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Periodical volume 19. Mai 1894, Nr. 20

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Dort droben in der steilen Felsenwand. 
Wo kaum des Menschen Fuß noch haften kann, 
Wo grauser Absturz Tod und Unheil droht. 
Blüht eine Blume, die in weitem Lande 
Du nimmer siehst: das holde Edelweiß, 
Des Jägers Freude und des Jägers Stolz, 
Daran er gern und froh sein Leben wagt. — 
Auch ich weiß mir ein liebes Edelweiß, 
Das blüht im fernen Land der hohen Berge. 
Sei mir gegrüßt, Du holdes Edelweiß, 
Aus weiter Ferne! — Daß Dich Gott behüte! — 
Die Sonne sinkt, im tiefen Thale drunten 
Liegt schon das Dunkel; nur die Felsenhäupter 
Erglühen noch im Gold der Abendsonne. 
Die scheidend ihre weißen Stirnen küßt. 
Jetzt schwindet auch der letzte Sonnenstrahl, 
Und fern im Osten blinkt der Abendstern. 
Da sprüht ein regenheller Feuerfunken 
Aus Busch und Strauch und gießt in buntem Reigen 
Sich wirbelnd über die betauten Matten. 
Das ist die Schar der kleinen Feuerkäfer, 
Die sich zu frohem Liebesspiele einte; 
Hier glühi's im Busch, dort an den schwanken Halmen 
Der Gräser, dort am nackten Felsenhange. 
Es ist, als ob die goldnen Sterne alle 
Sich auf die dunkle Erde nieder senkten! 
Doch ruhig blinken die am klaren Himmel 
Und schauen auf die nächtge Erde nieder. 
Jetzt hebt der Mond im Osten seine Sichel 
Und gießt sein bleiches Licht auf Thal und Berge. 
Wie Silber glänzt am hohen Kamm der Firn, 
Wie Silber liegt es auf den weilen Matten. 
Und nur im Grunde dort die schroffe Klamm 
Liegt schwarz und schaurig zwischen dunklen Föhren. 
Kein Laut, kein Ton mehr dringt zu meinem Ohr, 
Nur in der Tiefe tobt der wilde Gießbach. 
Der kochend in die steile Klamm sich stürzt 
Und mit dem weißen Gischt die Felsen näßt; 
Hoch auf den Almen hörst Du noch sein Brausen. — 
Und weiter zieht der Mond die stille Bahn. 
Er schaut wohl auch auf jenes traute Dach. 
Das Dich beschirmt, Du Liebling meiner Seele! 
Schlaf wohl! — Schlaf süß! — Und — daß Dich Gott behüte! 
Ich fahre auf, aus tiefem Traum erwacht. — 
Die dunklen Berge find dem Blick entschwunden. 
Nicht glänzt der Mond am klaren Sternenhimmel; 
Auf öder Heide heult der rauhe Nord 
Und rüttelt an den Fenstern meiner Kammer. 
Und draußen treibt der Wirbelsturm den Schnee. 
Der fällt in großen Flocken auf die Heide 
Und deckt sein weites, weißes Leichentuch 
Auf alles, wa da draußen lebt und webt. — 
O, heule, Sturm! O, fallt. Ihr weißen Flocker! 
O, fegt, Ihr Wolken, nur am Himmel hin! 
Ihr trübt mir nicht den Frieden meiner Seele; 
Ihr nehmt mir nicht die Träilme meines Herzens 
Von Almenduft und roten Alpenrosen — 
Und von zwei heißgeliebten, blauen Augen. 
Und treuer Liebe, die nicht untergeht 
Im Sturm des Nordens — und im Sturm des Lebens!" 
So tönt im Rittersaal des Sängers Lied. — 
An langer Tafel saß bei frohem Mahle 
Und frischem Trünke eine Zahl von Rittern 
In weiten, goldgestickten Festgewäiidern. 
Dort an der Tafel Spitze saß der Herr 
Der Burg, der mächt'ge Ritter von Goldegg, 
Der noch so manche Burg im Salzachthal 
Und manchen stolzen Hof sein eigen nannte. 
Die Silberfäden in dem schwarzen Haupthaar, 
Tie tiefen Falten in dem bärtgen Antlitz — 
Sie zeigten, daß der ungebeugte Mann 
Schon manch Jahrzehnt aus seinen Schultern trug. 
Zur Rechten ihm saß Ritter Guncelin. 
Der, aus dem Wendenland zurückgekehrt, 
Nach Salzburg eilte und im offnen Hause 
Des Ritters gerne aufgenommen ward. 
Denn weit erklang das Loblied seiner Thaten. 
Die andren Männer waren edle Herren 
Aus Oestreichs ritterbürtigen Geschlechtern. 
Die auf den Ruf des Burgherrn sich versammelt. 
Um den verschönten Bau des Rittersaales 
Mit festlichem Gelage heut zu feiern. 
Fortsetzung folgt. 
Royalist und Demokrat. 
Wahrhaftige Historie au« der Konflikirzeit. 
Bon Karl Wllke. 
(4. Fortsetzung.) 
V. 
Nachdem Dufayel am Sonntag Morgen um 9 Uhr wie 
gewöhnlich seinen Laden geschlossen hatte, machte er mit ganz 
besonderer Sorgfalt Toilette, bei welcher er heute die feierliche 
schwarze Farbe bevorzugte. Nur von dem grauen Hute konnte 
und wollte er sich nicht trennen; die Jndienstsetzung eines 
schwarzen Cylinders wäre für Dufayel gleichbedeutend gewesen 
mit dem Verrat seiner Ueberzeugung und der heiligsten 
Empfindungen. 
Trotzdem die Omnibuslinie Potsdamer Brücke-Alexander 
platz eine bequeme und billige Verbindung des Südwestens 
mit dem Nordosten Berlins herstellte, trotzdem Herr Dufayel 
die personifizierte Sparsamkeit war. nahm er dennoch an der 
Köthener Straße eine Droschke, um bei der Frau von 
Hermsdorf würdig vorzufahren und Lackstiefel und Beinkleider 
in peinlichster Sauberkeit zu bewahren. 
Dufayel legte seinen Cylinderhut sorgsam neben sich auf 
den Rücksitz und lehnte sich bequem in die Polster zurück. 
Welch ein erhabenes Gefühl, die lange Zeile der Leipziger
        
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