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Periodical volume 19. Mai 1894, Nr. 20

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Straße hinunterzufahren und dabei die schwerfälligen, alle 
Augenblicke haltenden Omnibusse zu überholen. Auf dem 
Dönhofsplatze spie der eherne Löwe unermüdlich Wasser in 
das vor ihm sich ausbreitende Becken, dort war das Abgeordneten. 
Haus, in welchem sich die erbitterten Kämpfe zwischen Parlament 
und Regierung abspielten. Friede kündend klang aus der 
kleinen Spittelkirche der Klang der Orgel. Langsamer fuhr 
der Wagen zur Gertraudtenbrücke hinan, um, diese im Rücken, 
auf der anderen Seite in die Gertraudlenstraße bis zur Petri- 
klrche in rasender Geschwindigkeit abwärts zu sausen. In 
gewöhnlicherem Tempo ging es über den Köllnischen Fischmarkt 
und den wundersamen Mühlendamm. Am Molkenmarki drohte 
rechts das Polizei-Präsidium und das finstere Gebäude des 
Kriminal-Gefängnisses. An der Ecke der verkehrsreichen 
Spandauer- und Königstraße begann das alte Rathaus mit 
den Köpfen auf den Fensterzwickeln und mit der uralten 
Gerichtslaube in Trümmer zu fallen, unter denen die ersten 
Spuren des neuen Stadthauses in die Höhe strebten. Jetzt 
fuhr der Wagen über die von verwitterten mythologischen 
Figuren flankierte Köntgsbrücke auf das halsbrechende holperige 
Pflaster der Straße Am Königsgraben. Die Droschke bog 
in die Münzstraße ein und hielt dort mit einem scharfen Ruck. 
Dufayel entstieg dem Wagen, zählte gewissenhaft das 
Fahrgeld aus seiner grünseidenen Börse ab und stieg die 
Stufen des Hauses hinan, in welchem man ihn um diese 
Stunde erwartete. Auf dem Vorflur des ersten Stockwerks 
las Dufayel auf blankgeputztem Messingschilde den Namen: 
v. Hermsdorf. 
Noch einmal betrachtete er mit schnellen, prüfenden Blicken 
seinen äußeren Menschen bis zu den Spitzen der Lackstiefel. 
Dann zog er die Glocke. 
Er hörte, daß jemand drinnen Thüren öffnete und schloß 
und sich dem Eingang der Wohnung näherte. Jetzt wurde 
derselbe geöffnet. Ein schwarzhaariges Fräulein mit feinem 
Gefichtchen und tiefdunkeln, großen Augen stand im Rahmen 
der Thür und begrüßte den Besuch mit leichter Verbeugung. 
Dufayel vergaß den Gruß zu erwidern und sich der 
jungen Dame vorzustellen; aus seinem Munde kam nur das 
eine Wort: „Josephine!" Das Leid und die Sehnsucht von 
Jahrzehnten legte der bejahrte Junggeselle in dies eine Wort. 
Das Fräulein errötete, lächelte schalkhaft und entgegnete 
mit bescheidener Freundlichkeit: „Mein Name ist Martha. 
Josephine heißt meine Mutter. Diese werden Sie zu sprechen 
wünschen, mein Herr — Dufayel?" Den Namen brachte 
Fräulein Martha zögernd hervor. 
„So ist es in der That, gnädiges Fräulein, verzeihen 
Sie", lispelte verlegen Dufayel und trat auf Einladung 
näher. 
In erwartungsvoller Aufregung und Beklommenheit 
überschritt Herr Eugen die Schwelle des Empfangszimmers, 
in welchem die junge Dame den Gast warten ließ, worauf 
sie sich zurückzog. 
„Kein Zweifel mehr", dachte Dufayel. „Es ist Josephine, 
welche mich zu sich beschied." 
Und so war es allerdings. 
Eine Nebenthür wurde geöffnet, eine ältere Dame trat 
näher. Ja, trotz des nicht mehr taufrischen, sondern wachs 
bleichen Antlitzes, trotz des schlicht gescheitelten, hier und da 
von einem grauen Fädchen durchzogenen Haares, es war 
Josephine. Auge. Haltung, Sprache waren die alten oder 
vielmehr die jungen geblieben. 
