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Periodical volume 28. April 1894, Nr. 17

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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sannen und Krügen auf die Tische, die Gäste rrauken den 
selben aus Bechern von Glas. kostbarem Holz oder Metall. 
Die Hände wurden vor und nach dem Mahle in goldenen 
oder silbernen Waschbecken gereinigt. Den Gästen wies der 
Truchseß, welcher das Gastmahl beaufsichtigte, die Plätze an. 
In älterer Zeit speisten die Geschlechter getrennt, erst später 
saßen sie „in bunter Reihe." Fürsten speisten allein oder 
mit ihren Gemahlinnen an einem besonderen Tische. 
Bewiesen so die Ritter in ihrem häuslichen Treiben, daß 
sie zu leben verstanden, so kannten sie einen Genuß nicht, 
dem sich die Begüterten und Vornehmen der Gegenwart mit 
Vorliebe hingeben. „Reisen zum Vergnügen und zur 
Erholung kannte man im Mittelalter nicht," sagt Henne am 
Rhyn. „Was die Leute von einem zum andern Ort führte, 
waren bei allen Ständen nur die Wallfahrten, wozu bei den 
Kaufleuten Geschäftsreisen, bei den Rittern und ihren Dienst 
leuten aber Kriegszüge und Besuche von Festen oder bei Be 
freundeten kamen." Das Reisen im Mittelalter war auch ein 
sehr zweifelhaftes Vergnügen. Die Wege waren unsicher und 
in einer verzweifelten Verfassung. Nur wer nichts zu ver 
lieren hatte, wie die Pilger und Bettler, konnte ohne „Ge 
leite" d. h. kriegerische Begleitung reisen. Die Wege ver 
besserte man schon wegen der sog. Grundruhr nicht, welche 
den Herren der Länder den Besitz von allen Gegenständen 
zusprach, die vom Wagen auf die Straße fielen. Sonderbare 
Rechtsanschauung, welche für die „gute, alte Zeit" überaus 
charakteristisch ist! Desienungeachtet darf man sich eine mittel 
alterliche „Straße" nicht als einsam und leer vorstellen. 
Fähnlein von Geleits- und fehdelustigen Rittern, ritterliche 
und städtische Knechte, Kreuzfahrer, singende und betende 
Pilger, Boten, Fronbauern. Kaufleute, Gaukler, Tierführer 
und allerlei fahrende Leute belebten sie. Die meisten Passanten 
gingen auf Schusters Rappen, vornehme, ritterliche Leute 
waren zu Pferde, Damen und ältere Herren reisten in Sänften 
oder auf Maultieren. Die Benutzung von Wagen hingegen 
war noch selten. 
Einen kurzen Blick wollen wir noch auf die letzte 
Reise werfen, der auch die Ritter verfallen waren, die in 
das Jenseits, oder vielmehr auf die Ceremonien, unter denen 
die Bestattung der Ritter vor sich ging. „Die vielen 
Strapazen und Anstrengungen der Ritter bei Turnieren. 
Fehden, Kriegs- nnd Kreuzzügen," sagt Henne am Rhyn, 
„trugen das Ihrige dazu bei, daß das Lebensende durch 
schnittlich früher eintrat, als dies bei einem ruhigen Leben 
der Fall gewesen wäre. Es kann angenommen werden, daß 
für einen Ritter jener Zeit das Alter von 50 Jahren schon 
ein unerwartet hohes war, und daß höhere Altersjahre zu 
den seltenen Ausnahmen gehörten. In der Regel konnte 
gewiß ein Ritter, dessen Augen ein halbes Jahrhundert ge 
sehen, auf seine Waffenthaten nur noch zurückblicken, und. 
weil krank oder schwach, sich auf den Altenteil seiner Burg 
zurückziehen, während seine Söhne an seine Stelle traten und 
seine Enkel bereits auf eine ritterliche Laufbahn vorausblickten." 
Zu dem frühen Ableben trug auch die Unfähigkeit der 
damaligen Heilkunde viel bei; so ließ sich 1194 Herzog 
Leopold V. von Oesterreich sein bet einem Turnier ver 
wundetes Bein durch ein Beil abhacken, wodurch er seinen 
Tod fand, weil die Aerzte dessen Amputation nicht wagten. 
