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Periodical volume 24. März 1894, Nr. 12

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Waldsee. Kommt man aus dem Walde heraus, so sieht mau 
von Binenwalde erst dann etwas, wenn man auf einem 
schmalen, nur mühsam zwischen Berg und See angelegten 
Wege um eine scharfe Biegung herum konimt. Das Dorf 
liegt durchaus verborgen. Die Landstraßen führen alle oben 
und jenseits an ihm vorbei. 
Unser Bild (S. 140) zeigt eine Scene des Waldbaches 
zwischen Binenwalde und Baltenmühle. Diese liegt auch sehr 
schön in einem Waldthale und hat jenseits auf einer Höhe 
einen auch von dem Wege zwischen Tornow und Binenwalde 
zu erreichenden prächtigen Aussichtspunkt, von dem der Berg 
jäh abfällt, die stolz genannte „Bastei". 
Fontane hat bei seinen Wanderungen durch die Mark 
bereits von dem gehört, was sich einst in dem abgelegenen 
Binenwalde zugetragen hat, ohne doch über unklare Gerüchte 
und poetische Einkleidungen dieser Gerüchte hinausgekommen 
zu sein. Auch haben schon Romane sich dieser Gerüchte in 
mehr oder minder geschickter Weise bemächtigt. Es ist ^nichts 
weniger als eine Herzensgeschichte des großen Friedrich, die 
hier ihre ebenso liebliche wie verborgene Scenerie gehabt hat, 
und die mit der ersterbenden Erinnerung einer schnell ver 
gessenden Zeit, mit dem Tode der ältesten Leute von Geschlecht 
zu Geschlecht mehr mitsterben und schließlich völlig vergessen 
werden würde, wenn nicht das Papier der Akten und Kirchen 
bücher sie länger und für den Kundigen besser bewahrte als 
der wechselnde und unzuverlässige Menschenmund. 
Im Jahre 1732 kam Friedrich als Oberst nach Neu- 
Ruppin, als das zweite Bataillon des Regiments Prinz von 
Preußen hierhin verlegt ward. Von seinem Garnisonort aus 
kam er gewiß um so öfter nach Rheinsberg, als er bei der 
für einen prinzlichen Haushalt durchaus nicht genügenden 
Ruppiner Wohnung sein Auge bereits auf das dem Obersten 
von Bsville gehörige, einem Prinzen wohl anstehende Rheins 
berger Schloß geworfen hatte. Dazu kam, daß sein Vater 
ihn mit der Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig- 
Bevern verlobt hatte, und nach der 1733 erfolgten Ver- 
mählung hatte der Kronprinz doppelt die Pflicht, sich nach 
einer auch seiner Gemahlin würdigen Wohnung umzusehen. 
Am 16. März 1734 wurde der Kaufkontrakt, der das von 
Bsvillesche Schloß dem Kronprinzenpaare erwarb, abgeschlossen. 
Der König schenkte der kronprinzlichen Kasse einen Zuschuß 
zum Kaufschilling von 50 000 Thalern. Nach Herrichtung 
des Schlaffes für seinen neuen und höheren Zweck zog 
Friedrich mit seiner Gemahlin am 10. August 1736 in 
Rheinsberg ein. Am 4. September wurde das Schloß in 
Gegenwart der königlichen Eltern geweiht, aber erst 1739 
kam der von Herrn von Knobelsdorf geleitete Bau völlig zur 
Ruhe, indem Friedrich noch einen zweiten Turm erbauen und 
diesen mit dem anderen durch eine Halle von 32 gekuppelten 
jonischen Säulen verbinden ließ. 
In die Zeit von 1732—1734, also in die Zeit des 
Ruppiner Aufenthaltes bis zum Erwerb des Rhetnsberger 
Schlosses, fällt die Episode, der diese Zeilen gewidmel find. 
