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Periodical volume 13. Januar 1894, Nr. 2

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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nachdem er die Lektüre beendet. „Hier, nimm Dein Eigentum 
zurück! Und nun sage mir, was willst Du eigentlich 
von mir?" 
„Ich wollte Sie bitten, den Namen meines Vaters mit 
dem Ihrigen vertauschen zu dürfen; bitten, daß der erstere 
hier nie genannt werde, denn ich stehe vor Ihnen als ein 
Heimatloser, als ein Flüchtling, der um die Scholle Landes 
bettelt, auf der er fortan leben darf, und — um ein wenig 
Liebe." 
„Ob Du letztere verdienst, mein Neffe, wird sich zeigen. 
Zuerst beichte, was trieb Dich heimatlos und flüchtig aus 
Frankreich? Liebeshändel mit blutigem Ausgang?" 
„Nein, mein Oheim. Ich glaube, wenn es nur das 
wäre, Sie würden milder richten." 
„Und was ist es denn?" polterte der Alte, indem er 
seinen Stock kräftig auf den Fußboden stieß. 
„Ich war," antwortete Viktor zögernd, „in eine Ver 
schwörung gegen den Kardinal Richelieu verwickelt." 
„Du, Du?" rief der Alte lachend. „Sage mir die 
Wahrheit, weiler nichts!" 
„Aber, Onkel, was soll es denn noch weiter sein? Ist 
das nicht schlimm genug?" 
„Um solchen Quark solch Aufhebens!" rief Graf Maihias. 
„Ich versichere Sie, mein Oheim, es ist schlimm genug. 
Mir droht das Henkerbeil oder die Bastille." 
(Fortsetzung folgt.) 
Mölln und Till Gulenspiegel. 
Eine Wandersludie von Grrn >1 Friedet. 
I. 
(1. Fortsetzung.) 
Fürst Heinrichs Kuliucversuche. — Beschützung der Slaven lind Bedrückung der 
Deutschen durch die christlichen Landesherren. — Falsche Vorstellung über die Knecht 
schaft der Wenden. — Evermod, Bischof von Ratzeburg. — Arnold von Lübeck. — Ge 
waltsame Versöhnung. — Bevorzugt- Lage des Landes Laucnburg. — Sieg de» 
Christen- und Deutschtums um 1150. — 
Zur Zeit von Herzog Heinrichs Tode braucht Helmold 
noch die bezeichnende Wendung: „Die Fürsten pflegen die 
Slaven zu beschützen, um ihre Einkünfte zu vermehren." 
Die Wenden, zur blinden Unterwerfung von ihren Kursen und 
Szupanen gewöhnt, waren tributpflichtig und mußten mancherlei 
Zins, an die weltlichen wie geistlichen Oberen entrichten*). 
Deshalb wurde das Slaventum förmlich verhätschelt, was 
den eingeborenen Deutschen, den Holsten und den ins Land 
gerufenen Einwanderern aus dem Nordwesten Deutschlands, 
zum Aergernis gereichte. dieGermanisierung und Christianifierung 
lange Zeit verhinderte, stets einen Zwiespalt unter denselben 
Landesbewohnern wach erhielt und am meisten dazu bei 
getragen hat, die schrecklichen Slavenaufstände mit ihren 
*) Der Herzog schrieb den Lauenburger Polaben dieselben Steuern 
an das Bistum Ratzeburg vor, welche bei den Polen und Pommern 
erlegt wurden, d. h. von jedem Pfluge drei Himten Weizen und zwölf 
Stück gangbare Münzen. Der^Scheffel hieß bei den Slaven Curitce, 
und ein slavischer Pflug (Haken) wurde zu zwei Ochsen und zwei Pferden 
gerechnet. 
Metzeleien und Brandschatzungen noch viele Jahrzehnte im 
Gange zu erhalten. 
