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Periodical volume 31. März 1894, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 20.1894

man sich sagen: eS ist wahr. Preußens Nimbus ist hin. wir 
find zu Komödianten geworden, wir haben den Franzosen 
alles nachgeäfft — die greulichsten Theaterscenen. Nicht 
allein der König — auch die Königin (und daß der König 
das zugegeben hat, ist mehr als,unbegreiflich) — haben vom 
Balkon aus die Leichen ansehen müssen." Als der Prinz 
von Preußen am 8. Juni 1848 aus England zurückkehrte, 
gehörte Gabriele von Bülow zu den wenigen, die den Mut 
hatten, dem viel Verkannten und viel Geschmähten einen 
Empfang zu bereiten und zu illuminieren. Der spätere 
Einiger des deutschen Reiches bewahrte ihr für ihre so oft 
bewährte Treue stets in hohem Maße seine Huld. Bei der 
Huldigung im Juni 1861 und der Krönung und dem Ein 
züge in Berlin im Herbste 
desselben Jahres fungierte Frau 
v. Bülow als Oberhofmeisterin. 
Die Ereignisse der Jahre 1864, 
1866, 1870/71, die Wieder 
erschaffung des deutschen 
Reiches durch Kaiser Wilhelm 
und seine Paladine, riefen den 
freudigsten Widerhall in ihrem 
patriotischen Herzen wach. 
Aus tiefster Seele sang fie 
am 3. März 1871 bei der Ver 
kündigung der Friedensbot 
schaft mitten unter der Volks- 
maffe mit: „Nun danket alle 
Gott!" Keiner ihrer Lieben 
war auf dem Felde der Ehre 
geblieben, und jubelnd jauchzte 
auch sie den am 17. März 
in die Hauptstadt einziehenden 
Truppen und dem geliebten 
Könige an der Spitze derselben 
zu. Als Kind hatte sie im 
fernen Italien die tiefste Er 
niedrigung Preußens erlebt 
und nun diesen Aufschwung 
ohnegleichen! — 
In der Familie ereignete 
sich in den vier Jahrzehnten, 
welche Gabriele von Bülow 
als Witwe beschieden waren, 
Freud, und Leid in buntem 
Wechsel. Es war ihr beschieden, viel Werden und Vergehen 
im Kreise ihrer Lieben zu erleben. 
Ihre Tochter Gabriele sah fie vor sich hinscheiden 
(16. Februar 1854), ebenso ihren Schwiegersohn Karl von 
Heinz, den Gatten ihrer Tochter Constance (15. Dez. 1867). 
Die Geschwister bestattete fie alle unter den Fichten: Adelheid, 
diese heißgeliebteste Schwester, welche eine harmonische Er 
gänzung zu Gabriele bildete, starb am 14. Dezember 1856; 
deren Gatte, der ihr ein Bruder war, am 17. Dezember 1859, 
ihr Bruder Hermann 1871, Theodor 1882. In überaus 
innigen Beziehungen stand Gabriele zu ihrem großen Onkel 
Alexander. Er war schließlich der Einzige, der fie noch 
„liebes Kind" anreden konnte. Oft war er. der wehmütig 
klagte: „Ich begrabe mein ganzes Geschlecht!" der Gast der 
Nichte in Tegel, bis auch er 1859 die ewige Ruhe bei der 
Säule der Spes fand. In einem großen Kreise von Enkeln 
und Urenkeln sah sich Gabriele von Bülow aufs neue jung 
werden. In seltener Rüstigkeit des Körpers, in staunenswerter 
Regsamkeit und Frische des Geistes bewahrte sie sich bis in 
ein hohes Greisenalter die unerschöpfliche Liebe, die nie ver 
siegende Hilfsbereitschaft, die schrankenlose Selbstlosigkeit, 
welche sie ihr langes, so reich gesegnetes Leben bewiesen hatte. 
Die letzte große Freude ihres Alters war die Enthüllung der 
Humboldt-Denkmäler vor der Universität am 28. Mai 1883. 
Der alte Heldenkaiser begrüßte sie angesichts der Statuen in 
der hellen Maisonne und beglückwünschte sie zu diesen Vor 
fahren. Der letzte große Schmerz vor ihrem Heimgänge 
waren die unglücklichen Fa 
milienverhältnisse ihres Sohnes 
Bernhard. Jäh gelöst ward das 
Band zwanzigjähriger Ehe. 
auseinander gerissen der Kinder 
kreis, verödet die Heimat, ver 
giftet die heiligsten Empfin 
dungen. Dies war ein Schlag, 
der Gabriele härter traf als 
alle früheren: ihr edles Herz 
stand diesem tief traurigen 
Vorkommnis fasiungs- und ver- 
ständnislos gegeirüber, und 
manche Thräne vergoßdieGreisin 
über diese tief unglücklichen 
Verhältnisse. Diesen Schicksals 
schlag hat Gabriele nie ver 
wunden. er wurde der Anlaß 
zu ihrem Tode. 
Am 16. April 1887 
schloß die müde Greisin 
um zwei Uhr nachmittags die 
freundlichen Augen für immer; 
ein Herz hörte auf zu schlagen, 
welches 85 Jahre geschlagen 
hatte für alles wahrhaft Gute, 
Edle und Schöne, was ein 
Menschenherz bewegen kann; 
eine edle deutsche Frau hauchte 
ihren Geist aus. an der sich 
die göttliche Verheißung erfüllt 
hatte: 
„Ich will Dich segnen. 
Und Du sollst ein Segen sein." 
Aulm. 
Eine Erzählung aur der Wendenzeit. 
Von Ernst Uonrnann. 
(2. Fortsetzung.) 
Im Osten dämmerte bereits der neue Tag, als das Boot 
das Wendendorf erreichte. Ohne Verzug meldete der Diener sich der 
Tochter und wurde auch empfangen. Ohne ihn zu unterbrechen, 
hörte fie seinen Bericht; nur als er vom Mädchen sprach, das 
er im Garten im Arm des Jünglings gesehen, zuckte sie 
merklich zusammen und ihr Gesicht wurde noch um einen 
Schatten bleicher. 
Zerdiuaud Aug«» Friedrich Holtmann, Kaiserlich deutscher Kire-Adiuiral und 
Staatssekretär de» Leichs-Wariueamts. 
Rach einer Photographie von W. Höffert, Hof-Photograph, Berlin.
        
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