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Periodical volume 14. April 1894, Nr. 15

Full text: Der Bär Issue 20.1894

«S 1/9 »■ 
I So find nun also 25,900,000 Seelen von allen Kenntnissen 
ausgeschlossen, weil fie dieselben nicht in der Muttersprache 
erlangen können . . . Wenn unsere Kenntniffe Schätze find, 
so muß man sie nicht verscharren, sondern fie nutzbar machen, 
indem man fie in einer, unsern sämtlichen Mitbürgern ver 
ständlichen Sprache allgemein verbreitet." Die Bedeutung von 
Sachkenntnissen hebt er nochmals hervor. „Durch die fran- 
zöfische Sprache ersparen Sie sich die Kenntnis einer Menge 
anderer, die ihr Gedächtnis mit Wörtern überladen würden, 
an deren Stelle Sie es nun mit Dingen füllen können, was 
sehr viel bester ist." 
Seit Friedrich diese Worte gesprochen, ist sein Wunsch 
erfüllt, die deutsche Sprache und Literatur haben eine hohe 
Blüte erreicht; es möge dahin gestellt bleiben, wieviel hiervon 
dem Altertum zu danken ist, wieviel unsere Dichter und Denker 
aus sich selbst, aus dem Volksgeist heraus geschaffen. Auch 
sind die guten Schriftsteller alter und neuer Zeit in unsere 
Sprache übertragen — haben wir aber den von dem großen 
König gehofften Nutzen gehabt? Nach wie vor werden auf der 
Schule die fremden Schriftsteller des Altertums wie der Neu- 
zeit in der Originalsprache gelesen, Uebersetzungen find ver 
pönt — man möchte nur fragen, für wen tüchtige Gelehrte 
sich der Uebersetzung unterziehen. Für die Schüler also nicht 
Etwa für die Erwachsenen? Wieviel Erwachsene beschäftigen 
sich wohl mit fremder Lektüre, nachdem ihnen die Freude da 
ran durch die Durcharbeitung des Originaltextes auf der Schule 
meist vertrieben ist? Erbauung wie Belehrung suchen wir doch 
in erster Linie in Werken, die uns in unserer Mutterspiache 
zugänglich sind. Jedoch wollen wir jetzt auf diese Frage nicht 
näher eingehen, erinnert sei nur an die tiefempfundenen Verse 
Schenkendorfs: 
„Ueberall weht Gottes Hauch, 
Heilig ist wohl mancher Brauch; 
Aber soll ich beten, danken, 
Geb ich meine Liebe kund, 
Meine seligsten Gedanken 
Sprech ich wie der Mutter Mund. — 
Wir haben im vorstehenden die Ansichten Friedrichs 
kennen gelernt. Wie verhielt es fich aber in der Wirklichkeit? 
Legen wir den Maßstab der Kritik an, so finden wir. daß zu 
nächst hinsichtlich der Schule den Worten des Königs nicht 
eine entsprechende Bethätigung gegenübersteht, daß seine Worte 
I in einem auffallenden Widerspruch zu seinen Thaten stehen. 
I. Ein Zeitgenosse, der mit dem König oft gesprochen hat, urteilt: 
t „Der größte Borwurf, der dem König in Absicht der Bildung 
; seines Volkes gemacht werden kann, ist unstreitig der, daß er 
I für die Erziehung der Jugend so wenig gethan hat. Daß die 
^ Schulen von höchster Wichtigkeit find, erklärte er oft genug, 
l allein er hat nicht dieser Ueberzeugung gemäß gehandelt. 
8 Die Schulen waren von der schlechtesten Beschaffenheit, und 
der König hat eigentlich garnichts für fie gethan." Bei seinem 
lebhaften Interesse für die Bildung dürfte man allerdings er- 
warten, daß die Sorge für das Schulwesen eine bevorzugte 
Stelle in seiner Thätigkeit einnehmen mußte. Sonderbarer 
