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Periodical volume 13. Januar 1894, Nr. 2

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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um Erweckung eines frommen Sinnes mehr zu thun ist, als 
um Belehrung des Verstandes. Ich glaubte mich in eine Ge 
meinde der ersten christlichen Zeiten verseht, wo Lehrer und 
Lernende ein Herz und eine Seele waren. Wie ein heiterer 
Himmel verklärte sich des Alten Gesicht, wenn er von der 
Liebe zu seinem Heilande und dessen freudiger Nachfolge 
sprach. Nicht ohne Rührung wohnte ich nach dem Gottes 
dienst auch dem katechetischen Unterricht in seinem Hause bei, 
der nicht nur belehrend, sondern auch Andacht erweckend und 
erbauend ist. Mit seltener Geschicklichkeit weiß er die Glaubens 
wahrheiten den Katechumenen faßlich und klar zu machen, sie 
aus der Schrift zu entwickeln und stets ihre Anwendung auf 
das Leben zu zeigen. Die Kinder wußten, was wich Wunder 
nahm, selbst schwierige Stellen der heiligen Schrift ziemlich 
richtig mit einigen Worten zu erklären, da sie auf den Zu 
sammenhang aufmerksam gemacht waren. Was ich sehr lobens 
wert finde, ist, daß dieser im Geiste Speners thätige Mann 
einen Betsaal mit Kanzel und Orgel in seiner Wohnung an 
gelegt hat, wo er täglich biblische Erbauungsstunden hält. 
Meiner Ansicht nach ist auch nur auf diesem Wege die Rück 
kehr apostolischer Frömmigkeit zu erwarten. So lange unsere 
Geistlichen bloß öffentliche Redner und Sakramentverwalter 
sind, so lange sie nicht in das Volk selbst hinabsteigen, um 
häusliche Erbauung und tägliche Ermahnung nicht nur selbst 
zu halten, sondern auch überall die Laienkreise dazu anregen, 
so lange wird aus dem Reiche Gortes nichts werden. Durch 
Schmuck der Rede oder höhere Pracht fürs Auge, die nur 
armselige Notbehelfe find, wird der Sache selbst nicht auf 
geholfen werden. Die Zeiten der Chrysostomie zeugen 
mehr vom Sinken, als vom Zunehmen des praktischen 
Christentums. 
Doch genug von geistlichen Sachen! Was die Bauart 
der Stadt betrifft, so ist fast jedes Haus ein Palast, die 
Straßen find breit und grade, und die öffentlichen Plätze mit 
schattigen Bäumen bepflanzt. Die Straße „Unter den Linden" 
mit ihrer vierfachen Lindenreihe ist eine der schönsten und 
besuchtesten von Berlin. Alles, was nur sehen und gesehen 
werden will, strömt scharenweise hierher und dann weiter 
durch das Brandenburger Thor nach dem Tiergarten, um teils 
in schattigen Gängen unter duftenden Wohlgerüchen zu wandeln, 
teils in Lustgärten und Erfrischungshäusern bei den Tönen 
einer anmutigen Musik den Trank des Morgenlandes zu ge 
nießen. Ueber dem herrlichen Thore standen ehemals vier 
Rosse und ein Wagen mit der fahrenden Viktoria aus Erz 
— ein prachtvolles Werk. Das haben die Franzosen bei 
der ersten Besitznahme Berlins ^weggenommen. Von den 
öffentlichen Gebäuden find das Zeughaus, das königliche 
Schloß und die Kirchen am Gensdarmenmarkt diejenigen, 
welche sich am meisten durch Erhabenheit des Stils auszeichnen. 
Köstlich ist die Statue des großen Kurfürsten auf der langen 
Brücke. Das kräftige Roß ist ein Griff aus der Natur, und 
das kühne Gesicht des Helden erweckt wieder Mut und Kühn 
heit. Durch die Wirkung auf den Beschauer lobt sich das 
Werk. 
