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Periodical volume 10. März 1894, Nr. 10

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Lage, auf ein ähnlicher Erinnerungsstück aufmerksam zu machen, dar in 
folge mißlicher gefchäfllicher Verhältnisse veräußerl und in gute Hände 
weiter gegeben werden soll. Er ist ein von der Königin Luise selbst mit 
Stickereien versehener Taschentuch aus der Jugendzeit des Kaiser» 
Wilhelm I; ferner befindet sich in gleichem Besitz eine Haarlocke au» 
dem silbernen Haupthaar der greisen Monarchen, wie eine zweite solche 
nur noch unser jetziger Kaiser im Verlock besitzt. Beide Stücke sind in 
ihrer Echtheit durch den Kammergarderobier Eschebach bezeugt und desicn 
Unterschrift notariell beglaubigt. 
Ueretns Nachrichten 
Verein für Geschichte der Mark Brandenburg. Sitzung 
i vom 14. Februar 1894.) Herr Amtsrichter Dr. Holtze besprach Gallandi 
! soeben erschienene Schrift „Die Amtmännin von Oranienburg" und zeigte, 
ivie durch dies Buch unsere Kenntnis de« Kunstlebens am Hofe Kurfürst 
Friedrichs III. mannigfach erweitert wird. — Anknüpfend an LettowS 
Werk „Der Krieg von 1806/07" erklärte Herr LegationSrat vonLindenau, 
er stimme nicht mit Treitschke in der Ansicht überein, daS der Abfall de» 
Kurfürsten vom Preußischen Bündnisse längst geplant war, obschon e» fest 
iteht, daß der sächsische Gesandte in Paris trotz der Abreise de« französischen 
Gesandten aus Dresden (22. September) erhaltenem Befehle zufolge, auf 
«einem Posten verblieb. Redner gab aber zu, daß der von Natur ängstliche 
Kurfürst, in seiner krankhaften Vorliebe für Neutralität und von wioer- 
[ streitenden Einflüssen umgeben, sich (vielleicht unbedacht) in den Tagen der 
Entscheidung zu einem heimlichen Verkehre (aus weilen Umwegen) mit dem 
gemeinsamen Feinde hat hinreißen lassen. Der Vortragende verurteilte eS 
als illoyal, daß er nach der verlorenen Schlacht bei Jena <14. Oktober) 
: auf die Unterstellung Napoleons, Sachsen sei zur Teilnahme am Kriege 
: gezwungen gewesen, bereitwilligst einging, da er, der Kurfürst, doch selbst 
gegen Ende August den in der I. Hälste des Septembers erfolgten Ein 
marsch der Schlesischen Armee verlangt hatte, um unter deren Schutz die 
Mobilmachung der eigenen Truppen sicher vollziehen zu können. 
Herr Oberlehrer vr. Tschirch aus Brandenburg a. Havel berichtete 
über 12 alte Schreibkalender, welche der einst in Sorau und später in 
Brandenburg ansessige Psarrherr Joachim GarcäuS zu zahlreichen, 
x täglichen Eintragungen in den Jahren 1617—1632 benutzt hat. Die 
R Hefte sind von Erich Niederstadt in der Kirchenbibliothek von St. Katharinen 
I zu Brandenburg aufgefunden und entziffert worden und werden demnächst 
jf im Auszuge mit einer Einleitung und historischen Anmerkungen des 
ff Referenten im Drucke erscheinen. Sie enthalten reichhaltige, allerdings 
| meist sehr kurze Bemerkungen, welche zur Kenntnis der märkischen Geschichte 
I in jenen bewegten KriegSzeiten manche» Lehrreiche hinzusügen. Ja einigen 
1 Fällen werden die Auszeichnungen zur Bestätigung und genaueren Fest- 
» srellung der Zeitfolge der Krieg«ereignisse und HeereSzüge in der Mittel- 
» mark benutzt werden können, da die Notizen ihrer Natur nach vollständig 
| gleichzeitig und zuverlässig sind. Noch größeren Wert aber haben die 
§ täglichen Vermerke für die Kulturgeschichte jener Zeit. Sic geben ein 
| charakteristisches Gesamtbild der Familienleben» mit seine: primitiven 
k Naturalwirtschaft, seiner grausam strengen Kinderzucht und seiner derben 
i Genußsreude, sowie de» städtischen Lebens mit seinen Gelagen, Schulsesten 
^ und FastnachtSmummerelen, seinen kirchlichen und weltlichen Zänkereien, 
» seinen Hinrichtungen und Hexenprozessen, seinen Peslseuchen, Teuerungen 
ft und Tumulten. Der Referent entwarf auf Grund der Tagebücher und 
anderer Quellen ein Charakterbild der Verfasser«, der durch seinen Anteil 
an den kryptokaloiniftischen Streitigkeiten seinen Zeitgenossen wohlbekannt 
war. Er erscheint als eine psychologisch merkwürdige, mannigfach gebildete 
und geistig angeregte, leidenschaftliche und reizbare, ehrgeizige und eitle 
Natur, die zwischen weltlicher Genußsucht und heftiger Reue haltlo» schwankt 
und der inneren Zerknirschung durch Selbstgeißelung Ausdruck giebt. 
