Path:
Periodical volume 2. Juni 1894, Nr. 22

Full text: Der Bär Issue 20.1894

<« 259 & 
Waffen erschienen. Einen Ueberfall von polnischer Seite 
vermochten die Woldenberger 1625 noch abzuschlagen; fie 
jagten die polnischen Reiter über den Hochzeiter Paß vor sich, 
dessen Brücken dann der Amtmann von Marienwalde, Bernd 
von Waldow, hinter ihnen abbrechen ließ, wodurch der Handel 
nach Polen gänzlich lahm gelegt wurde; ebenso hatte ein 
Ueberfall am 24. Januar 1626 keine ernsteren Folgen. Im 
Jahre 1627 begann das Städtchen den ganzen Jammer des 
Krieges kennen zu lernen. Die Truppen des kaiserlichen 
Generals Montecucoli machten den Anfang, ihnen folgten die 
Pappenheimschen Kürassiere und viele andere Blutsauger, so 
daß die entnervte Stadt bald außer stände war, den an fie 
gestellten Anforderungen zu genügen und die Kontributionen 
aufzubringen. An die Stelle der Wallensteinschen Truppen 
traten seit 1631 die schwedischen. 1632 klagt der Rat in 
einem Schreiben an den Kurfürsten, daß von 254 Bürgern 
nur noch 70 übrig seien, die kümmerlich ihr Brot hätten und 
alle Lasten tragen müßten. „Und da fie keine Kommerzien 
mehr mit Polen haben, so haben fie kein Geld auflreiben 
können, und so haben die Kaiserlichen ihnen Pferde. Ochsen, 
Kühe genommen, aber zum Gotterbarmen gering taxirt; ein 
Pferd statt 20 Thlr. 7—8 Thlr., einen Ochsen mit 4, eine 
Kuh mit 2—3 Thlr.; auch ihren Vorrat an Speck, Silber, 
Kupfer, Zinn haben fie angreifen und um ein Weniges her 
geben müssen; so haben fie das der Stadt gehörige Vorwerk 
Rohrsdorff angegriffen und alles Korn und Vieh weggenommen, 
so daß das vorhandene nicht zur Belohnung der geringsten 
Diener reicht und die Stadtmauern, Brücken und Dämme 
eingehen müssen." Alles ging in der Stadt drunter und 
drüber, die Verwaltungsmaschine versagte völlig ihren Dienst, 
und noch immer stieg die Bedrängnis, namentlich mit dem 
Jahre 1635, als die Kaiserlichen aufs neue in die Neumark 
eindrangen, und der Krieg den Charakter einer Guerilla an 
nahm. 
Als die Not am größten war, bestieg der Große Kur 
fürst den Thron (1. Dezember 1640). Auch er konnte nicht 
sogleich helfen, wohl aber brachte er allmählich Ordnnng in 
das Chaos und durch den Waffenstillstand von 1641 mit den 
Schweden dem Lande den Anfang des Friedens. Erleichtert 
atmeten die brandenburgischen Lande auf. Woldenberg, das 
an der Straße Stettin-Driesen lag, hatte 1641 noch viel 
unter Truppendurchzügen zu leiden. Im Oktober desselben 
Jahres entstand wieder eine schwere Feuersbrunst, die ein 
Drittel der Stadt einäscherte, darunter wieder die Kirche und 
Schule. Bei der bedrängten Lage des Staates konnte der 
Landesherr nur durch die Gestattung einer Kollekte helfen, 
welche wenigstens die teilweise Wiederherstellung der Kirche 
ermöglichte. Ein großer Teil der Bürger mußte noch lange 
Zeit in Hütten wohnen, die fie sich auf den Trümmern ihrer 
Häuser errichteten. Auch der westfälische Friede brachte der 
Stadt noch nicht völlige Ruhe, da die Schweden erst 1651 
die Neumark völlig räumten. Nach dem Friedensschluß 
lastete der Steuerdruck schwer auf dem entnervten Lande, den 
Friedrich Wilhelm ausüben mußte, um die Erhaltung eines 
stehenden Heeres zu ermöglichen. Die Stadt sank immer 
tiefer in Schulden, mußte sogar ihr einziges Kämmereidorf. 
