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Periodical volume 19. Mai 1894, Nr. 20

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Ohne viel Lärm, ohne Vorherposaunen — denn hier ist nicht 
unser Verkehrs — lritl Fidel io auf die Bühne, die erste Oper 
von Beethoven in Berlin. Das Haus ist ziemlich leer, für 
die, welche drin sind — denn es sind die Verehrer des exzentrischen 
Beethovens, der mit dieser Oper einen solchen Neuntödter er 
schaffen haben soll — sehr leer. Einige geistreiche Leute find 
unter den Zuschauern, fie sind blos gekommen, den superklugen 
Herrn Beethoven den Hals brechen zu sehen. Sie wiederholen 
alles Obige. 
Eine neue Stimme erhebt sich — es muß eine gewesen 
sein, wie es überall welche giebt — sie sagt sich hie und da 
ins Ohr: Ich ehre Beethoven, aber die Oper ist sehr schwer, 
wenngleich vortrefflich; doch fie wird fallen, das ganze 
Orchester und alle Sänger haben sich das Wort gegeben, alles 
anzuwenden, fie kaput zu machen. — Warum? — Aus Neid; 
es soll nichts Vortreffliches aufkommen! — So, das wäre 
schwer sein, so nennt man Alles, was von Ausübenden, die 
in großer Praxis eine gewisse Wendung nach einer Seite 
gewonnen, hie und da eine Bewegung nach der anderen 
begehrt. Aber fie hat sich anhören lassen, als wäre sie leicht, 
fie machte durchaus einen edlen, einfachen, großartigen Ein 
druck; alles ward verstanden und gefühlt, und die entsetzliche 
Absonderlichkeit bestand darin, daß heute Abend nicht Vetter 
Michel da war*), der uns rührte, sondern, daß es einem 
manchmal zu Mute wurde, als wäre es der Erzengel Michael 
selbst; und denkt euch, wir verstanden ihn alle, er war uns 
nicht zu hoch, er war uns eben gut genug. Das ist aber die 
Aufgabe und der Sieg der Kunst, daß sie das Höhere zum 
Menschlichen macht: so steigen dir Götter zur Erde nieder, so 
können wir fie lieben, so werden wir zum Himmel ermutigt. 
Dank dir. guter einsamer, in dir und deinen Tönen 
einsamer Beethoven, für dein Werk! Dank dir. geistvoller und 
Prinzessin Ali« von Hessen. 
Großfürst Thronfolger Nicolai AloXonr-rowitsch 
non Rußland. 
ja eine entsetzliche Bosheit! Aber stille, laffen Sie uns das 
Loos des Schönen auf der Erde, zu fallen unter den Hufschlag 
der Pferde, mit tragischem Jntereffe anhören! — Unter den 
Hufschlag der Pferde, aber welcher Pferde? Unter den Huf 
schlag des hellen, lichten Pegasus! 
O. ihr schlauen, guten Leute! Wie hattet ihr uns über 
rascht! Welche Freude habt ihr uns gemacht! Fidelio ist 
aufgeführt; unser braver Webers hat dirigiert und zusammen- 
gehalten wie ein Ehrenmann, wie ein Freund aller Genialität! 
Ich mag das Theater nicht so. wie es heutzutage in der 
Welt ist — aber heute erfreute es mich durch Mark und 
Bein, heute habe ich gefühlt, was es vermag, wenn der 
Zufall ihm etwas Vortreffliches zumutet und das Vortreffliche 
das Talent und den besten Willen zu Hause findet. Die 
Oper mag in Instrumentierung und Gesang und Chorfugung 
i) Dies belicht sich auf eine Posse: „Unser Verkehr" von Seffa, 
die wegen ihrer judenfeindlichen Tendenz damals viel Aufsehen machte 
t Ml, >->-«> »-,« Musik 
zu Schillers Tell. 
das Beste redlich und tüchtig wollender Weber, und euch allen, 
ihr braven Künstler. Ihr habt eine Menge das Beste liebende 
Herzen begeistert und gerührt entlassen. Ist die Oper auch 
schwer geworden, ihr ausübenden Künstler, so ist euch auch 
eine große Ehre geworden; und ist ein Fortschreiten, ein 
höherer, veredelnder Genuß mit solcher Arbeit verbunden, o 
dann nur noch schwerere her, ihr unternehmt fie gewiß und 
bringt fie dar, Allen zur gemeinsamen Erhebung. Madame 
Schultz^) hat durchaus mit schöner Leidenschaft trefflich 
gesungen, alle anderen haben nach ihren Kräften redlichst das 
ihrige gethan. Es ging das Ganze vortrefflich und wird 
immer vortrefflicher gehen. 
Wäre ich der erste Sänger und hätte keine Rolle in 
solchem herrlichen Werk, ich stellte mich in's Chor. In gutem 
Anspielung auf das populärste Lied jener Zeit. 
s ) Diese Sängerin gab die Lconore nur am ersten Abend, in den 
folgenden Aufführungen die inzwischen nach Berlin berufene Mildcr- 
Hauptmann, die in Wien 1814 diese Rolle geschaffen hatte. Brentano 
widmet ihr ein gleichfalls von Geiger wieder abgedrucktes, begeistertes 
Gedicht.
        
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