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Periodical volume 26. Mai 1894, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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arbeiten aber mangelt es nicht, und das Niveau der Durch 
schnittsleistungen ist sichtlich höher als sonst. Es erwartet 
uns wirklich mancher schöne künstlerische Genuß, wenn wir 
betrachtend die Säle durchwandern, während es an Darbietungen, 
die unseren Sehnerven und unserem Geschmack geradezu Gewalt 
anthun, fast gänzlich fehlt. 
Bei der Schilderung der Einzelherten. die wir nunmehr 
zu geben versuchen wollen, werden wir, dem besonderen 
Zweck des „Bär" entsprechend, in erster Linie die Kunstwerke 
berücksichtigen, die, sei es ihrer Schöpfer, sei es ihrer Stoffe 
halber, für Berlin und Berliner von ausgesprochenem Interesse 
sind, ohne jedoch dabei die anderen Leistungen von Bedeutung 
ganz aus dem Rahmen unserer Darstellung zu verbannen. 
Der Ucberfichtlichkeit halber erscheint es uns hierbei am 
angemessensten, die einzelnen Säle der Reihe nach zu durch 
schreiten und mit dem an die Kuppelhalle sich an 
schließenden sogenannten 
Ehrensaal zu beginnen. 
Das Hauptbild des 
Ehrensaales ist die 
„Allegorische Dar 
stellung der Indu 
strie" von Hugo 
Vogel, ein für das 
hiesige Geschäftsgebäude 
der Darmstädter Bank 
bestimmtes Kolossal- 
gemälde, das einen 
großen Teil der West 
wand dieses stattlichen 
Raumes einnimmt. Der 
Künstler selbst giebt zu 
seinem Werke folgendes 
Kommentar: „Die In 
dustrie, unter dem Schutze 
der von der Wehrkraft 
gehaltenen Reichskrone, 
überzieht Arbeitern ihre 
Werkzeuge." Die Dar 
stellung zerfällt deutlich in 
zwei Gruppen, von denen 
die linke allegorisch, die 
rechte realistisch behandelt ist. Im Mittelpunkte der allegorischen 
Gruppe sitzt auf einer Marmorempore eine ernste Frauen 
gestalt: die Industrie. Sie trägt einen Oelzweig in der Hand 
und einen Kranz von Olivenblättern im dunkelblonden Haar. 
Ein weißes antikes Gewand umhüllt ihre energischen Glieder. 
Etwas nach der Mitte des Bildes zu hält neben ihr ein 
nackter Jüngling die Kaiserkrone empor, die sonnenanig von 
einem Strahlenkränze umgeben ist. Diese nicht sonderlich ge 
lungene Figur soll die Wehrkraft verkörpern, wie das Schwert 
erkennen läßt, das sie mit der Rechten hält. Hinter der 
Industrie steht, sich etwas zu ihr niederbeugend, ein Greis 
mit langwallendem weißen Bart. Sein Oberkörper ist entblößt, 
mit den Händen stützt er sich auf ein mächtiges eisernes Werk- 
zeug. Hinter seiner Schulter werden die Köpfe der beiden 
bekannten Architekten Ende und Böckmann sichtbar. Die reiz 
vollste Partie dieser Gruppe bildet eine zweite, außerordentlich 
schöne Frauengestalt mit roiblonden Haar, die, dem Beschauer 
halb den Recken zukehrend, ganz im Vordergründe sitzt, den 
Nalurkörper umwallt von einem in goldigroten und matt- 
violetten Tönen abgestimmten kostbaren Stoff. Auf der rechten 
Seite des Bildes naht sich ein Trupp Arbeiter, um die Werk 
zeuge aufzuheben, die zu Füßen der Industrie am Boden 
liegen. Diese Figuren in moderner Arbeitskleidung, zum teil 
halb entblößt, wie die Thätigkeit vor dem Schmelzofen oder 
im Walzwerk es erheischt, sind ganz naturalistisch behandelt. 
Im Hintergründe sieht man die Spree mit ihren grünen 
Uferwiesen und weiterhin den rauchenden Schlot von Moabit. 
Ueber den künstlerischen Wert dieses Bildes gehen die 
Meinungen ziemlich auseinander. Ich muß gestehen, daß 
mir. obgleich ich einzelnen Schönheiten gern meine Be 
wunderung zolle, die Verbindung von Allegorie und 
Naturalismus nicht behagen will. Jeder folgt gewiß gern dem 
Künstler, wenn dieser ihn mit kühnem Geiste emporhebt in das 
Reich der Phantasie, wenn 
er dort aber fortwährend 
eindringlichst daran er 
innert wird, daß es das, 
was er in jenem Fabel- 
lande zu sehen bekommt, 
eigentlich doch garnicht 
giebt, so wird er stutzig 
und kehrt lieber zurück 
auf den sicheren Boden 
der Wirklichkeit. Unter 
diesem Zwiespalt in dem 
Wesen des Gemäldes 
hat auch das Kolorit ge 
litten, das einerseits von 
fast tizianischer Pracht, 
andererseits von großer 
Nüchternheit ist. Ich 
habe vor diesem Bilde 
zu einem ungetrübten 
Genusse nicht kommen 
können. 
Wohl aber war dies 
der Fall vor einem zweiten 
Werke H. V o g e l s. einem 
meisterhaft gemalten und 
das Liebermannsche Seitenstück weit übertreffende Porträt des 
Bürgermeisters von Hamburg, vr. Versmann. sowie vor den 
Arbeiten von den Stuttgarter R. Hang „Der Vortrab 
Blüchers erblickt nach der Schlacht bei Leipzig den Rhein", 
den Antwerpener Lson Abry „Artillerie eine Anhöhe hinauf 
fahrend" und vor allem vor dem Bilde des jungen Berliner 
Künstlers Eichstaedt, der sich immer mehr zu einem tüchtigen 
Historienmaler herausbildet. Das nicht sonderlich umfang 
reiche Gemälde „Blücher in Gewappe". zeigt den Feld 
herrn, wie ihm am Morgen nach der Schlacht bei Belle- 
Allianee der Hut, die Ordenssterne und der Degen Napoleons 
überbracht werden. In einer Bauernstube mit außergewöhnlich 
großen Fenstern, durch die das etwas kalte Licht des trüben 
Tages voll hineinflutet, fitzt im Kreise seiner Offiziere an 
einem Tische der greise Held. Das bei Ligny verwundete 
und eben frisch verbundene Bein ruht auf einer altertümlichen 
Truhe. Gedankenvoll betrachtet der Marschall den Hut
        
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