Das Palais des Prinzen Heinrich ist bei Stiftung der 
Universität vom König zum akademischen Gebrauch geschenkt 
worden. Die Professoren aller Fakultäten kommen hier täglich 
zusammen, um in den zahlreichen Hörsälen ihre Vorlesungen 
zu halten. Dadurch ist ein litterarischer Bereinigungspunkl 
geschaffen, der die Bekanntschaften unter Profefforen und 
Studenten erleichtert und der Mitteilung wissenschaftlicher 
Entdeckungen vorteilhaft ist. Hinter dem Palaste befindet sich 
ein Garten zur Erholung für Lehrer und Lernende. Aus 
dem Schwarm und Getümmel der Straße „Unter den Linden" 
rettet man sich hier in die Stille. Es wäre wohl überhaupt 
zu wünschen, daß das ganze Musenlokal samt den Wohnungen 
der Professoren und Studierenden in einer stilleren Gegend 
der Stadt belegen wäre, denn das Geräusch und Getümmel 
der Straße, in welches der Jüngling, nachdem er den Hör- 
saal verlassen, sich stürzt, kann zur Nährung und Befestigung 
der erhaltenen Ideen schwerlich beitragen. Uebrigcns find 
auch hier, wie in Königsberg, viele Studierende zur Armee 
abgegangen, daher die Professoren genötigt sind, vor drei bis 
sechs Zuhörern zu lesen. 
Die Porzellan-Fabrik, die ich sah. ist wegen der in ihr 
gepflegten wundervollen Malerei gewiß die erste in Europa; 
an Güte des Thons mag die Dresdener oder Pariser Fabrik 
sie vielleicht übertreffen. Von allem Großen und Herrlichen 
aber, das ich in Berlin gesehen, zogen mich doch am meisten 
an zwei Institute, die der erbarmenden und erfinderischen 
christlichen Nächstenliebe zu besonderer Ehre gereichen: die 
Taubstummen-Anstalt und das Blinden-Jnstitut. Erstere ist 
ein Werk des verstorbenen Professors Eschke und wird jetzt 
von dessen würdigem Nachfolger, Professor Grashoff, 
geleitet. Mehr als vierzig unglückliche Knaben und Mädchen, 
denen die Natur die Gabe des Gehörs und der Sprache 
versagt hat, lernen hier durch den bewunderungswürdigsten 
Fleiß der Lehrer den Gebrauch der Sprache und überdies 
eine Menge der nützlichsten menschlichen Kenntnisse und Fertig 
keiten. Das ihnen mangelnde Gehör ersetzen sie durch das 
Gesicht; dem Sprechenden sehen sie die Worte an der Be 
wegung der Lippen ab und antworten darauf, ohne sich selbst 
hören zu können. An Scharfsinn und schneller Fassungskraft 
übertreffen sie die anderen mit allen fünf Sinnen begabten 
Menschen. Ich machte den Versuch, sie nach den abstraktesten 
Ideen zu fragen und die Antwort aufschreiben zu lassen, und 
sie waren in einem Augenblick damit fertig. Herr Professor 
Grashoff hatte die Güte, mir den ganzen Unterrichtsgang in 
drei Stunden praktisch zu zeigen. Die meiste Anstrengung 
kostet es. im Anfang des Unterrichts die einzelnen Buchstaben 
den Kindern beizubringen. Ein oder mehrere Tage sind 
erforderlich, bis sie das r oder x aus dem Munde heraus 
bringen lernen. Das Cyllabieen und Lesen geht später schon 
schneller. Außer der Tonsprache haben die Kinder noch die 
Zeichensprache, welche ihnen zur Unterhaltung dient, wenn 
sie unter sich sind. Ein früherer Zögling dieses Institutes, 
Herr Habermaß, ist jetzt schon selbst Lehrer und giebt 
Unterricht in den Wissenschaften. Diese Taubstummenanstalt 
erhält Schüler aus den entferntesten Gegenden Deutschlands, 
selbst aus Ostpreußen und Kurland. 
Gleiche Bewunderung verdient das Blinden-Jnstitut, 
dessen Direktor Professor Zeune ist, und das dreißig Zöglinge 
har. Hier wird der Mangel des Gesichts beim Unterricht 
durch das Gefühl ersetzt, was bei den Blinden in dem Grade 
geschärft ist, daß sie Gedrucktes durch Betastung lesen können. 
— Wer diese Anstalten gesehen hat. muß von dankbarer 
Freude erfüllt werden über die edle Entsagung der Männer, 
die ihr ganzes Leben mühevoll daran wenden, der leidenden
        
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