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Periodical volume 17. März 1894, Nr. 11

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Handlung einen Kranz von Myrten und Orangen auf dem 
ganz vom Brautschleier verhüllten Haupt trug. Wohl war 
ich etwas betroffen über diese seltsame Verhüllung, ich ergriff 
die Hand meiner Braut, eines lebensfrohen, übermütigen 
Mädchens, sie war kalt, und mein Druck ward nicht erwidert. 
Aber schon sprach der Prior an geweihter Stätte die ersten 
Worte und fesselte meine Aufmerksamkeit. Als er die kurzen 
Weiheworte beendet, fragte er, ob der Chevalier, Viktor 
von Baudricourt die hier anwesende Jungfrau zu seiner ehe 
lichen Gemahlin machen wolle" — 
„Und das fiel Ihnen nicht auf, daß der Priester den 
Namen der Dame nicht nannte?" unterbrach Graf Hom den 
Erzähler. 
„Ich war gekommen in arglosem Vertrauen gegen den 
Freund meines Vaters und dessen geistlichen Bruder; die 
heilige Handlung, am düstern, schauervollen Ort vollzogen, 
umnachtete meine Sinne, und ahnungslos sprach ich mein 
„Ja"; mir lag der Gedanke an jeden Betrug fern. Auch 
muß ich Ihnen gestehen, daß mir die religiösen Gebräuche 
der katholischen Kirche fremd waren. Ich war zwar der Sitte 
gemäß im katholischen Glauben des Vaters erzogen, Religions- 
lehren aber hatte ich von der Mutter erhalten; ich hatte noch 
nie einer Trauung beigewohnt; mir waren die Formeln der 
selben vollständig unbekannt." 
„Nur so erklärt es sich, daß Sie keinen Verdacht schöpften," 
schaltete Graf Horn ein. 
„AIs ich mein Ja gesprochen," fuhr Viktor fort, „fragte 
der Priester die verschleierte Braut: „Jungfrau, willst Du den 
Chevalier, Viktor von Baudricourt, zu Deinem ehelichen 
Gemahl?" Ihr Ja war mehr ein Hauch als ein gesprochenes 
Wort, so daß ich den Ton ihrer Stimme nicht hören konnte. 
Wir empfingen die Ringe, die uns des Priesters Hand an 
steckte; die Stola hielt unsere vereinten Hände umschlungen, 
der Segen des Priesters sprach uns ehelich zusammen — wir 
waren Mann und Weib." 
(Fortsetzung folgt.) 
Gabriele von Morn, eine deutsche Frau. 
Von Rtckrard George. 
(3. Fortsetzung.) 
Die Verhandlungen über den holländisch-belgischer Vertrag, 
dessen Zustandekommen zum groben Teil das Verdienst Bülows 
war, machten es diesem unmöglich, die so lange geplante Reise nach 
Tegel auszuführen. Gabriele konnte sich jedoch dem Vater 
nicht länger entziehen; es litt sie nicht länger in London, und 
August 1833 trat sie mit den Kindern die Reise nach der 
Heimat an. Nach einer ziemlich stürmischen Fahrt, zu welcher 
ihr der König sein eigenes Dampfschiff zur Verfügung 
gestellt hatte, landete sie glücklich in Hamburg, besuchte auf 
der Durchreise die Verwandten ihres Gatten in Mecklenburg 
und traf am 15. September in Berlin ein. wo fie Hedemanns 
und den Vater wiedersah. Das Aussehen des letzeren erfüllte 
sie mit banger Sorge; es war eine große Veränderung mit 
jhm vorgegangen. Sie schreibt darüber an ihren Mann: 
„Wie ich eben den letzten Tropfen Kaffee über die Lippen 
brachte, fuhr ein Wagen in den Thorweg. Adelheid meinte, 
er wäre es noch nicht, allein ich hörte den Pfiff des Kutschers 
und stürzte hinaus — ach! für des Vaters Aussteigen hätte 
ich noch lange Zeit gehabt, denn nachdem Mathilde und 
Karoline heraus waren, brauchte er eine entsetzliche Zeit, ehe 
er aufstand und den Tritt herunterkam. obgleich ihm zwei 
Leute halfen. Ich konnte mich kaum fassen über diese Ver 
änderung seines ganzen Aeußeren, das sehr Gebückte seiner 
Haltung und dann dieses Zittern, was so ängstlich anzusehen 
ist. Geistig ist er nicht verändert, freundlich und liebevoll wie 
immer, sogar komisch." 
