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Periodical volume 14. April 1894, Nr. 15

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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ein starker Mann in seinen besten Jahren, 
Schlank, wie des Nordlands grüne Edeltanne. 
Von finstrem Blick, mit stechend schwarzem Auge, 
Ein Wende ganz, vom Scheitel bis zur Sohle; — 
Und Micidrach, der Vogt der Burg Zwerin, 
Ein starker Kriegesheld von reifem Alter, 
Mit blauen Augen und von lichtem Haupthaar, 
Und lang der Bart, der halb die Brust bedeckt. 
Zum Streit gewappnet beide, auf dem Haupte 
Den Sturmhelm an den kräftigen bloßen Armen 
Erglänzen Ringe, schwer aus Gold und Eisen. 
In ernster Zwiesprach sehen wir die Männer 
Und gleich, als gäb's ein Rätsel zu ergründen 
Neigt Priebislav das helmbedeckte Haupt. 
Noch mancher Mann steht so und forscht und fraget, 
Welch wichtiger Grund es sei. der wohl den Fürsten 
Bewogen, seines Landes wehrhaft Volk 
Zu dieser ungewohnten Zeit des Jahres 
Aus allen Landesteilen zu berufen. 
Jetzt kommt Bewegung in die Schar der Männer, 
Und aller Augen wandten sich dahin. 
Wo eine kleine Schar bewehrter Reiter 
Sich auf dem steingebauten Damme nahte. 
Der von der Höh' der Wendenstadt Zwerin 
Hier nach des Gottes Prove Haine führte. 
Voraus auf schwerem, braunem Hengste sprengt 
Ein rüst'ger Greis in Helm und blankem Harnisch, 
Der wie ein Jüngling noch das Streitroß lenkt; 
Sein edles Antlitz, voller Kraft und Leben, 
Mit hochgewölbten Brauen, hellen Augen. 
Verrät von ferne schon den weisen Herrscher, 
Der Glieder Wuchs, der roten Narben Zier 
An Brust und Arm den kampfgewohnteu Helden. 
Grau wallte ihm das Haupthaar um den Nacken, 
Und bis zum Gürtel fast floß ihm herab 
Des filbergrauen Bartes flock'ge Welle. 
So sprengt er hin. gerüstet und gewappnet, 
Niclot, der Fürst der tapfren Obotrtten. 
Wotans, des Götterkönigs, Ebenbild. 
Weit in den Wendenlanden klang der Ruf 
Des Fürsten, der mit seiner starken Hand 
Ein Hort und Schutz dem alten Götterglauben, 
Ein mut'ger Kämpe für das edle Gut 
Der Freiheit seines Wendenvolkes war. 
Denn seit der blut'gen Wendenschlacht bei Lentzen, 
Da hunderttausend tapfre Wendenkrieger 
Für ihre Freiheit in den Tod gegangen, 
War dieses einst so großen Volkes Macht 
Gebrochen, und von allen Seiten drängten 
Deutschtum und Christentum der Wenden Grenze. 
Doch widerwillig nur und tapfer kämpfend 
Um jeden Fuß breit seines Vaterlandes 
Wich langsam noch der Wende neuer Sitte 
Und neuen Lehren, in des Nordens Wäldern 
Und Sümpfen eine letzte Heimstatt suchend. — 
Ein tiefer Ernst lag heute auf den Zügen 
Des Fürsten, der in eifrigem Gespräche 
Mit einem Mann den Weg zurückgelegt. 
Der bei des Dammes größrer Enge jetzt 
Im Reiterzuge seinem Fürsten folgte. 
An Alter mochte er dem Fürsten gleichen. 
Doch trug er schwerer an der Last der Jahre, 
Als jener, und das finstre Angesicht 
War voller Falten; während seine Augen 
Unheimlich schwarz in düstrem Lichte glänzten. 
Man sah's ihm an: er konnte glühend hassen. 
Wie kaum ein Mann. — Der blut'ge Crive ist es, 
Der Wendengötter mächl'ger Oberpriester, 
Im Umgang finster, doch von klugem Rate, 
Und. wenn's dem Kampfe gegen Christen galt, 
Grausam und ungezähmt in seiner Rache. 
Dem finstren Priester folgt ein junger Krieger, 
Der kaum im Leben zwanzig Lenze zählte; 
Des Fürsten zweiter Sohn ist's, Wartislav, 
Niclots, des Vaters, lebensfrisches Abbild. 
Keck blitzen seine Augen, um die Schultern 
Weht frei im Winde goldiges Gelock. — 
Jetzt nahte sich der Reitertrupp dem Haine. 
Von ihren Rossen stiegen all die Männer. 
Und in den Kreis der freien, edlen Wenden 
Trat stolz der Fürst. Laut klirrten Schwert und Schilde. 
Und grüßend schritt der greise Held zum Hochfitz 
Und hängte seinen Schild an einen Ast 
Der Göttereiche, als ein sichtbar Zeichen, 
Daß Krieg und Frieden, Urteilsspruch und Blutbann 
Hier in der Hand des steten Volkes liege. 
Hoch aufgerichtet, und mit klarem Auge 
Den Kreis der Männer prüfend, hub er an: 
„Ihr edlen Männer meines Wendenvolkes! 
Seit manchen Jahren war es mir vergönnt, 
An Eurer Spitze Land und Volk zu leiten. 
Ihr wißt es, meines ganzen Lebens Arbeit 
Galt meines Wendenvolkes Wohl und Freiheit, 
Und galt dem Dienste unsrer hohen Götter. 
Die wir von unsren Vätern schon ererbt. 
Wir haben manchen harten Kampf gekämpft, 
Und all die Narben hier an meinem Leibe 
Sind blut'ge Ehrenmale jener Tage. 
Noch sind wir frei, noch beten wir zu Göttern, 
Die uns verstehn, die unsre Sprache reden; 
Noch ist es unser Land, das wir bewohnen. — 
Doch Wetterwolken seh' ich sich erheben. 
Schon zuckt im Süd der Blitze blut'ger Schein. 
Der Donner rollt hoch droben in den Lüften, 
Und laut erhebt der Sturm sein grausig Lied. 
Im Sachsenland und rings in deutschen Gauen, 
Da regt es sich, da rüsten sich die Männer 
Zu mächt'gem Zuge gegen unser Volk. 
Ein Mönch, ein Diener jenes deutschen Gottes, 
Der, wie sie sagen, fern im heißen Süden 
Aus Liebe zu den Menschen sich geopfert,
        
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