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Periodical volume 7. April 1894, Nr. 14

Full text: Der Bär Issue 20.1894

162 & 
Der ew'gen Götter hehren Wohnsitz suchten. 
In Tempeln nicht, erbaut von Menschenhänden, 
Wohnt Gottes Geist. Er hat den schönsten Tempel 
Sich selbst erbaut, darin er wohnt und weilt, 
Bedarf nicht uns'rer Hände dürftig Werk. 
Nein! Nein! Im Wald und auf der Berge Gipfel. 
Im blauen See und auf den grünen Matten 
Da weilt sein Geist, da weht sein heiliger Odem, 
Da fühlt man sich dem ew'gen Weltgeist nahe. 
Er spricht zu uns durch seiner Wälder Rauschen: 
Das geht ins Herz! — Er zürnt im Ungewitter, 
Und zitternd steht der schwache Mensch und beugt 
Sich tief vor seines großen Gottes Nähe. — 
Und weiter dehnt der Adler seine Kreise. 
Da sieht er hier und da den Wald gelichtet; 
Aus braunen Hütten, roh aus Holz und Lehm 
Gebaut, steigt hoch der Rauch in grader Säule 
Zum Himmel aus. im Aether sich verlierend. — 
Dort wohnt der Wenden trotziges Geschlecht, 
Von Sitten rauh und keinem Zwang sich beugend, 
Und falsche Götter find es. die sie ehren. 
Doch hohe Tugend auch ist ihnen eigen, 
Die du umsonst bei manchem Manne suchst, 
Der sich bekennt zum lichten Christenglauben: 
Die Gastfreundschaft, die Liebe zu der Scholle, 
Die ihn gebar, die Ehrfurcht vor dem Alter 
Und unverzagter, kühner Heldenfinn — 
Das find die Tugenden, die in der Brust. 
Bedeckt von rauhem Bärenfelle schlummern. 
Der Wende liebt sein Land, die goldne Freiheit, 
Er liebt den Wald, die sturmbewegle See, 
Die nordwärts an den gelben Dünen brandet. 
Hörst Du sie rauschen, jene grünen Wogen? 
Siehst Du die schaumgekrönten, hohen Wellen. 
Wie sie sich brechen und sich wieder türmen 
Und donnernd au die steilen Ufer prallen? 
So wogt die See hier schon seit tausend Jahren 
Und wühlt und wäscht am steilen Uferrand; 
So heult der Nordsturm in den Buchenwipfeln 
Und rüttelt droben in den mächt'gen Kronen, 
Indes die See im Grund die Wurzel lockert. 
Nur dürftig ist der niedren Stämme Wuchs. 
Vom Sturm zerzaust das sparrige Gezweige, 
Und von den Aesten weh'n in rauhen Flechten 
Des silbergrauen Mooses lange Bärte. — 
Fürwahr, ein rauhes Land ist's, was wir schauen. 
Und doch, es gleicht dem rohen Edelstein, 
Der es des Meisters kund'ger Hand verdanket. 
Daß strahlend in der deutschen Kaiserkrone, 
Ein kostbar Kleinod, er im Lichte glänzet: 
Gar reiche Frucht bringt einst der üpp'ge Boden, 
Nachdem des Urwalds Schatten sich gelichtet, 
Und reichre Frucht noch tragen einst die Herzen 
Des Volkes, wenn der lichte Christenglaube 
Erst leuchtend seinen Einzug hier gehalten. — 
Du schönes Land, heil Dir und Deinen Fürsten! 
Heil Deinen Männern, Deinen holden Frau'n! 
Heil Deinen Wäldern, Deinen Silber-Seeen! 
Heil Deinen Hügeln und den grünen Au'n! 
Wie manchmal lauscht' ich Deiner Wipfel Sprache. 
Der schaumgekrönten Wellen leisem Lied. — 
Fern tönt’ im Wald des Spechtes dröhnend Hämmern, 
Die Drossel flötete im schwanken Ried. — 
Und in den Zweigen ging ein leises Flüstern 
Von fernen Tagen, längstvergang'ner Zeit. 
Und wie ich ihrem Sange träumend lauschte, 
Da ward das Herze mir so weit, so weit: 
Ich sah' sie ziehen, all' die alten Helden, 
Auf schwerem Roß, den Arm zum Streit bewehrt, 
Ich sah' sie handeln, lauschte ihren Reden, 
Und nieder schrieb ich's, wie ich es gehört. 
Auch schöne Frauen sah' ich, hold und fittig. 
Im Abendwinde flattert' ihr Gewand. 
Der Mond ging auf, die grauen Nebel stiegen. 
— Nun fahre wohl. Du meerbespültes Land! 
In Liebe immer will ich Dein gedenken; 
Ein gastlich trautes Heim einst bot'st Du mir. 
Du schönes Land der alten Obotriten, 
So lang' ich leb' in Treuen dank' ich Dir. — 
(Fortsetzung folgt). 
Autm. 
Eine Erzählung aus der Wendenzeit. 
Von Grrist Uorrrnann. 
(3. Fortsetzung). 
IV. 
Auf einem freien Platze inmitten des Lubahains finden 
wir die Bewohner des Wendendorfes versammelt, Alle wehr 
haften Krieger, dazu die verheirateten Frauen stehen in Gruppen 
beisammen und besprechen lebhaft den außergewöhnlichen Fall. 
Die Gefangennahme des Fischers, das Niederbrennen der 
Hütte, die Ermordung zweier Mönche waren am Morgen von 
Mund zu Mund gegangen, aber man wußte nicht, warum das 
alles geschehen, was jene verbrochen hatten. 
Nicht lange sollten sie der Aufklärung des Rätsels harren. 
Ihre Priester erscheinen, schweigend, düsteren Blickes. Sie 
stellen sich der harrenden Menge gegenüber, dann giebt der 
oberste ein Zeichen, daß er sprechen wolle. Das Brausen des 
Volkes verstummt. In der nun herrschenden Stille dringen 
seine Worte in jedes einzelne Ohr. 
„Tapfere Krieger der Wenden und Ihr, Mütter ruhm 
reicher Söhne! Wir haben Euch hergerufen, Abtrünnige zu 
richten und Zeugen zu sein der verhängten Strafe. Der 
Fischer Pribislaw, den Ihr alle kennt, hat unsere Götter ver 
leugnet. Er hat sich von jenen Mönchen, die auf dem Berge 
hausen und sich seit Jahren mühen. Euch zu Christen zu 
machen, überreden lassen und ihren Gott, der als Verbrecher 
am Holz gestorben ist, in seinem Hause verehrt. — Tapfere 
Männer! Ihr wißt, wie oft unsere Götter Euch zum Siege
        
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