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Periodical volume 19. Mai 1894, Nr. 20

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Ratsschichten .wurden abgeschafft und an ihre Stelle ein Rat 
gesetzt, den jedoch nichl die Gemeinde, sondern der Rat des 
vorhergehenden Jahres wählte. Die Wiederwahl war gestattet, 
und so war es natürlich, daß die Ratsstellen stets mit denselben 
Männern besetzt wurden. Dieselben gehörten in Woldenberg 
den Familien Lohde, Mertens. Katzig, Jädicke, Rige, Küng- 
sporn, Milgast, Muß, später Fürstenau und Buddendorf an. 
Die traurigen Folgen dieser aristokratischen Herrschaft liegen 
klar auf der Hand. Die Bevormundung und das Polizeisystem 
töteten in den Bürgern jeden Gemeinfinn, jedes Interesse an 
öffentlichen Angelegenheiten. An Stelle einer frischen, geistigen 
Regsamkeit traten engherzige Beschränktheit und Jnteressen- 
lofigkeit gegenüber den städtischen Angelegenheiten. Die Herren 
waren der Rat und die Bürger seine Unterthanen, und er 
laubte sich die Bürgerschaft wirklich einmal eine Meinungs 
äußerung, so konnte sie sicher sein, daß die Vertreter des 
Landesherrn dem Rate recht gaben. So mußten die Bürger 
Woldenbergs 1570 in einem Konflikte mit dem Rate nach 
Entscheidung des Amtshauptmannes an diesen fünf Rthlr. 
Strafe zahlen. 
Ueber die Amtsbefugnisse des Rates informiert uns 
das Stadtbuch von Woldenberg vom Jahre 1503. Nach 
diesem, einem starken Folioband, gehörten alle Vermögens- und 
privatrechtlichen Angelegenheiten vor sein Forum, so die Ein» 
tragung einer Hypothek, der Verkauf von Mobiliar- oder auch 
Immobiliarbesitz und Anerkennung einer Schuld. Die Rats 
versetzung erfolgte gewöhnlich am Dreikönigstage (6. Januar) 
oder kurz vorher oder nachher und war stets mit einer 
Schmauserei verbunden. An dem Tage des Aemterwechsels 
wurde auch in späterer Zeit noch die Bürgerschaft?ur Bürger 
sprache berufen und ihr die Polizei-Verordnung vorgelesen. 
Auch die Revision der städtischen Kasse erfolgte an diesem 
Tage; der Kämmerer war für die verwalteten Gelder haftbar. 
Ein festes Gehalt bezogen die Ratsherren noch im 16. Jahr 
hundert nicht; ihre Einkünfte bestanden in einem Anteil der 
Sporteln für die Rechtsgeschäfte. 
Es würde zu weit führen, wenn wir auf die Ent 
wickelung der inneren Zustände in Woldenberg an der Hand 
des van Nießenschen Buches hier näher eingehen würden. 
Der Verfasser behandelt in besonderen Kapiteln: „Besitzungen 
und Finanzen der Stadt", „Das Gerichtswesen" 
(Gerichtsverfahren, Erbrecht. Hexenprozeffe) und „Ein 
richtungen mit bevorrechtigtem, z. T. immunem 
Charakter" (Burglehen, Mühlen, Kirche, Stiftungen und 
Schule). Auf allen diesen, für das mittelalterliche Leben so 
charakteristischen Gebieten zeigt sich der Verfaffer als ein ge 
nauer Kenner der gesamten kulturhistorischen, rechtsgeschicht 
lichen und nationalökonomischen Verhältnisse und Erscheinungen, 
und gerade dies ist der Vorzug, durch welchen sich seine Ge 
schichte der Stadt Woldenberg hoch über die Mehrzahl von 
stadtgeschichtlichen Werken erhebt. 
Von dem Inhalte dieser interessanten Kapitel wollen wir 
hier nur noch einen wesentlichen Punkt hervorheben. Das 
Ergebnis seiner Untersuchung über das Gerichtswesen in 
Woldenberg faßt van Nießen in den Worten zusammen: 
„Die Markt- und niedere Polizeigerichtsbarkeit steht bei 
dem Rat, welcher sie von vornherein ausübt, kraft seines 
Amtes. 
