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Periodical volume 26. Mai 1894, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Und doch, sie wollte, mußte ihn bezwingen! 
Sie wollte!!! — 
Armes Herz! Was gilt Dein Wille?! 
Was hilft Dir's auch, daß Du Dich selbst belügst? 
Du liebst ihn — ja. Du liebst ihn, diesen Mann! 
Und er?! — Er spottet Deiner heißen Liebe!" — 
Dann barg sie wohl ihr Antlitz in die Kissen 
Und weinte — weinte heiße, bittre Thränen. — 
„Doch nein! Er sollte, durfte es nicht wissen. 
Was sie in diesen Tagen um ihn litt! 
Der Stolze sollte sich nicht rühmen dürfen, 
Daß Mechthild von Goldegg um ihn geweint!" — 
So schmückte sie auch heute sich zum Feste 
In heißem Kampfe mit dem eigenen Herzen: 
Sie sollte heute den Turnierdank spenden 
Dem Ritter, der den Sieg davongetragen; 
Und er. sie wußt es wohl, er war der Stärkste, 
Wie er, so lenkte keiner seinen Hengst, 
So konnte keiner seine Lanze führen! 
Wem spendet sie wohl lieber auch den Preis, 
Als ihm. dem Ritter, den sie glühend liebte?! 
Sie gäb ihm gerne ja noch mehr, als dies: 
Ihr Herze ganz, sich selbst mit Leib und Seele. 
Und doch: 
„Sei fest, Du heiß verlangend Herz! 
Sei felsenfest und stolz und zittre nicht!" — 
Am See, auf üppig grüner Matte war 
Der Platz bereitet. Dort am flachen Hügel 
War für das schönere Geschlecht der Sitz, 
Aus Balken und aus Brettern roh gefügt, 
Behängt mit Wappen und mit bunten Tüchern. 
Davor im Grunde war ein weiter Plan 
Mit festen Planken zum Turnier umhängt, 
An dessen Ecken hohe Fahnen wehten. 
Schon drängte um die Schranken sich das Volk. 
Und auf den Sitzen war ein bunt Gewimmel 
Von Edelfrau'n in reichen Festgewändern, 
Und ält'ren Rittern, die das Tjosten*) gern 
Den Kräften jüngrer Männer überließen. — 
Jetzt trat ein Herold in die festen Schranken, 
Im scharlachroten Rock, auf dessen Brust 
In Gold gestickt des Burgherrn Wappen prangte. 
Erst neigt er tief sich vor dem Herrn des Festes, 
Der in der Mitte der Tribüne saß, 
Umringt von einer Schar von edlen Frauen. 
Dann wägt er sorglich Sonne ab und Wind 
Und deutet auf den Stand der beiden Gegner. 
Jetzt klang zum Zeichen ein Trompetenstoß. 
Der ringsum an den Bergen wiederhallte. 
Und rasselnd sprengte ein Schar von Rittern 
In schwerer Rüstung auf den freien Platz. 
*) Tjosten — Lanzenbrechen. 
Vorauf mit offenem Visier ritt 
Auf edlem Hengst der Ritter Guncelin, 
In Stahl gehüllt die kraftgeschwellien Glieder. 
Mit blankem Schild; der Führer dieses Trupps. 
Ernst grüßte er mit tief gesenkter Lanze 
Den Herrn des Festes und die edlen Frauen; 
Dann führte er die Schar nach jenem Platze. 
Den ihn der Herold nach Turnierbrauch wies. 
Da ging ein Flüstern durch der Frauen Reihen, 
Und manches schöne Auge folgt' ihm: 
„Seht, 
Das ist der feste Ritter Guncelin, 
Der droben in dem Land der wilden Wenden 
In heißem Kampf sich hohen Ruhm erwarb." 
„Wie kraftvoll er den edlen Renner lenkt! — 
Wie stolz und mächtig er im Sattel fitzt!" — 
Und höher schlug manch heißes Frauenherz. 
Nur Mechthilds schönes Antlitz, wie in Stein 
Gemeißelt, zeigte keine Spur des Kampfes. 
Der wild in ihrem starken Herzen tobte. 
Mit leichtem Senken ihres stolzen Hauptes 
Erwidert sie den Gruß des kühnen Ritters: 
Dann saß sie regungslos, ein ehern Bild, 
Und nur ihr Auge folgte unverwandt 
Dem mücht'gen Reiter auf dem braunen Hengste. 
Da tönt zum zweiten Male laut das Horn, 
Und wieder bebt die Erde unter'm Hufschlag 
Des zweiten Reitertrupps, der unter Führung 
Burkharts von Scherenberg den Platz betrat. 
Der grüßt, wie Guncelin den Herrn der Burg. 
Dann sprengt er nach des Platzes andrer Seile, 
Und ordnet seine Mannen, Guncelin 
Und seiner kleinen Truppe gegenüber. 
Jetzt tönten laute, schmetternde Fanfaren. 
Und dröhnend ritten beide Gegner an. 
Vorauf die Führer mit gefällten Lanzen. 
Grad' in des Platzes Mitten trafen sie 
In vollem Rosseslaufe aufeinander, 
Und atemlos, mit vorgebeugten Körpern 
Verfolgten Mann und Maid aus der Tribüne 
Des Kampfes Fortgang. 
(Fortsetzung folgt.) 
Royalist und Demokrat. 
Wahrhaftige Historie au« der Konflikl-zeit. 
Von Karl Miltro. 
(Schluß.) 
VI. 
„Alter guter Krelinger!" rief dem Eintretenden freudvoll 
Dufayel entgegen, „Hier Frau von Hermsdorf ist, wie Sie 
wohl schon ahnen, das ehemalige Fräulein Josephine Leo. 
Sie waren es ja garnicht, dem jenes Fräulein Leo ihr Herz 
geschenkt haben wollte, der verstorbene Ehegemahl war damit
        
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