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Periodical volume 15. Mai 1894, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Also war er, Krelinger, doch der erste im Herzen der 
lieblichen Leo gewesen. Hatte sie es nicht Dufayel feierlich 
gestanden, ihr Herz habe bereits gewählt? Wen konnte sie 
denn anders damit gemeint haben, als ihn? Hätte er das 
nur gewußt! Wie ganz anders, anders hätte alles kommen 
müssen! 
Endlich erhob sich Krelinger und zahlte seine Zeche, auch 
den kleinen Imbiß, welchen Dufayel zu begleichen in der 
Aufregung vergessen hatte. 
„Ewig schade." brummte Krelinger bei sich, als er auf 
die Hauptstraße Schönebergs getreten war und. rückwärts 
gewendet, einen langen Blick nach der ehemaligen Villeggiatur 
Rat Leos geworfen hatte, „ewig schade, daß Dufayel heute 
mal wieder den Empfindlichen herausbiß! Wie schön hätten 
wir auf dem Rückwege das Gedächtnis alter Erlebnisse auf 
frischen können! Das würde einen Hauptspaß gegeben haben.— 
Also ihr Herz hatte schon gewählt—! Und für einen Artillerie- 
Osfizier a. D. kann mich Dufayel halten! Schau, schau, ich 
war und bin wie's scheint, doch ein ganz verfluchter Kerl!" 
So immer wohlgefällig vor sich hinbrummend, war der 
in seiner Gesamtstimmung gar nicht gedrückte Beamte bis zu 
dem Biergarten gekommen, der, von Schöneberg aus gerechnet, 
jenseits der Potsdamer Brücke auf der rechten Seite der Pots 
damer Straße gelegen war. Krelinger trat in diesen tief 
gelegenen Garten, wählte jedoch keinen Platz in den schattigen 
Partieen desselben, sondem kletterte die hölzernen Stufen zu 
der Veranda hinan, von welcher man die Grabenstraßc 
diesseits des Schifsahrtskanals, das Schöneberger Ufer jenseits 
desselben mit schattigen Baumalleeen, den Kanal mit seinen 
Lastkähnen, die Brücke mit ihrem regen Verkehr beschaulich 
überblicken konnte. 
Auf dieser bevorzugten Stelle verzehrte der Postsekretär 
sein Mittagsmahl, trank mehrere Schoppen und murmelte sehr 
zufrieden mit sich selbst: „Herz gewählt! — Artillerie-Offizier! — 
Ja, ja, ja! Verfluchter Kerl! — Dumm das mit Dufayel! 
Weshalb rannte er denn fort? — Na, wird schon wieder 
kommen, wird wiederkommen! Ich kann doch nicht deswegen 
Abbitte leisten, daß Josephine mir ihr Herz zugewandt. — 
Warum nicht gar?" 
Wie mächtig ist doch die Liebe, daß ihr verbleichender 
Abglanz nach dreißig Jahren die beiden alten Knaben, wenn 
auch in verschiedener Weise, noch derartig erschüttern und 
durchrütteln konnte! — 
Bolzani wunderte sich nicht wenig, als unser Freundes 
paar seine Abendstunden nicht mehr in der Konditorei am 
Potsdamer-Platz zubrachte. Sollte die leidige Politik, welche 
Regierung und Abgeordnetenhaus in grimmige Feindschaft 
gegeneinander hetzte, auch hier zum Bruch getrieben haben? 
War die Versöhnung zwischen dem Postsekretär und dem 
Kaufmann an jenem Abend nur eine äußerliche gewesen? 
Wirt und Kellnerschaft im „Helm" standen ebenfalls vor 
einem Rätsel. Der Oktober ließ sich noch so schön altweiber 
sommerhaft an; sollte die Jahreszeit die beiden unzertrennlichen 
Herren von Schöneberg fernhalten? Sonst waren dieselben 
doch auch im Winter nicht völlig ausgeblieben. 