Während die auf Binenwalder Boden befindlichen Hünen 
gräber (von denen der Gymnasialdireklor vr. W. Schwach, 
früher in Neu-Ruppin, eine Anzahl hat ausgraben lassen, und) 
von denen ^ein^auf der Höhe dicht am Waldrande gelegenes 
Feld Zeugnis giebt, das mit Bruchstücken von Urnen wie 
besäet ist, die der Pflug ausgehoben und zertrümmert hat, 
auf einstige Ansiedelungen Hierselbst in der Urzeit schließen 
lassen, die ziemlich dicht müssen gewesen sein: so befand sich 
zur Zeit, von der hier die Rede ist. nur eine einzige An 
siedelung in diesem verlassenen Waldthal. In den See springt 
eine mit Erlen umwachsene Halbinsel hinein, die durch einen 
schmalen Wiesenhang mit dem Festlande zusammenhängt und 
Raum genug bietet für eine Hofstelle mit Garten. Hier stand 
damals ein einsames Gehöft, von dessen Vergangenheit heute 
nur noch auf dem Feld zerstreute Mauersteine und Schutt die 
immer undeutlicher werdende Kunde geben. Dieses Gehöft 
war 1732 eine Försterei. 
Der Förster oder, wie er im Kirchenbuche von Zühlen 
heißt, der „Haydereuter", der hier wohnte, hieß Anton Schott. 
Die Oberförsterei, der er zugehörte, befand sich in dem Dorfe 
Zühlen, das wohl mit „zielen" zusammenhängt und dadurch 
schon als Försterstätte sich kennzeichnete. Die Zühlener Ober 
försterei, einstiges Jagdschloß, ist erst 1845 abgetragen. 
Ruinen davon find heute noch vorhanden. Der Förster 
Schott wohnte früher in Zühlen selbst und wurde später ent 
weder dauernd auf die bloß eine halbe Meile entfernte 
Försterei auf der Halbinsel im Kalksee versetzt, oder es ist 
auch möglich, daß er seine eigentliche Wohnung in Zühlen 
beibehielt und das vielleicht nur sehr einfache Haus am 
Kalksee nur zeitweise bewohnte, so lange die Kohlenmeiler in 
der Nähe in Brand waren und seine unmittelbare, bleibende 
Nähe bei den Feuerherden erforderten. Genug, Anton Schott 
wohnte hier auf der Halbinsel und besaß eine ihm am 
15. Februar 1715 zu Zühlen geborene Zwillingstochter Anna 
Sabina. Diese war also zur Zeit, als Friedrich nach Neu- 
Ruppin kam, siebzehn Jahr alt, und es steht außer allem 
Zweifel, daß Friedrich, der für weibliche Schönheit nicht un 
empfänglich war, diese Jungfrau vom See kennen gelernt und 
von ihrer Schönheit und Anmut zum wenigsten einen tiefen 
Eindruck empfangen hat. Denn Schönheit und Anmut ge 
deihen oft besser, weil imberührter in der Einsamkeit als im 
lauten und öffentlichen Leben. Warum sollte Friedrich nicht 
im Försterhaus und Köhlerhütte eher gefunden haben, was 
seinem Ideal von Frauenschönheit und holder Weiblichkeit 
entsprach, als auf dem glatten Parkett des Hoflebens? Von 
Neu-Ruppin aus konnte er sehr wohl in diese Gegend kommen, 
sei es, daß sein Weg nach Rheinsberg ihn hier vorüberführte, 
sei es. daß eine um seiner Kavaliere willen unternommene 
Jagd — Friedrich selbst jagte nicht gern — bis hieher sich 
erstreckte, sei es, daß er hieher kam, um die weitere und 
schönste Umgebung seiner Garnison kennen zu lernen. Am 
wahrscheinlichsten ist, daß der Prinz, eben weil er nicht gern 
jagte, seine Kavaliere ihrem Jagdvergnügen überließ und sich 
den Scherz machte, sich heimlich von ihnen abzusondern und 
eine eigenmächtige Entdeckungsreise in jenes einsame Haus zu 
unternehmen, das durch die Erlen von der Halbinsel zu ihm 
hinüberschimmerte. Das iväre dem Wesen Friedrichs wenigstens 
nicht widersprechend gewesen, der es liebte, anderen einmal 
ein Schnippchen zu schlagen und sich einen besonderen Scherz 
zu machen, zumal auf Kosten anderer. Laßt seine Kavaliere 
und Offiziere ihn suchen und vermissen, was thuts? Er wird 
sie hernach tüchtig auslachen und ihnen wohl nicht einmal 
verraten, wo er gewesen ist. Aber sei dem, wie ihm wolle, 
er hat jenes Förstertöchterlein kennen gelemt und ist in 
nähere Beziehung zu ihr getreten. Er mag sich noch manches
        
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