Derselbe Geistliche Helmold schreibt aus hierarchischem 
Vorurteil folgendes von seinem eigenen zähen, selbstbewußten, 
unter fortwährenden Gefahren im Kampf ums Dasein ringenden 
deutschen Brüdern. „Die holsatischen Männer, welche nach 
Zurückdrängung der Slaven das Land bewohnten, waren zwar, 
was die Erbauung von Kirchen und die Gewährung von 
Gastfreundschaft anlangte, fromm, widersetzten sich aber hart- 
näckig der durch das göttliche Gesetz gebotenen gehörigen Ent- 
richtung des Zehnten. Sie erlegten nänilich nur sechs kleine 
Maße für jeden Pflug, was ihnen, wie sie sagten, als fie 
noch in ihrem Geburtslande waren, wegen der Nachbarschaft 
der Barbaren und der Kricgsläufte zur Erleichterung zugestanden 
war." Dies waren, was wohl zu beachten, freie Deutsche, die 
Nachkommen der von uns früher erwähnten heidnischen, über 
elbischen „Nordliudi"(Nordleute). Daneben hatte Heinrich Graf 
zu Ratzeburg im Polabischen bei diesem Bischofssitz, bei Mölln, 
bei Lauenburg eine Menge von den einst so widerhaarigen 
und jetzt bereits so gut katholischen Westfalen angesiedelt und 
das Land unter fie nach der herkömmlichen Hufe ausgeteilt. 
Diese deutschen Ansiedler bauten nicht blos Kirchen, sondern 
gaben auch unweigerlich den Zehnten. 
Nun befahl der Herzog den Nordleuten, sie sollten sich 
gleich den Westfälingern zur gleichen Steuer bequemen. 
Jene murrten aber und erklärten, fie würden ihren Nacken 
niemals unter ein solches Sklavenjoch beugen, durch welches 
fast alles Christenvolk dem Drucke der Priesterherrschaft unter 
liege. Uebrigens hätten die weltlichen Herren überall beinah 
schon den geistlichen Zehnten an sich gerissen. Auf erneute 
Vermahnung antworteten die Holsaten, sie würden niemals 
Zehnten errichten, die ihre Väter nicht entrichtet hätten; lieber 
wollten fie ihre Häuser mit eigenen Händen anzünden und 
das Land wieder verlassen. 
Mit Gewalt bedroht, gingen die Nordleute endlich in 
Gegenwart des Herzogs mit ihrem Bischof den Vertrag ein, 
mehr Zehnten zu geben, von jeder Hufe sechs Himten Weizen 
und acht Himten Hafer. Nun erfolgt eine für das trotzige 
Bauernvolk höchst bezeichnende Szene. Als die Notare für 
die Aussetzung der Urkunde nach Gerichtsbrauch eine Mark 
Gold forderten, da zerschlug sich hieran das ganze Geschäft, 
und die Sache blieb in den folgenden unruhigen Zeiten in 
der Schwebe. 
Diese Verhältniffe haben wir so ausführlich geschildert, 
weil sie zeigen, wie unrecht jene schlecht unterrichteten Schreiber 
haben, welche beständig von der Unterjochung. Knechtung und 
Mißhandlung der Wenden sprechen, während diese gerade von 
den christlichen Herrschern begünstigt und darüber deren eigene 
deutsche Unterthanen zurückgesetzt worden find. Auch die 
deutsche Kolonisation wird außerdem vielfach sehr überschätzt. 
Noch von Pribislav wird erzählt, daß er die Städte Mecklen 
burg. Jlow und Rostock ausgebaut und diese — wohlgemerkt 
selbst die städtischen Weichbilder — sowie ihr Gebiet mit 
slavischen Einwohnern bevölkert habe. 
Die Christianifierung und Verdeutschung vollzog fich im 
12. Jahrhundert ganz von selbst, wo die slavischen Fürsten der 
Obotriten und Milzen ohne Widerstand zum Christentum über 
traten, auch deutsche Sprache und Sitte annahmen, wo Bil 
dung, Handel und Wandel. Schifffahrt, verbesserter Ackerbau
        
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