„Gnädige Frau," begrüßte Dufayel mit kavaliersmäßiger 
Verbeugung die Eintretende, „Sie haben befohlen. Ich habe 
diesem Befehle gehorcht." 
Frau v. Hermsdorf erfreute sich des etwas vormärzlichen, 
aber edlen Cermoniells in den Bewegungen ihres Jugend 
freundes, dann rief sie in alter, plötzlich hervorbrechender 
Ungezwungenheit: „Eugen, sehen wir von diesen Förmlichkeiten 
ab! Lassen Sie mich Ihnen vielmehr mit tausend Freuden 
sagen, wie glücklich ich bin, Sie wieder bei mir zu sehen und 
mit Ihnen wie vor bald dreißig Jahren plaudern zu können! 
Denn das können wir, Eugen, das darf uns heute niemand 
verwehren." 
Frau v. Hermsdorf hatte ihren Freund eingeladen. Platz 
zu nehmen; sie ließ sich in seine Nähe nieder und blickte ihn 
liebreich an. 
„Von meinen Schicksalen wollen Sie hören, alter, lieber 
Freund?" hob Josephine wieder an; „ja. was ist da zu 
erzählen? Sie wissen so gut wie mir es bewußt war, daß 
ich Sie sehr — nun sagen wir — sehr gern hatte. Waren 
das nicht herrliche Stunden in Schöneberg, wenn Sie mir 
aus Ihren Dichtern vorlasen, und wir uns in der mit 
Pfeifenkraut bedeckten Laube in ein Feenland träumten? 
Wissen Sie noch, Eugen, was ich für ein Wildfang war, wie 
Sie mich im Garten des Schwarzen Adlers schaukeln mußten — 
höher, immer höher, bis uns der Atem verging? Wie wir 
auf das Feld eilten, oft bis nach Steglitz, und uns Kornblumen 
aus dem Getreide holten, und Wicken und Kornraden und wie 
die Dinge alle heißen?" 
Dufayel nickte, eine Thräne glänzte in seinem Auge, er 
ergriff die eine Hand seiner Jugendfreundin und drückte 
dieselbe warm. 
„Was waren wir doch für glückliche, tölpelhaft glückliche 
Kinder, lieber Eugen!" fuhr Josephine fort. Unsere Freundschaft 
war zu schön, um mehr werden zu dürfen. Ich Springinsfeld 
mit meinen 17 Jahren! Sie, — seien Sie mir nicht böse, 
Eugen, — Sie fahrender Ritter unter dem Komtoirpult — 
mit Ihren 23 Jahren! Was hätte wohl aus uns beiden für 
ein Paar werden sollen? Sie lieber, lieber kleiner Pedant 
mit den Gütern im Monde, und ich verwöhnte Hummel, die 
weder mit dem Kopfe noch mit den Händen nachhaltig thätig 
zu sein Lust hatte! — Blicken Sie nicht so sauer drein, 
Eugen, das steht Ihnen schon gar nicht! Hören Sie, als mein 
Vater, der strenge Herr Rat Leo, mir befahl, kurzweg befahl, 
mich als glückliche Braut des reichen Herrn Artillerie- 
Hauptmanns Kurt v. Hermsdorf zu betrachten, was half da 
mein Widerstand? — Um Sie. Eugen, nicht zu solchen Streichen 
zu verleiten, nahm ich Ihnen lieber gleich jede Hoffnung und 
behauptete mit kecker Stirn, mein Herz habe bereits gewählt. 
Es war ja nicht wahr, geglaubt haben Sie es aber doch wohl, 
denn Sie gingen traurig weg und sind nie, nie wiedergekommen.— 
Den folgenden Herbst heiratete mich Hermsdorf, und ich zog 
als sein Weib mit in seine Garnison Erfurt. Jeder Wunsch 
wurde mir von meinem Mann erfüllt; Martha stellte sich ein; 
als mein braver Mann vor zwei Jahren als Oberst starb, 
habe ich ihn aufrichtig betrauert. Aber das alte Wunderland 
unserer Jugend war und [blieb versunken. — Armer Freund, 
weshalb waren Sie mittellos und — wir nicht sehr viel
        
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