Freilich war dieser Mann hiernach keineswegs geeignet, dem strengen 
Luthertum seiner Zeit al» ein achtbarer Vorkämpfer der milderen, dem 
Kalvinismus freundlichen Richtung zu erscheinen. 
Herr vr. KrauSke skizzierte im Anschlüsse an „Acta Borussica," 
Vehördenorganisation Bd. I, der demnächst im Buchhandel erscheinen wird, 
den Charakter König Friedrich Wilhelm« I. und seiner bedeutendsten 
' Minister. Die Epoche Friedrichs I. wird häufig allzu sehr grau in grau 
gemalt: sie besaß einen bemerkenswerten Reichtum an VerwaliungStalenten 
i und erfinderischen Köpfen. ES fehlte ihr nur die strenge Hand, die diesen 
Strömungen die rechte Bahn anwie« und sie gehörig eindämmte. Wer 
hat dies mit gröberem Erfolge gethan al« Friedrich Wilhelm I.? Seine 
Härte ist in aller Mund; aber man vergesse nicht, daß er gegen niemand 
strenger gewesen ist, al« gegen sich selbst. In dem KönigStum von Gottes 
Gnaden sah er nicht, wie die meisten seiner Kronen tragenden Zeitgenossen 
ein nutzbare« Recht, sondern ernste Pflichten, Pflichten, deren Last zu 
unterliegen er manchmal fürchtete. Denn er glaubte, für alle», waS unter 
seiner Regierung geschähe, Gott verantwortlich zu sein. Und sein Gott 
war, wie der der Puritaner, der strenge und eifrige Jehovah, der die 
Sünden de« König« an KindeSkindern und an dem ganzen Lande und 
Volke rächte. Ueber die Verherrlichung der Fürsten als der irdischen Götter 
hat er stet« gespottet. Wider Erwarten bestätigte Friedrich Wilhelm I. bei 
der Thronbesteigung alle Minister in ihren Aemtern. Der eigentliche Leiter 
der auswärtigen Angelegenheiten war Rudigar von Ilgen, mit Recht al« 
feiner Diplomat gerühmt, ober ohne Initiative. Ihm standen zur Seite 
Graf Christoph Dohna, durch seine Memoiren allgemein bekannt, und 
Marquard von Printzen, dessen lauterer Charakter, tiefe, warme Frömmigkeit 
und vornehmer Freimut ihn zu einer der anziehendsten Gestalten jener 
Zeit machen. Friedrich Wilhelm hat ihn hoch geachtet; „nur der Tod soll 
un« scheiden", schrieb er auf ein Entlassung»« such Printzen». Ein ganz 
anderer Charakter war Friedrich Wilhelm von Grumbkow; leichtlebig, nichl 
unbestechlich, wußte er dem König geschickt zu widersprechen, ohne den 
leicht erregten Zorn de» Herrscher» zu wecken. Seine großen Verdienste 
aber um den preußischen Staat sind noch lange nicht genügend gewürdigt 
worden. Selbst Friedrich der Große, der ihm durchaus nicht wohl wollte, 
nennt Grumbkow in einem Epigramm auf dessen Tod „uu grand 
financier“. — Zu den bevorzugten Beratern Friedrich Wilhelm» gehörte 
noch Ehrenreich BoguSIaw von Creutz der schon der Vertraute deS Kron 
prinzen gewesen war. Von allen Ministern waren er und Grumbkow der 
Partei der Königin am verhaßtesten, aber trotz mancher sehr geschickt an 
gelegter Intriguen bewahrte er sich die Gunst Friedrich Wilhelm». 
KLchertlsch. 
Mavauns Gvvhov Dovlrohvsplan von Kovlin. 
Maaßftab 1 : 13 500. Pferdebahnlinien einzeln in verschieden 
farbigen Zeichen dargestellt, ferner Dampsstraßenbahnen-, Eisenbahn- 
und Dampfschiff-Linien. Nebst farbiger Tafel der Erläuterungen 
und zugehörigem Text (51 Seiten gr. 8°) enthaltend: Pferdebahn-, 
Omnibus-, Dampfstraßenbahn-Verbindungen, Dampfschifffahrten in 
Berlin und Umgebung. Verzeichnis der Straßen und Plätze Berlins, 
alphabetisches Verzeichnis der öffentlichen Gebäude und der für den 
öffentlichen Verkehr hauptsächlich in Betracht kommenden Anstalten 
u. s. w., mit Angabe der Quadrate, in welchen dieselben auf dem 
Plane zu finden sind. In festem Umschlag. Preis 2 Mk. 
