blockhaus und der Zollschanze zu bemächtigen. 
Diese Aufgabe war insofern schwierig, als die Truppen über 
eine Meile weit durch einen starken Morast marschieren und 
sich den Weg erst durch Legung von Faschinen ebnen mußten. 
Doch wurden diese Hindernisse beharrlich besiegt und auf dem 
Damme eine starke Schanze aufgeworfen und mit Geschützen 
besetzt. Hierdurch war es nicht allein möglich, sowohl die 
Zollschanze wie das Blockhaus zu beschießen, sondern auch 
den ganzen Oderstrom zu beherrschen und den Belagerten das 
Futter auf den Wiesen und im Bruche zwischen der Zollschanze 
und der Lastadie abzuschneiden. Um die Brandenburger aus 
dieser Position wieder zu vertreiben, machten die Schweden 
unter Führung des Obersten van der Noth am anderen Tage 
einen Ausfall, trieben die kurfürstlichen Vorposten zurück, 
eroberten eine freistehende Kanone, wurden aber beim Angriff 
auf die Redoute selbst mit einem Verlust von 20 Toten, unter 
denen sich ein Oberstleutnant und ein Major befanden, zurück 
geschlagen. Nun ließ der General Schwerin seinerseits das 
Blockhaus, zwischen der Lastadie und der Zollschanze, beschießen 
und eroberte dasselbe, nachdem es vorher durch eine Granate 
in Brand gesteckt worden war. Ein Fähnrich mit 21 Mann, 
3 Geschütze, sowie zahlreiche Munition und Lebensmittel fielen 
dabei in seine Hände. Inzwischen hatten die Schweden zu 
Wasser die Zollschanze noch bedeutend dnrch grcbes Geschütz 
verstärkt, als sie sich aber von der Einnahme des Blockhauses 
überzeugten, zogen sie sämtliche Stücke aus derselben zurück 
und steckten sowohl die Schanze, wie die damit in Verbindung 
stehenden Brücken über die große und kleine Parnitz in Brand, 
indem sie dieses wichtiges Werk gänzlich aufgaben und es 
den Brandenburgern überließen, die es auch sofort besetzten
        
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