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Periodical volume 21. April 1894, Nr. 16

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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im badischen Bezirk Konstanz aufgefunden wurde. Und daß 
die Biene ihre köstliche Honigspende den Menschen schon in 
vorgeschichtlicher Zeit dargeboten hat, ist auch ziemlich sicher 
erwiesen. In den helvetischen Pfahlbauten aus der söge- 
nannten Steinzeit sind zum Teil gut erhaltene durchlöcherte 
Gefäße gefunden worden, welche nach der Ansicht sachkundiger 
Gelehrten augenscheinlich von den Urbewohnern der Schweiz 
mit Honigwaben angefüllt und, über nicht durchbrochene Ge 
fäße gestellt, zum Abseihen des Honigs gedient haben, welche 
Art des Honigseimens heute noch in jenen Gegenden ge 
bräuchlich ist. Weisen doch auch ferner mehrere aus der 
Steinzeit an denselben Orten zu Tage geförderte organische 
Reste entschieden auf dieselben Tiere und Pflanzen hin, welche 
noch heute zum Haushalte und Leben der Biene in innigster 
Beziehung stehen. 
In frühesten Zeiten ist somit die Biene eine Freundin 
des Menschen geworden, die von demselben zunächst wohl um 
der süßen Honiggabe, später bei fortschreitender Zivilisation 
desselben auch um ihrer bewundernswerten Tugenden willen 
sorgsam gehütet und gepflegt worden. In der That hat der 
Mensch keinem andern Insekt eine solche Aufmerksamkeit er- 
wiesen, so hohe Verehrung zu teil werden lassen, wie der 
Honigbiene. Ihre Geschichte ist gleichsam ein feierlicher 
Hymnus, in welchem sie mit dem geheimnisvollen Nimbus 
früherer Gottheiten mit umwoben wird. Wo immer im Zeit 
alter der Mythen ein Volk vor unseren Augen auftaucht, 
finden wir auch die Biene als dessen Begleiterin, von ihm 
bewundert und gepflegt, mit seinen heiligen Sagen verknüpft; 
Dichter und Gelehrte achten auf sie und suchen ihre Tugenden 
zu verherrlichen, ihr geheimnisvolles Wesen, Thun und Treiben 
zu erforschen. Und so ist es denn gekommen, daß das un 
scheinbare Insekt in der Kulturgeschichte des Menschen einen 
Platz einnimmt, der uns mit Staunen erfüllt. In der Ge 
schichte des Bienengeschlechts spiegeln sich die Bildungsstufen 
der Menschenvölker, ihre Anschauungen, Denk- und Ausdrucks 
weise. ihr Gemütsleben, ihre Sitten und Gebräuche wieder. 
Die Biene besitzt von jeher ihre eigene Sprache in Wort und 
Satz, in Reim und Sprichwort; sie hat ihre Mythen, Sagen 
und Legenden, ihre Glaubenssätze, ihren Wunder- und Aber 
glauben bei allen Völkern; sie erfreut sich eigener Symbolik 
und eines lief in ihrem Wesen begründeten Rechtsbewußtseins. 
Ein Gang durch die Geschichte der Bienenzucht dürfte 
somit für jeden Gebildeten, ohne daß derselbe Imker oder 
Bienerzüchrer ist. von Interesse sein; zumal da der Pfad, auf 
den wir ihn führen wollen, des Merkwürdigen und Anziehenden 
die Fülle bietet. 
Das geheimnisvolle Dunkel, welches bis vor kurzem auf 
der Entstehung und Lebensweise des Bienenvolkes lag. führte 
im Altertum notwendig dazu, daß man diese wunderbaren 
Wesen vielfach mit den Unsterblichen in unmittelbare Be 
ziehung brachte. 
Die Götter aller uns bekannt gewordenen altheidnischen 
Völker ergötzen sich an den Früchten der Bienenarbeit und 
lassen sie auch denjenigen Menschenkindern teilhaftig werden, 
die sie in ihrer besonderen Gunst für wert erachten. Am an 
ziehendsten tritt uns diese Erscheinung in dem poesievollen 
Mythus der Griechen und Römer entgegen. Derselbe führt 
die Bienen als göttliche Wesen auf. unmittelbar von den 
Unsterblichen ins Leben gerufen. Rach einer altgriechischen 
Sage find sie Kinder der Sonne und der Hornisse, von den 
Nymphen auf der Insel Keos an der Küste von Attika auf. 
gezogen; gewiß ein sinniges Naturmärchen, dem auch unser 
aufgeklärter Verstand eine tiefe Wahrheit nicht wird versagen 
können. Denn in der That find die Bienen Kinder der 
Sonne, deren wohlthätiges Licht ihre Hornissennatur veredelt 
hat. deren Goldfarbe sie auf ihrem Kleide sowohl, als auf 
ihren Erzeugnissen tragen und deren glühender Kuß sie täglich 
zu neuer Arbeit weckt. 
Als den Erfinder der Bienenzucht nennt ein anderer 
Mythus den Bacchus. Als der freudespendende und den 
Frühling bringende Weingott auf einem Zuge durch das 
Rhodopegebirge in Thrazien zu den blühenden Abhängen des 
Pangäus am Flusse Strymon gelangte, erzählt Ovid, schlugen 
seine Gesellen jubelnd das klingende Erz zusammen. Da 
schart sich, von der seltsamen Musik angelockt, ein neues Ge 
flügel hinzu: die Bienen. Sie, die zuvor heimatlos die 
Wälder durchirrt, werden von dem Gotte gezähmt, indem er 
sie in die Höhlung eines Baumes schließt, wo sie den Menschen 
und Göttern zur süßen Beute den Honigstock bauen. Ferner 
berichtet die heilige Sage, daß Bienen die ersten Nährerinnen 
des Zeus wurden. Als Rhea den nachmaligen Himmelskönig 
auf der Insel Kreta geboren hatte, machten auf ihr Geheiß 
die Bewohner großen Lärm mit ihren Waffen, welcher ver 
hindern sollte, daß Saturn, der unnatürliche Vater, welcher 
seine eigenen Kinder verschlang, das Wimmern des Säuglings 
höre. Durch den Klang der Waffen werden Bienen herbei-
        
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