Gesetzlich geschützt. Verlag der Liebelschen Buchhandlung, 
Berlin S.W., Dessauerstraße 19. 
Die Verkehrsmittel Berlins, insbesondere die Pferdebahn-Verbindungen, 
haben mit der Zeit eine Erweiterung und einen Umfang erhalten, daß 
selbst der Ortskundige Mühe hat, sich aus dem Gewirre der sich kreuzenden 
und nebeneinanderlaufenden Verkehrslinien herauszufinden, um den richtigen 
Wagen, den zweckmäßigsten Uebergang auf eine andere Linie, kurzum die 
kürzeste und bwigste Fahr-Strecke zu bestimmen. 
Er ist die» in zuverlässiger Weise nur mit Hilfe eines besonders für 
den Straßenverkehr eingerichteten Planes, nach Art de« vorliegenden, zu 
erreichen. 
In demselben sind die einzelnen Pferdebahn-, Dampfstraßenbahn- 
u. s. w. Linien, jede für sich mit besonderen farbigen Linien und Zeichen, 
welche der Signalsarbe und der Signallaternenfarbe der betreffenden 
PserdebahnwagenS entsprechen, durchgeführt und diejenigen Straßen, durch 
welche, wie z. B. durch die Leipzigerstraße 9 Pferdebahnlinien führen, an 
gemessen verbreitert. 
Der Vorzug einer derartigen Darstellung, gegenüber der auf den 
bisherigen Berliner Plänen nur au« einer roten Linie bestehenden Be 
zeichnung, besteht darin, da« er nur eine« kurzen Blicks auf den Ansang 
und aus da« beabsichtigte Ziel der Fahrt bedarf, um sofort die in jene 
Gegend führende Pferdebahn- u. s. w. Linie und, was zur Vermeidung 
von lästigen Nachfragen und Irrtümern wichtig ist, auch die zutreffende 
Signaliahne und bei Nacht die Signallaterne zu erkennen. (Bei farbloser 
Signallaterne, z. B. Ringbahn, ist dar Zeichen im Plan blau). Besonderer 
Wert ist auf eine klare, übersichtliche Zeichnung de» Straßennetzes und 
auf große und deutliche Schrift für die Straßennamen gelegt, wodurch das 
schnelle Zurechtfinden sehr erleichtert wird. Auch die Reitwege im Tier 
garten sind kenntlich gemacht. 
DaS MaraunS Verkehrsplan mit seinen Fahrplänen, Sehenswürdigkeiten 
u. s. w. auf da« Sorgsältigste in seinen Einzelheiten den augenblicklichen 
Verhältnissen Berlin» entspricht, dürfte seinen Wert nur erhöhen; die be 
treffenden Verkehrs-Anstalten haben, wie mitgeteilt wird, in dankenswerter 
Weise ihre Unterstützung gewährt. 
Maraun»-Verkehr«plan wird den darauf verwendeten Preis von 
2 Mk., der in Anbetracht der vorzüglichen Ausführung und des 9 farbigen 
Drucks sehr mäßig erscheinen muß, reichlich lohnen. 
Ein gleicher Plan, unter besonderer Berücksichtigung der Omnibus- 
linien Berlin», befindet sich in Vorbereitung. 
Don vovohrl Mitardortovu und Kelorn dos „Däv" 
erlaube ich mir die ergebene Mitteilung zu machen, daß ich meine 
Wohnung nach 
KevU« W. 57, Culrnstr-asto 25, III l. 
verlegt habe, wo ich Dienstag» und Freitags zwischen 4 und 5 Uhr nach 
mittag« zu sprechen bin. 
Rirhavd Goovgo. 
Redakteur der „Bär." 
Inhalt- Schloß Erlau. Novelle von Antonie Heidsteck (Fort 
setzung). — Gabriele von Bülow, eine deusche Frau. Von 
Richard George (Fortsetzung). — Die Hussiten in der Mark im 
Jahre 1432. Von vr. Max Goerlitzer. — Vale senex imperator! 
Zur Erinnerung an den 16. März 1888. Von C. Bayrrd. — Kleine 
Mitteilungen: Fürst Bismarck in Berlin (mit 2 Abbildungen). — Da» 
Kartenspiel. — Ring der Königin Luise. — Vereinsnachrichten. — 
Büchertisch. — Anzeigen.
        
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