Path:
Periodical volume 14. April 1894, Nr. 15

Full text: Der Bär Issue 20.1894

« 180 Sk 
ihr Trinkwasser ein ganz vorzügliches sei. Dies war auch 
der Grund, daß die ersten Berliner Wasserwerke vor 
dem Stralauer Thore zunächst herzlich schlechte Geschäfte 
machten; man hielt das ganze Unternehmen für eine über 
flüssige, ausländische Neuerung. 
Die Eröffnung dieser ersten Wafferwerke erfolgte im 
Frühjahr 1856. Unternehmer waren die Engländer Fox 
und Crampton, welche am 14. Dezember 1852 mit dem 
Polizeipräsidenten v. Hinckeldey einen Vertrag zwecks Ver 
sorgung Berlins mit fließendem Wasser abschlössen — ein 
Unternehmen, für welches König Friedrich Wilhelm IV. das 
größte Interesse zeigte. Dieser Vertrag gewährleistete ihnen 
auf 25 Jahre ein Exklufivrecht und verpflichtete sie zur kosten 
freien Lieferung des Wassers für die Srraßenreinigung und 
das Feuerlöschwesen. Die beiden Engländer verwandelten 
ihr Unternehmen bald in eine Aktien-Gesellschaft, die Loriin 
Waterworks Company mit einem Kapital von 3 Millionen 
Thaler, welches später auf 4 Millionen erhöht werden mußte. 
1860 betrug die Dividende nur 1 Proz., 1872 bereits 
ll 1 /, Proz. Das Bedürfnis nach Leitungswasser hatte sich 
namentlich nach Bebauung der hochgelegenen Stadtteile heraus 
gestellt, wo man keine Brunnen erbohren konnte. Die 
englische Gesellschaft war nur zur Anlegung eines Rohrnetzes 
von 60 000 m verpflichtet, und da sich Magistrat und Stadt, 
verordneten zu einer Verlängerung ihres Privilegs nicht bereit 
fanden, stellte die Gesellschaft bei einem Rohrnetz von un- 
gefähr 120 000 m ihre Erweiterungsbauten ein, da sie durch 
diese ihre Ueberschüsse nicht schmälern wollte. Ein sehr fühl 
barer Wassermangel war die Folge, welchem erst abgeholfen 
wurde, als die Stadt in einem Vertrage vom 81. Dezember 1873 
der Gesellschaft ihr Wasserwerk mit sämtlichen Leitungen und 
Zubehör für 8 375 000 Thaler abkaufte. Der Direktor der 
Wasserwerke, Henry Gill, ein Mann, welchem Berlin in 
wassertechnischer Hinsicht unendlich viel verdankt, trat nunmehr 
in städtische Dienste, und ihm, der leider im Sommer 1893 
verstarb, verdankt Berlin durch die Schöpfung der Wasserwerke 
am Tegeler See (vollendet 1877) und am Müggelsee 
(vollendet 1893) seine mustergiltige Wasserversorgung. 
Die Stralauer Wasserwerke konnten bei ihrem Uebergang 
an die Stadt nur 8114 Grundstücke mit Wasser versorgen, 
während ungefähr 7000 Grundstücke ohne Wasser blieben. 
Die Eröffnung der Tegeler Wasserwerke ermöglichte von den 
vorhandenen 16 539 Grundstücken den Anschluß von 14 148. 
Dem fühlbarsten Wassermangel war somit abgeholfen; leider 
entsprach jedoch das aus Tegel gelieferte Wasser in qualitativer 
Beziehung nicht den berechtigten Wünschen der Bürgerschaft. 
Die angestellten Untersuchungen ergaben, daß die Ursache in 
der eisenhaltigen Beschaffenheit des Untergrundes lag. Man 
entnahm nämlich ursprünglich in Tegel das Wasser aus Tief 
brunnen und leitete es direkt in die Röhren. Dieses Brunnen- 
waffer wurde jedoch trübe, so bald es mit der Luft in Be 
rührung kam. schied Eisenoxyd in bedeutenden Mengen aus 
und begünstigte das Wachsen einer sich ungemein schnell ver 
breitenden Algenart. der berüchtigten „Crenothrix". Durch 
diese Alge gelangte das Wasser in trübem Zustande, mit 
Flocken durchsetzt, in die Haushaltungen. 