Rohrsdorf, verpfänden. Neue, schwere Lasten brachten die 
schwedisch - polnischen Feldzüge des Großen Kurfürsten 
(1655—1660). Nach dem Frieden von Oliva ließ sich 
Friedrich Wilhelm vor allem die Regelung der Steuer- 
verhältnisie angelegen sein. Als Grundlage der Besteuerung 
diente bisher noch immer der Kataster des Jahres 1562. 
Ein Bericht des Magistrats von Woldenberg besagt, daß von 
den 257 Häusern, welche die Stadt vor dem Kriege zählte, 
nur noch 107 bewohnbar waren. Die Einwohnerzahl hat 
daher in jenem Jahre nur gegen 800 —900 betragen. Es 
sah überhaupt höchst trübe in der Stadt aus, der Rat mußte 
seine Sitzungen in Ermangelung eines Rathauses in einer 
Thorbude abhalten. In völligem Verfall befanden sich auch 
die sittlichen Zustände: Ehebruch, Blutschande, Diebstahl, 
Unterschlagungen waren an der Tagesordnung, ein von furcht 
barer Roheit zeugender Gattenmord fällt in jene Zeit. Meist 
entzogen sich die Uebelthäter den Folgen ihrer Verbrechen 
durch die Flucht, und nur selten erreichte sie der Arm der 
irdischen Gerechtigkeit. Erneute Requisitionen brachte das 
Jahr 1675 (Einfall der Schweden), ebenso die Feldzüge der 
kurfürstlichen Truppen nach Preußen (1678 und 1679). Zu 
dauernder Ruhe gelangte Woldenberg erst 1680. In dieses 
Jahr fällt auch die obligatorische Einführung der Accise für 
sämtliche brandenburgische Städte, mit der eine Periode langer 
äußerer Kämpfe und inneren Elends endlich ihr Ende er 
reichte. „Unter dem wohlthätigen Einfluffe eines starken 
Regiments im Staate," sagt der Verfasser, „erstarkte das 
nationale und kommunale Bewußtsein, mit der vernünftigen 
Ordnung des Steuerwesens hob sich von neuem Handel und 
Wandel, allmählich wurden alle noch vom Kriege und vom 
Brande her wüst liegenden Häuser wieder aufgebaut, die 
wüsten Aecker unter den Pflug genommen. Was nicht wieder 
kehrte. das war die Alleinherrschaft der städtischen Gewerbe 
auch auf dem platten Lande, und vor allen Dingen der Absatz 
des Bieres; dies aber waren gerade diejenigen Betriebe ge 
wesen. welche den Bürgern den Säckel gefüllt hatten, zur 
alten Wohlhabenheit konnten sie daher auf lange nicht zurück 
kehren. und überdies zog mit dem Bewußtsein völliger 
politischer und wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit in alle diese 
kleinen Landstädte allmählich eine banausische kleinliche Ge 
sinnung ein, ein Krähwinklertum. das sich auch namentlich in 
der Haltung der Magistrate äußerte, die meist das Gefühl 
für das große Ganze verloren, nach oben sich bückten, um 
nur nach unten ungestört treten zu können." 
Aus der Regierungszeit Friedrichs I. ist das be 
merkenswerteste Ereignis in der Geschichte Woldenbergs der 
große Brand des Jahres 1710, der wiederum 165 Häuser. 
30 Buden und 67 Scheunen vernichtete. Der Justizbürger 
meister Fischer und der Stadtschreiber Martin Vogelfang er 
wirkten in Berlin die Gewährung von 8200 Thalern Bau 
gelder, welche Summe von der seit 1706 bestehenden Feuer- 
Sozietät bezahlt wurde, zu der die Hausbesitzer laufende Prämien 
durch die Kämmerei an den Staat gezahlt hatten, was ihnen vielen 
Aerger verursacht; diese Summe ermöglichte den Wieder 
aufbau der Stadt nach einem neuen Bebauungsplan. Der 
Markt wurde vergrößert, das Decken der Häuser mit Stroh 
wurde untersagt, auch der Anlage der Schornsteine wurde eine 
größere Aufmerksamkeit als bisher gewidmet. Leider wagte 
man noch nicht, die Anlage hölzerner Schlote zu verbieten. 
Der Wiederaufbau der Stadt war vollendet, als 
Friedrich Wilhelm I. 1713 seinem Vater auf dem Throne 
folgte. In seine Regierung fällt die bedeutungsvolle Auf-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.