Starben Fürsten oder vornehme Leute, so wurde die Leiche 
feierlich aufgebahrt und der Tote auf der Bahre von Elfen 
bein oder Ebenholz in die Kirche getragen und dort 2 Tage 
und 2 Nächte von einer Totenwache bewacht. Der Leichnam 
vornehmer Personen wurde alsdann in einen steinernen Sarg 
gelegt und in das Gewölbe gelassen. Die Leidtragenden stießen 
bei dieser Ceremonie Klage- und Jammerlaute aus, zerrissen ihre 
Kleider, rauften das Haar, zerkratzten das Gesicht und zerschlugen 
die Brust. Die ganze Zeit neigte zum Aeußerlichen und 
Theatralischen, wie man denn z. B. zur Erhöhung der Wir 
kung Klageweiber zu Beerdigungen anstellte. Die sterblichen 
Reste fürstlicher Personen wurden häufig, nachdem sie einer 
äußerst primitiven Einbalsamierung unterzogen waren, weit 
fortgeführt an Orte, die die Verstorbenen selbst bestimmt hatten. 
So wurde 1281 der Leichnam der Königin Anna, der Gattin 
Rudolf I., von Wien nach Basel geschafft. Die Grabstätte über 
dem Gewölbe wurde durch eine Steinplatte bezeichnet, seltener 
war eine Tumba. d. h. ein Sarkophag mit dem Bilde des 
Verstorbenen aus Stein oder Erz, welche Skulptnren oft nur 
Phanrasiegebilde ohne Porträtähnlichkeit waren. — 
Dies über das häusliche Leben und Treiben der Ritter 
im Anschluß an das Werk über das Rittertum von Otto 
Henne am Rhyn. Wir haben dieses Kapitel zur Charakteristik 
des ganzen Werkes herausgegriffen und seinen wesentlichsten 
Inhalt im Umrisse skizziert, weil uns dieses Thema für weitere 
Kreise am interessantesten schien und vieles enthalt, was 
manchem neu sein dürfte und zu interessanten Vergleichen mit 
der Gegenwart herausfordert. An Reichhaltigkeit, Gediegen 
heit, Vornehmheit der Ausstattung steht demselben keines der 
übrigen Kapitel nach. Henne am Rhyn bietet in seinem 
Werke über das Rittertum freilich der Wissenschaft keine 
neuen Resultate der Forschung; er geht nicht zu sehr auf die 
Darstellung von Einzelheiten ein; aber er bietet in großen 
Zügen ein klares, in sich abgeschlossenes, lebensvolles 
Bild von dem Treiben jenes Standes, um welchen 
sich in gewissem Sinne alles im Mittelalter drehte- 
Sein Buch ist ein kurzer (nicht trockener) Grundriß einer der 
anziehendsten Epochen der Kulturgeschichte; es zeugt von ein- 
gehendster Sachkenntnis und fesselndster Darstellungsgabe: eine 
solche Popularisierung der Wissenschaft ist mit Freuden zu be 
grüßen. 
Denkwürdigkeiten aus der Geschichte eines 
berühmten Kolkes. 
Von Hermann Kahnkc. 
(1. Fortsetzung.) 
Aus den Sagenkreisen heidnischer Vorzeit kommt die 
Biene ins christliche Altertum herüber, als geheiligtes, wunder- 
sames Wesen, geliebt und gepflegt. Die Einführung des 
Christentums bedingte ein neues, erhöhtes Ansehen, eine 
besondere Weihe für die Honigbereiterin. Ihrer Erzeugnisse 
bedurfte die Kirche in hohem Maße: Wachs, die „göttliche 
Fettigkeit", zur Bereitung der Altarkerzen, Honig, die 
„Himmelskost", welche Johannes der Täufer in der Wüste 
und Christus nach seiner Auferstehung (seine Jünger legten 
ihm Fisch nnd Honigseim vor) genoffen, als Fastenspeise. 
Ein Tropfen dieser geheiligten Flüssigkeit sichert einem neu- 
gebornen Kinde das Leben, weshalb man in ältester Zeit 
demselben nach der Taufe Honig in den Mund träufelt. Eine
        
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