In Tegel führte sie der Vater sogleich zu dem Campo 
santo. „Er selbst wollte sogleich zum Monument, und ich 
wünschte nichts mehr. Aber dieser Gang nach dem Grabe 
einer — Du weißt wie — geliebten Mutter, an der Seite 
des geliebten Vaters, den ich so verändert wiederfand, so mit 
allen äußeren Gebrechlichkeiten des Alters — ach, dieser Gang 
war mehr als schmerzlich. 
Dieses Monument ist alles, was man Schönes, der 
Bestimmung Würdiges sehen kann, und hat mich trotz all 
meiner Erwartungen überrascht. Von den dunklen Tannen 
hebt sich die Säule so schlank, und ich möchte sagen, heiter 
ab; überhaupt liegt gerade in diesem heiteren Charakter, den 
das Ganze hat, etwas eigentümlich Wohlthuendes. Die Lage 
könnte nicht passender sein, man sieht auf einen Blick alle 
Schönheiten Tegels: den bewaldeten Berg, den See, das Haus 
mit seinen schönen Bäumen in der Nähe. Dieser Blick vom 
Monument aufs Haus und von diesem auf jenes ist überhaupt 
sehr hübsch und rührend, und es mir doppelt lieb, daß ich dieses 
Zimmer bewohne, von dessen Fenster man gerade die weiße 
und gleichsam schwebende Spes erblickt. Die Feier dieses ersten 
Besuches am teurem Grabe wurde durch das schönste, heiterste 
Wetter sehr erhöht." 
Bis in den Dezember blieben Bülows in Tegel, dann 
übersiedelten fie nach Berlin. Zwischen dem Großvater und 
seinen Enkeln entwickelte sich bald der herzlichste Verkehr. 
„We can’t do without a papa, grandpapa must be our 
papa now“, sagten die Kinder. In Berlin fand Gabriele 
zu ihrer großen Freude in demselben Hause, in der Fran 
zösischen Straße, wo Hedemanns wohnten, ein Quartier. An 
dem geselligen Leben der Hauptstadt mußte fie sich mehr 
beteiligen, als ihr lieb war. Mit dem Vater blieb sie im 
engsten Verkehr, zahlreiche Besuche wechselten mit zahlreichen 
Briefen. Ueberaus rege war natürlich auch der briefliche 
Verkehr mit London, wo der geliebte Gatte weilte, welcher 
bei seinen Verhandlungen über den belgisch-holländischen Ver 
trag an dem Berliner Hofe nicht das gewünschte Verständnis 
und die ihm gebührende Anerkennung fand, so daß er sich 
vorübergehend mit Abschiedsgedanken trug. Bei der Trennung 
vom Gatten fand Gabriele in dem Mutterglück ihren größten 
Trost. So schrieb fie am 28. Mai 1834 nach ihrem Geburts 
tage an den Gatten: „Die lieben, lieben Kinder, Gott erhalte 
fie uns und mit ihnen seinen größten Segen. Die wunder- 
süße Baby kam an mein Bett, einem kleinen Engel gleich in 
ihrem weißen Nachtgewand, in einer Hand ein Kränzchen, in 
der andern ihren Nosegay haltend. Hättest Du nur das liebe 
Linchen sehen und hören können, wie sie mir ihren in deutsche 
Verse gebrachten Glückwunsch darbrachte. und die ehrliche 
Therese, die auch etwas hersagen wollte und anfing: „My 
dear mama“ — sich lange besann, auf das Gelernte aber 
garnicht kommen konnte und sich mit den Worten: „I lovs 
you“, mir um den Hals fallend begnügte. Wer hätte auch
        
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