Das inoliriurn minus, das Niedergericht in Streitig 
keiten über Mein und Dein und unblutige Körperverletzung 
hat anfangs der Schulze inne, seit Ende des 14. Jahrhunderts 
der Rat und der von ihm bestallte Richter. Er bezieht 1 / a 
der Sporteln. 
Das Halsgericht wird bis 1344 im Landgerichte geübt, 
seitdem durch den Vogt als Vorsitzenden der städtischen 
Schöffen in der Stadt. 
Die zweite Instanz für das juclirium infimum bildet 
das juclirium supremum, ebenfalls vom Vogte geübt; als 
Inhaber oder Vertreter des Markgrafen bezieht er auch die 
anderen 2 /s aus dem juclirium infimum." 
(Schluß folgt). 
Clrmrns Brentano über die erste Fidelio- 
Aussührung in Srrlin. 
Am 11. Oktober 1816 wurde Beethovens „Fidelio" zum 
ersten Male in Berlin gegeben. Am 16. erschien in der 
„Spener'schen Zeitung" eine mit C. B. unterzeichnete Be- 
sprechung, von der wir heute wissen, daß sie kein Geringerer 
als Clemens Brentano geschrieben hat. Brentano hat zu 
Beethoven persönliche Beziehungen gehabt. Sein Bruder 
Franz war der Schwiegersohn des kaiserlichen Rates Melchior 
von Birkenstock in Wien, in dessen Hause Beethoven verkehrte. 
Bettina Brentano kam 1810 als Braut Achims von Arnim in 
dies Haus. Sie machte bald darauf die Bekanntschaft des 
Komponisten, über den sie dann an Goethe einen vielbesprochenen, 
überschwänglichen Brief schrieb. Von den drei Briefen 
Beethovens an sie, die ebenfalls so oft der Gegenstand der 
Controverse gewesen find, wird jetzt nur der zweite vom 
Jahre 1811 für echt gehalten werden dürfen. Jedenfalls 
waren zwischen den Brentanos und Beethoven rege Ver 
bindungen angeknüpft, die Clemens ohne Zweifel gepflegt 
haben wird, als er 1813 kurze Zeit in Wien lebte. Dann, 
nach Berlin zurückgekehrt, ist er für Beethoven mutig einge 
treten. als das musikalische Publikum noch durchaus nicht 
gewillt war, das Schmerzenskind des Meisters, den „Fidelio" 
vorurteilslos auf sich wirken zu lassen. Die nachstehende 
Besprechung zeigt uns Brentano als enthusiastischen Vorkämpfer 
ür den „einsamen" Beethoven; und es dürfte noch heute 
lohnen, sich seine Worte in das Gedächtnis zurückzurufen, 
zumal Ludwig Geiger sie uns in seinen „Berliner Neu- 
irucken" (3. Serie. Band I, Berlin, Partei, 1892) aufs neue 
zugänglich gemacht hat. 
„Eine entsetzlich schwere Oper; sie ist garnicht zu Stande 
zu bringen, das Orchester verzweifelt an den Schwierigkeiten, 
die Choristen fallen wie die Fliegen vor Arbeit in den Proben 
um. Auch in Wien ist sie nur selten gegeben j 1 ) diese Arbeit 
ist der leerste, tollste Bombast; es ist eine Jugendarbeit; 
alle Jahre zwei solcher Opern einzustudieren, und der Kapell 
meister muß vor Aerger die Schwindsucht kriegen, und die 
Geiger den Veitstanz in die Finger, und die Bläser werden 
mindestens an einem Lungenflügel lahm, die Sänger aber sich 
umkehren wie Handschuhe!" 
So sprachen Alle, welche Connexionen, welche Gönner, 
welche ein Ohr in den Proben haben wollten! So hörte ich 
auch viele Musiker sprechen! O ihr schlauen, guten Leute! 
*) 1805 und 1806 nur fünf mal, dann aber nach achtjähriger 
Pause in umgearbeiteter Gestalt 1814 allein 22 mal.
        
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