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Periodical volume 5. Mai 1894, Nr. 18

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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zwischen 9 und 10 Uhr vormittags hinaus und zwischen 11 
und 12 Uhr nach der Stadt zurückwandern. Es war immer 
derselbe Anblick: der kleine, schnurrbärtige, grimmig drein 
schauende Postsekcetär, heftig gestikulierend und auf seinen 
Weggenossen einsprechend, und der Civilist, nur kurze Ant 
worten flüsternd, nebenher, stets mit dem grauen Cylinder, 
dem grünen Gehrock, der violetten Atlasweste samt gold 
geränderten Knöpfen, der um den Hals geschlungenen, lang 
herabhängenden, feingliederigen silbernen Uhrketle, den tauben 
grauen Beinkleidern und Lackstiefeln angethan. Im Winter 
hüllte beide außerdem ein Paletot ein, welcher bei Dufayel 
einen Sammetkragen mit Aufschlägen von gleichem Stoffe, 
beim Postsekretär die vergoldeten Uniformsknöpfe aufwies. 
Tufayel trug in der rechten Hand das spanische Rohr mit 
dem silbernen Knopfe. 
Die Baugeschichte der Potsdamer Straße sowie Neu- 
und Alt-Schönebergs kannten die beiden genauer und ein 
gehender, als der geriebenste Lokalhistoriker. 
In früherer Zeit hatten die Freunde den „Schwarzen 
Adler" in Alt-Schöneberg zu ihrer Erfrischungsstation gewählt. 
Als dieses Lokal später 
kleinbürgerlicher wurde und 
nicht selten schon an Vor 
mittagen sehr besucht war, 
bestimmten Post- und Kauf- 
mannsschafl den „Helm" in 
Neu - Schöneberg zu ihrer 
Raststätte. 
Wie hunderte von Malen, 
so verlief auch heute die 
Wallfahrt. Ueber das kleine 
Häuschen zwischen Link- und 
Eichhornstraße, welches 
Mannshöhe nicht viel über 
ragte und das Verkaufs, 
geschäft eines Klempners in 
sich barg, machte Krelinger 
dieselben Glasten wie vor 
zehn Jahren. An der Potsdamer Brücke konstatierte Dufayel mit 
Genugthuung, daß man bis hierher diesmal wieder nicht mehr 
als 7 Minuten gebraucht habe. Auch an der Kreuzung der 
Lützower, der Steglitzer, der Teltower Straße verständigten 
sich die Freunde zum fünfhundertsten Male über die zurück 
gelegte Entfernung und die dafür aufgewendete Zeit. 
Es war ein anmutender Spätsommertag. Der Himmel 
blaute auf die Bäume und Vorgärten der Potsdamer Straße 
hernieder. Georginen und Astern füllten die Beete und schienen 
unverwüstlich. 
Am Botanischen Garten wurden die Wanderer von dem 
Omnibus der Linie Lustgarten - Schöneberg überholt. Der 
Kondukteur schaute geringschätzig auf die Fußgänger herab, 
die seinen Wagen nie beanspruchten, sondern knauserig den 
Silbergroschen sparten. 
„Faules Volk, das im Wagen fährt!" brummte Krelinger. 
„Sollte lieber seinen Kindern Brot dafür kaufen! Träge 
Bande! Uebrigens haben wir heute doch ein wenig Ver 
spätung: der Omnibus hat uns noch nie schon an dieser 
Stelle überholt." 
Sie durchschritten das Dorf seiner ganzen Länge nach. 
Der Postsekretär äußerte sich anerkennend über die glückliche 
Jvee des Arztes, der es kürzlich unternommen hatte, auf dem 
gesunden Boden Schönebergs die „Llaisou äs Lauts" zu 
errichten. 
Endlich waren sie bei der kleinen Kirche fast im Süden 
des Ortes angelangt. Hier verweilten sie einen Augenblick, 
lauschten auf den Gesang der Gemeinde im Gotteshause, 
blickten nach der Wetterfahne auf dem Turme und begrüßten 
es mit Freuden, daß der Wind immer noch aus Osten wehe. 
also vorläufig Regen nicht zu befürchten sei. 
Nachdem die Freunde noch ein Weilchen am Ende des 
Dorfes bei der Schmiede Umschau gehalten hatten, gingen sie 
auf der anderen Seite der Schöneberger Hauptstraße wieder 
zurück. Das Haus mit den kunstlosen mythologischen Reliefs 
verursachte ihnen auch heute wieder Kopfschmerzen; allein, 
soviel sie sich auch mit der Deutung der Darstellungen mühten, 
auch heute kamen sie nicht damit zum Ziel und gaben daher 
den Versuch auf. 
Nun stiegen sie die Stufen zum „Helm" hinan, durch 
schritten den Vorgarten, dankten dem sie begrüßenden Wirt 
und verfügten sich links 
von dem Restaurationsge 
bäude in den rückwärts be- 
legenen Garten, der sich wie 
ein Keil in benachbarte 
Blumen- und Gemüsegärten 
einschob und von dichtem 
Gesträuch umgeben war. 
Hohe Pappeln, Linden- und 
Nußbäume überragten die um 
liegenden Landhäuschen. 
Unter einem breitästigen 
Nußbaume stand ein ein 
samer Tisch, an welchem sich 
K-elinger und Dufayel nieder 
ließen. 
Die Bedienung brachte 
einen Imbiß und Bier. 
Das Gebiet der Politik hatten die beiden Männer heute 
kaum berührt, denn in ihrem Patriotismus waren sie ja einig; 
dagegen reizten ins Detail gehende Fragen leicht zu neuer 
Meinungsverschiedenheit, welche man fürchtete. Die gefestigtste 
Freundschaft erhält durch fortgesetzte Reibereien schließlich 
einen Riß. 
Der Neid der Götter schien jedoch aufs neue den Apfel 
der Zwietracht unter die glücklichen Freunde werfen zu wollen. 
Und diesmal wurde die Sache gefahrdrohender, als gestern, 
denn heute handelte es sich nicht mehr um Fragen des Ver 
standes und der politischen Meinung, nein, heute ging es ans 
Herz! — 
Krelinger, der sich soeben die dritte Cigarre an diesem 
Vormittag anzündete, wippte mit dem Stuhle nach hinten 
über, blies den Rauch in die Luft und schaute den zwischen 
den Blättern des Nußbaumes verschwindenden blauen Wölkchen 
wohlgemut nach. 
„Ach. wie schön ist doch die Welt!" knurrte behaglich 
der feiernde Postsekretär. „Nur schade, daß man inzwischen 
ein alter Bursche geworden ist, den sie — wie lange wird's 
noch währen — bald zum alten Eisen werfen werden!" 
Die DiUeri Arnalia und Angiolina in Abvaria.
        
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