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Periodical volume 21. April 1894, Nr. 16

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Doch drin im Hause 
Der Christen kniet' der altersgraue Mann, 
Und hoch zum Himmel stieg sein brünstig Flehen: 
„Herr. laß die engelsreine Kinderseele. 
Die für Dein Reich ich zu gewinnen hoffte, 
Im Schmutz des Heidentums nicht untergehst:! 
Den Geist des Guten weckte ich in ihr 
Und lehrte sie den Sünderheiland lieben, 
Der auch für sie aus Lieb' sein Blut vergossen. — 
Der zarte Keim des Glaubens, den ich weckte. 
Noch hält er nicht im rauhen Sturm des Lebens. 
Drum knie' ich hier vor Dir, mein Herr und Gott: 
In fernen Tagen, wenn ich nicht mehr bin, 
Dann laß das Bild des alten grauen Mannes 
Sie seh'n, der sie gelehrt, die Händchen falten 
Und vor dem Kreuze Deinen Namen nennen! 
Dann wird der zarte Keim nicht ganz verwelken, 
Und fällt ein Lichtstrahl Deines hellen Kreuzes 
Einst in dies Land des finstren Heidentums, 
Dann wird er wachsen und wird herrlich grünen 
Zu Lob und Preise Deines heil'gen Namens. 
Mir hast die Kinder Du versagt, o Herr, — 
Ich beugte mich. — Dein Wille nur geschehe! — 
Ich träumte dieses Kindes Seele mein. — 
Du nimmst sie mir. — Dein Thun ist wohlgethan! — 
Doch, Herr! — es sei des Kindes Seele Dein! 
Erhör' mein Flehn, o Vater, hoch im Himmel!" 
(Fortsetzung folgt). 
Royalist und Demoirrat. 
Wahrhaftige Historie aus der KonfliklSzeit. 
Von Karl Wiltrc. 
I. 
Auf dem schmalen Perron des alten Potsdamer Bahn 
hofs zu Berlin schritten zwei Herren in eiftigem Gespräch 
auf und ab. Es war ein ungleiches Paar und dennoch seit 
langen, langen Jahren innig mit einander befreundet. 
Postsekretär Fritz Krelinger, in voller Uniform, mit 
Epaulettes und Degen, halte seinem Aeußeren ein möglichst 
kriegerisches Aussehen zu geben versucht. Wurde dieses Be 
streben durch einen martialischen Schnurrbart, kurzgehaltenes, 
graumeliertes Haupthaar, buschige Brauen über den fort 
während im Rollen begriffenen Augen und vor allem durch 
ein lautes, ununterbrochen den Kommandoton bewahrendes 
Organ erfreulich unterstützt, so muß zugegeben werden, daß 
dieses ritterliche Gesamtbild durch die untersetzte Figur des 
Postgewaltigen in bedauernswerter Weise wieder beeinträchtigt 
wurde. „Auch Friedrich der Einzige und der gewaltige 
Bonaparte erlangten nicht das Gardemaß und waren doch 
Koloffe", pflegte sich Krelinger über das nicht unbeträchtliche 
Manko der Körperlänge hinwegzutrösten. 
Sehen wir uns das zweite Mitglied des Dioskuren- 
paares näher an! Herr Kaufmann Eugen Dufayel erfreute 
sich nicht unansehnlicher vertikaler Ausdehnung; trotz seiner 
fünfzig und einigen Lebensjahre hielt er sich jugendlich auf 
recht. Der glänzend gebürstete, kühn geschweifte graue 
Cylinderhut saß stutzerhaft auf einem Haupte, deffen Scheitel 
ein künstlerisch gewelltes blondes Toupet in bemerkenswerter 
Fülle krönte, während oberhalb der Ohrmuscheln vom Himer- 
haupte her auf jeder Seite des Schädels eine sorgfällig 
pomadisierte und frisierte Locke sich der Schläfe anschmiegte. 
Das schmale Gesicht des Herrn Dufayel ließ in zwei freundlich 
blickende blaue Aeuglein sehen, von welchen nach außen bereits 
hundert Fältchen strebten. Mund und Wangen umrahmte ein 
sorgsam gebürsteter, kurz gehaltener Vollbart. Ein dunkel 
grüner Rock, eine violette Atlasweste mit goldgeränderten 
Knöpfen, taubengraue Beinkleider von tadellos engem Schnitt 
ließen erraten, daß der Träger dieser Kunstwerke des Tailleurs 
trotz seiner Jahre dem Aeußern seines irdischen Teiles eine 
peinliche Sorgfalt zuwandte. 
„Gut, daß ich heute nachmittag erst um 5 Uhr in der 
Briefannahme anzutreten habe," donnerte Krelinger. „aus 
diesem Grunde läßt es sich ermöglichen, daß ich vorher noch 
Seiner Majestät salutiere, wenn Allerhöchstdieselbe von Potsdam 
eintreffen." 
„Auch ich durfte es wagen, ausnahmsweise von der 
Tagesordnung abzuweichen, um den König zu sehen," zirpte 
Dufayel, „da meine Schwester die Güte hatte, in Vertretung 
für mich den Vorsitz im Geschäft zu übernehmen." 
„Es ist gut, daß Seine Majestät den Bismarck an die 
Töte gesetzt hat," dröhnte es aus dem Munde Krelingers, 
„jetzt ist es mit dem Parlamentieren zu Ende." 
„Ich lebe der Hoffnung," flötete einwerfend der Hand 
lungsbeflissene, „daß sich noch ein Kompromiß zwischen 
Regiemng und Volksvertretung wird finden lassen." 
„Nichts von Vertrag, nichts von Uebergabe," deklamierte 
der Postsekretär groß. „Bismarck wird nicht wanken und 
weichen, er wird die Schwätzer im Parlament aufrollen, daß 
es eine Art hat." 
„Wir haben einen Verfassungsstaat," lispelte bedeutsam 
der Civilist, „der König wird nicht auf den Rat derer hören, 
die zum Staatsstreich treiben." 
„Staatsstreich?" grollte der Beamte höhnend. „Ist gar 
nicht nötig! Laßt die Fortschrittler ihr Blech weiter reden, 
und führt die Armeereorganisation durch! Das ist meine Parole." 
Dufayel wollte nochmals der bedrohten Verfassung mutig 
zu Hilfe kommen, da eilte der wegen seiner Schneidigkeit be 
kannte Bahnhofsinspektor auf den Perron und ersuchte das 
anwesende Publikuni zurückzuweichen, damit der König un- 
aufgehalten zu seiner draußen harrenden Equipage gelangen 
könne. 
Krelinger trat nur langsam und zögernd zurück. „Ich 
bin im Dienst." gab er dem jugendlichen Inspektor grimmig 
zurück. 
„Wie der sich wieder wichtig macht in seiner grünen 
Uniform!" schmälte dann der Sekretär. „Solch Volk trägt 
Epaulettes und Degen wie unsereins, und ist doch bloß An 
gestellter einer Privatgesellschaft. Es muß alles noch verstaat 
licht werden!" schloß drohend der Postbeamte, der. wie fast 
alle seine Kollegen, mit den Beamten der Potsdamer Bahn 
in ununterbrochenem Kriegszustände sich befand. Das Schlacht 
feld der kämpfenden Parteien war der Perron; die Post 
schweden behaupteten, den ersten Rang als königlich preußische 
Staarsbeamte einnehmen zu dürfen, die Angestellten der Bahn 
bestritten dies hartnäckig, weil sie hier die Herren und die 
Leute der Post nur die Geduldeten seien.
        
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