Nach eingehenden Untersuchungen und der Einholung 
zahlreicher gutachtlicher Aeußerungen von Autoritäten wurde 
am 26. Februar 1882 von der Stadtverordneten-Versammlung 
beschlosien, in Tegel Filter zu bauen, das Waffer durch ge 
waltige Pumpwerke aus dem See zu heben und es auf den 
Sandfiltern zu reinigen. Ursprünglich waren diese offene, 
große, gemauerte Bassins; später baute man nur noch ge 
deckte, wie sie unsere Illustrationen auf S. 169 und S. 177 
veranschaulichen, in welchen die Temperatur niemals unter 
Null finkt und in welchen die Filterreinigung auch bei Frost- 
wetter möglich ist. Ueber die Filtration entnehmen wir einem 
Vortrage des Stadtbau-Inspektors Beer im Architekten- 
Verein (nach der „Deutschen Bauzeitung"): „Die Erfahrung 
hat gelehrt, daß sich die Filtration auf der sich auf dem 
Sande bildenden Schlammschicht vollzieht. Die Körnergröße 
des Filtersandes beträgt etwa 0,5 mm. Zwischen den Körnern 
bleiben dann noch Kanäle, welche immerhin eine Weite von 
y 8 mm besitzen. Die Bakterien find aber unendlich viel 
kleiner und würden daher diese Kanäle mit Leichtigkeit passieren. 
Untersucht man nun den Filtersand, so findet man, daß die 
einzelnen Sandkörner von einer Schleimschtcht umgeben find, 
welche sich als Bakterien-Kolonien ergeben. Diese sowohl wie 
die oberste Schlammschicht halten die Bakterien zurück. Es 
folgt weiter aus diesem Umstande, und die Erfahmng be 
stätigt es, daß ganz reiner Filtersand nicht so gut filtriert wie 
solcher, der schon einige Zeit im Gebrauche ist. Nach dem 
Bekanntwerden der Forschungs - Ergebniffe der neueren 
Bakteriologie hat man den Untersuchungen des Wassers un 
ausgesetzt Fürsorge gewidmet und Folgendes gefunden. In 
den Jahren 1889—1893 haben sich im Spreewasser bei den 
Stralauer Werken in 1 obern 590—360 000 Keime gefunden; 
im filtrierten Zustande 14—260. Das Tegeler Seewaffer 
hatte 5000—15 000 Keime, im filrierten Wasser fanden sich 
9—50 Keime. Man hat aber auch schmutzigen Filtersand 
untersucht und gefunden, daß in einem Kilogramm Sand etwa 
6420 Millionen Keime enthalten waren; nach dem Waschen 
fanden sich immerhin noch etwa 61 Millionen Keime. Ein 
sechsmaliges Waschen war nicht imstande, die die Sandkörner 
umgebende Haut abzuwaschen, welche sich unter der Lupe 
als eine bräunliche gelatinöse Bakterienhaut erwies. Es 
wurden ferner Versuche mit sterilisiertem Sande gemacht, und 
man fand, daß innerhalb eines Zeitraumes von 22 Betriebs 
tagen die Keime um das zwei- bis fiebzehnfache ihrer ur 
sprünglich im Waffer enthaltenen Zahl wachsen. Ein solcher 
Filter lieferte zunächst sehr unbefriedigende Ergebnisse inbezug 
auf die Güte des erzielten Filterwassers; erst mit zunehmender 
Verschmutzung des Sandes trat eine beffere Filtration ein. 
Es wurde ferner die Sandschicht eines längere Zeit im Be 
triebe befindlichen Filters in verschiedenen Höhenlagen unter 
sucht. und es ergab sich, daß in einem Kilogramm Sand ent 
halten waren: an der Oberfläche 750 Mill. entwicklungsfähige 
Keime, in einer Tiefe von 100 mm 191 Mill. entwicklungs 
fähige Keime, in einer Tiefe von 200 mm 150 Mill. ent 
wicklungsfähige Keime, in einer Tiefe von 300 mm 91 Mill. 
entwicklungsfähige Keime, in einer Tiefe von 600 mm (an 
der Grenze, wo der Kies beginnt), 68 Mill. entwicklungs 
fähige Keime. 
Nach allen diesen Beobachtungen ist man zu folgenden 
Forderungen inbezug auf die Art und Weise, wie filtriert 
werden muß, gelangt: Es muß 1. langsam, 2. gleichmäßig, 
3. ohne zu hohen Druck filtriert werden. Es verdient aber 
besonders hervorgehoben zu werden, daß auch vor der
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.