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Periodical volume 7. April 1894, Nr. 14

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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unseren guten Leistungen vorlegen zu können (er nennt als 
einziges Lustspiel Ayrenhoffs „Postzug"); ich mache der Nation 
keinen Vorwurf. Es fehlt ihr weder an Geist noch an Be 
gabung, aber sie ist durch Ursachen zurückgehalten worden, 
welche sie an einem ihren Nachbarn gleichzeitigen Aufschwung 
gehindert haben. Die Musen verlangen ruhige Heimstätten, 
sie fliehen die Orte, wo Verwirrung herrscht und alles durch 
einanderstürzt. Erst nach dem (spanischen) Erbfolgekrieg fingen 
wir an, wieder gut zu machen, was eine Reihe von Drang 
salen uns geschadet hatte. Weder dem Geist noch den Gaben 
der Nation ist daher der geringe Fortschritt, den wir gemacht 
haben, zur Last zu legen, vielmehr müssen wir die Schuld 
einer Folge von Kriegen beimessen, die uns zu Grunde 
richteten und uns ebenso arm an Menschen wie an Geld 
machten." 
Um alle Dornen der Barbarei auszureißen, müsse man. 
Demosthenes, Aristoteles. Thukydides und Plato und den 
lateinischen Schriftstellern, seien doch alle diese die reichlich 
fließenden Quellen, aus denen Deulschlands Vorgänger, 
Italiener, Franzosen und Engländer, ihre Kenntnisse geschöpft 
hätten. 
Aber auch in dem Mangel an guten und tüchtigen 
Lehrern sieht Friedrich eine Ursache für die geringen Fort 
schritte in den Studien. Er charakteriesiert die pedantischen, 
die gleichgiltigen und die unwissenden Lehrer. Der Geist der 
pedantischen verbreite sich in kleinlicher Weise über Nebendinge 
und vernachlässige die Hauptsachen; dadurch würden die 
Schüler ermüdet und mit Widerwillen gegen die Studien er 
füllt. Die gleichgiltigen verrichteten ihr Amt. ohne Rücksicht 
auf Fortschritte ihrer Schüler, wie Lohnarbeiter, wenn ihnen 
nur ihr Gehalt pünktlich bezahlt würde. „Ich sage nicht, 
daß es keine Ausnahme von dieser Regel giebt, und daß man 
Oberfläche einrs überdeckten Filters mit den Regutierhäuserrr 
in den Wasserwerken in Friebrichsstageii. 
Photographische Aufnahme von Otto Rau. 
meint der König, mit der Vervollkommnung der Sprache be 
ginnen. „Klarheit ist die erste Regel, welche sich alle, die 
reden und schreiben, zum Gesetz machen müssen, denn es 
kommt darauf an, durch Worte seine Gedanken zu malen 
oder seine Vorstellungen auszudrücken. Was helfen die 
richtigsten, stärksten, glänzendsten Gedanken, wenn man sie 
nicht verständlich wiedergiebt?" 
Ein anderes dem Fortschritt der Litteratur schädliches 
Moment sieht er in dem Mangel gediegener Studien. Er 
tadelt, daß man. um sich vom Vorwurf der Pedanterie zu 
reinigen, anfange, das Studium der gelehrten Sprachen zu 
vernachlässigen, und oberflächlich werde, und rügt, daß nur 
wenige der deutschen Gelehrten ohne Schwierigkeit die klassischen 
Autoren übersetzen können. Um sein Ohr an dem Wohllaut 
der homerischen Verse zu bilden, müsse man sie geläufig, 
ohne Hilfe des Wörterbuchs lesen können; dasselbe gelte von 
in Deutschland nicht einige brauchbare Lehrer findet! Ich 
widerspreche dem keineswegs, ich muß nur sehnsüchtig wünschen, 
daß ihre Zahl bedeutender wäre. Was könnte ich nicht über 
die falsche Methode sagen, welche die Lehrer anwenden, um 
ihren Schülern Grammatik, Dialektik, Rhetorik und andere 
Kenntnisse beizubringen! Wie sollen sie den Geschmack ihrer 
Schüler bilden, wenn sie selbst nicht das Gute vom Mittel 
mäßigen. das Mittelmäßige vom Schlechten unterscheiden 
können, wenn sie die Arbeiten ihrer Schüler nicht sorgfältig 
verbessern, wenn sie ihre Fehler nicht tadeln, ohne sie zu ent 
mutigen, und wenn sie ihnen nicht sorgsam die Regeln ein 
schärfen. welche sie beim Schreiben immer sorgsam vor Augen 
haben müssen?" 
(Schluß folgt.)
        
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