weise hat er aber gerade darin sehr wenig gethan, weit weniger 
als sein Vater. Das Schulwesen entzog sich seiner Fürsorge 
deshalb, weil es in einem engen Zusammenhang mit der 
Kirche stand; der Kirche stand er aber zu kalt gegenüber, als 
daß er auf kirchliche Thätigkeit in der Schule hätte eingehen 
können. Seine ganze Fürsorge blieb auf einige Verordnungen 
beschränkt, von denen es auch noch zweifelhaft ist, ob sie über 
haupt jemals in Kraft getreten find. Um die Universitäten 
bekümmerte er fich ebensowenig. 
Und die Urteile über die Litteratur find, wie schon an- 
gedeutet, schief und unbegründet. Die gefeierten Dichter 
Deutschlands kannte er nicht und, was trauriger ist, er hatte 
nicht den Sinn, ihre Sprache zu verstehen. Er ahnte sowenig, 
in welchem Boden die Kraft und Schönheit unserer Sprache 
und Poesie wurzeln, daß er, als Profeffor Müller in Berlin 
ihm eine Sammlung der schönen Gedichte des deutschen Mittel- 
alters übersandte, nichts weiter zu antworten wußte, als „Ihr 
urteilt viel zu vorteilhaft, fie find nicht einen Schuß Pulver 
wert; in meiner Büchersammlung dulde ich solch elendes Zeug 
nicht." Er hatte fich dem deutschen Sinn abgewandt, nun 
mußte er darben mitten im Ueberfluß, vereinsamt mitten unter 
den Zeugnissen eines reichen litterarischen Lebens. Dennoch 
hielt er die freudige Zuversicht aufrecht, daß der Geist des 
deutschen Volkes sich dereinst in glänzender Herrlichkeit offen 
baren müsse, und nur der Gedanke, daß Friedrich in diesem 
Sinne über die deutsche Litteratur geschrieben hat, kann mit 
den mannigfachen schiefen und ungerechten Urteilen versöhnen. 
Ein schönes Zeichen der Liebe und Treue, mit der er bis an 
das Ende feiner Tage am Vaterlande hing. bilden die prophe 
tischen Worte, mit denen er seine Abhandlung schließt: „Wir 
werden unsere klassischen Schriftüeller haben; jeder wird sie 
lesen, um sich an ihnen zu erfreuen; unsere Nachbarn werden 
die deutsche Sprache erlernen, an den Höfen wird man fie mit 
Vergnügen sprechen, und es kann geschehen, daß unsere Sprache, 
ausgebildet und vollendet, sich zu Gunsten unserer guten 
Schriftsteller von einem Ende Europas bis zum andern aus 
breitet. Diese schönen Tage unserer Litteratur find noch nicht 
gekommen, aber sie nahen heran. Ich sage es Ihnen, fie 
werden erscheinen; ich werde fie nicht sehen, mein Alter ge 
stattet mir dazu keine Hoffnung. Ich bin wie Moses; ich sehe 
von fern das gelobte Land, aber ich werde es nicht betreten." 
Die Wasserversorgung der Stadt Sertm. 
(anst Abbildungen.*) 
Bis in die Mitte dieses Jahrhunderts entnahmen die 
Bewohner Berlins ihren Wasserbedarf durch gewöhnliche 
Bnmnen aus dem Vorräte des Grundwassers, welches durch 
die geologische Beschaffenheit des Berliner Bodens unerschöpflich 
schien. Das so gewonnene Wasser hatte im Sommer eine 
Temperatur von 10—11" 0., und sein Geschmack war nicht 
übel, bis durch die zunehmende Bebauung eine Verjauchung 
des Untergrundes eintrat. Der Glaube an diese Ver 
schlechterung des Grundwaffers brach sich nur sehr langsam 
Bahn, und die Berliner hatten von altersher die Anficht, daß 
*) Bergt, auch die »orige Nummer de« „Bär".
        
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