Krelinger machte den weiten Umweg durch die Desiauer-, 
Bernburger- und Köthener Straße, um nicht an dem Laden in 
der Hirschelstraße vorbeikommen zu müssen. Seinen Thee 
nahm der Sekretär fortan, falls er ja abends zum Ausgang 
sich entschloß, in der renommierten Konditorei von Voß in der 
Anhallstraße. Bei seinen Sonntagsausflügen vermied er es. 
den Potsdamer Platz als Ausgangspunkt zu wählen. Nach 
Schöneberg begab er sich schon gar nicht, um dem grollenden 
Dufayel nicht zu begegnen. Krelinger bevorzugte jetzt Krugs 
Garten am Lützower Ufer und das Birkenwäldchen am 
Zoologischen Garten. Fatalerweise wollte ihm dort nichts 
munden. Passende Gesellschaft fand sich nicht sofort. Er war 
verdrießlich. Oft wetterte Krelinger im stillen über den eigen 
sinnig sich fern haltenden Dufayel. Es half aber nichts. Das 
Verhältnis blieb gespannt. 
Dufayel erinnerte sich jetzt plötzlich, daß er bisher in 
unverzeihlichem Egoismus nur sich gelebt habe. Jetzt nahm 
er sich vor, auch an andere zu denken. An dem Sonntage, 
welcher dem verhängnisvollen Bruch in Schöneberg folgte, 
stieg Dufayel die drei Treppen zur Wohnung seiner Schwester 
in der Schulgartenstraße herauf. Der kleinen Emilie und dem 
noch kleineren Otto brachte der gütige Onkel die von den 
Kindern schwärmerisch geliebten Zuckerguß-Zwiebäcke aus der 
Hoffmannschen Konditorei in der Bellevue-Straße mit. Nach Tisch 
lud Dufayel seine Schwester mit den Kindern zu einem 
Spaziergange nach dem Hofjäger ein. Die stille Witwe lebte 
während des Konzerts ein wenig auf und lobte ihren Bruder 
einmal über das andere: „Wie gm Du bist. Eugen!" Sie 
ermahnte die herumspringenden Kinder, dem lieben Onkel für 
alle Freundlichkeit ja recht schön zu danken. Dufayel schien 
jetzt im Sturmschritt alles wieder gut machen zu wollen, was 
er an den Seinen bisher versäumt haben könnte. 
Der Zoologische Garten, das Affentheater in der 
Dorotheenstraße und noch manches andere war in Onkel 
Dufayels Programm vorgemerkt und wurde zum Teil 
gewissenhaft erledigt. Einen besseren Bruder und Onkel hatte 
es bis dahin nimmer gegeben. 
Einem Schatten war er. Dufayel, bisher nachgelaufen. 
Was hatte Josephine für ihn übrig gehabt? Weshalb dieses 
Götzenbild verehren? 
Und doch vermochte er seine Jugendliebe nicht fühllos 
über Bord zu werfen. Eines Abends, Ende Oktober, war er 
herausgeschlichen nach Schöneberg, um die jetzt so wenig belebte 
Hauptstraße mit den ehemals so heilig gehaltenen Stätten der 
Erinnerung auf sich wirken zu lassen. Das Laub fiel von 
den Bäumen, durch deren kahler werdende Zweige das bleiche 
Mondenlicht sich stahl. Da glaubte Dufayel auf der anderen 
Seite der Straße die vergoldeten Knöpfe von Krelingers 
Uniforms-Paletot glitzern zu sehen. Verschwunden war die 
fromme Andacht; die Hydra des Hasses erhob in dem Herzen 
Dufayels aufs neue ihr Haupt. 
Auch die geliebte „Vossische Zeitung" und der Ende jeder 
Woche sehnsüchtig erwartete „Kladderadatsch" vermochten das 
verwundete Gemüt des Kaufmanns nicht zu besänftigen. 
Eines Mittags war Dufayel auf dem Leipziger Platz 
durch den Abgeordneten Dunker, den Verleger der „Volkszeitung" 
dem großen Tribunen Waldeck vorgestellt morden. Der Führer 
der preußischen Demokratie hatte unserm kleinen Kaufmann 
die Hand geschüttelt und seine Freude darüber ausgesprochen, 
den treuen Anhänger der guten Sache kennen zu lernen. In 
Dufayel war es wie erwachender Stolz aufgequollen, der 
Händedruck Waldecks war ihm noch lange eine erhebende Er 
innerung. Doch auch das ehrwürdige Silberhaupt des
        
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