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Periodical volume 26. Mai 1894, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 20.1894

-s 249 8- 
Als die Gewässer des Tiergartens eine starke Eisdecke 
überzog, suchte Martha nicht selten die Partie um die 
Rousieauinsel auf. Rührend und lächerlich berührte es zu 
gleicher Zeit, wenn einer der alten Herren oder wohl gar 
beide zugleich in onkelhafter Vorsorge sich des lieblichen 
Mädchens eifrig annahmen. — 
Die Düppeler Schan 
zen waren erstürmt, Al 
fen überrumpelt, Schles 
wig - Holstein befreit. 
Ein frischer Zug ging 
durch das preußische 
Volk, wie der Morgen 
wind vor Sonnenauf 
gang. 
Hier und da begannen 
sich in den politischen 
Anschauungen der Ein 
sichtigeren die Ecken ab 
zuschleifen. Am besten 
wußte sich Dufayel in 
die Zeit zu schicken, 
während Krelinger mit 
dem Schädel durch die 
Wand wollte und da 
bei zu Schaden kam. 
Dufayel verließ die 
Hirschelstraße und be 
zog mit dem bedeutend 
erweiterten Geschäft 
größere Räumlichkeiten 
in der Leipzigerstraße. 
Als Specialität pflegte 
Dufayel die Bijouterie; 
nicht lange, so betrieb 
er diesen Geschäftszweig 
ins Große. Eines 
Morgens wurde zu 
beiden Seiten seines 
Firmenschildes weithin 
leuchtende Wappen an 
gebracht; Dufayel war 
Hoflieferant der von 
den Berlinern vergötter 
ten Prinzessin Friedrich 
Karl geworden, was der 
fortschrittlichen Gesin 
nung des also Geehrten 
keinen merklichen Ab 
bruch that. 
Emilie, die Nichte 
des neuen Hoflieferanten, erhielt ihre Ausbildung auf Kosten 
des gütigen Onkels in der Elisabethschule. Otto die seinige auf 
dem Friedrich-Wilhelms-Gymnafium. Die stille Schwester zog 
zu dem alternden Junggesellen und führte ihm die Wirtschaft. 
Krelinger wurde eines Tages zu seinem Direktor gerufen. 
Derselbe eröffnete ihm, daß es der Regierung keineswegs 
genehm sein könne, wenn Staatsbeamte in der Wahlagitation 
sich und ihren Stand zu unvorsichtig exponierten, auch in 
konservativem Jntereffe wäre ein öffentliches Hervortreten des 
Beamten nicht angezeigt, weil daraus seitens der Opposition 
Waffen gegen die Regierung geschmiedet würden. Ueberhaupl 
solle der Staatsbeamte seine Amtspflichten erfüllen und sich 
weder publizistisch noch agitatorisch mit den Angelegenheiten 
seiner Partei befassen. 
Krelinger war starr, 
er antwortete kaum ein 
Wort auf diese Vor 
haltungen. In ihm 
kochte es. Das also 
war der Dank für seine 
der Regierung bewie- 
sene Treue in dunkel 
ster Zeit! Grimmig 
rollten seine Augen, 
unheimlich sträubte sich 
sein dichter Schnurr 
bart. 
Als er seine Woh 
nung in der Dessauer- 
straße betrat, hängte 
er seine Uniform in 
den Schrank, um sie 
nie mehr anzuziehen. 
Zuvörderst meldete er 
sich krank und bat 
dann um Pensionierung, 
die ihm mit dem Titel 
eines Ober-Post-Sekre- 
tärs wurde. 
„ Man kann einen 
allpreußischen Eisen 
fresser nicht mehr 
brauchen," belferte er 
Dufayel an. als der 
selbe chm sein Beileid 
ausdrückte, „Leute mei 
nes Schlages beginnen 
unbequem zu werden. 
Wer weiß, bald weht 
vielleicht liberaler Wind 
in der Wilhelmstraße." 
Dufayel suchte seinen 
Freund mit der trocke 
nen Theorie über sein 
Mißgeschick zu trösten, 
in einem liberalen Ver- 
saffungsstaate hätte 
Krelinger diesen Ver 
druß niemals zu er 
fahren gehabt, in einem solchen Staate könne jeder unbelästigt nach 
seiner Fagott selig werden. Der Ober-Postsekrelär hielt dieser 
Zukunftsmusik gegenüber mit seinen Zweifeln nicht hinter 
dem Berge. 
Die Schlacht bei Königgrätz war geschlagen; Preußen 
war Herr im nördlichen Deutschland und der innere Verfassungs 
konflikt nahte seinem Ende. 
Die Siegesnachrichten aus Böhmen und vom Main hatten
        
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