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Periodical volume 10. März 1894, Nr. 10

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Unter Mitwirkung '“ wvw ' k 
Dr. R« Ssvinguier, Dr. H. Krendicke. HMjeobör Fontane, Stabtrat G. Friedet 
Ferd. Merker, Gymnasialdirektor Dr. M. Kckrvari; und Grnsi v. Wiidendruck, 
herausgegeben von 
Friedrich Lilleffen und Vichgrd George. 
xx. 
Jahrgang. 
M 10. 
Der „Bär" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede Postanstalt (No. ?«-), Buchhandlung und 
Zeitungsspedition für 2 Mk. 60 pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
10. Mir, 
1891. 
LHkoß tfttsan. 
Novelle von Antonie Keidstvck. 
(9. Fortsetzung.) 
iMnd Sie verrieten mich?" rief Viktor entrüstet. „Sie, 
" der Sie mir anvertrauten, Sie seien aus einer 
preußischen Festung enlflohen, und — Sie befinden sich jetzt 
auf brandenburgischem Gebiet?" 
„Sie zwangen mich dazu durch Ihre Weigerung im ver 
gangenen Jahre. Aber Sie sollen und müssen meinen Plänen 
gerecht werden. Offene Gewalt kann die Kirche hier auf 
deutschem Boden nicht anwenden, auch ist solche nie Sache 
der Kirche gewesen. Man hat deshalb einfach Friedrich 
Wilhelm eine Mitteilung der Sachlage zukommen lassen, um 
Sie auch hier unmöglich zu machen. Friedrich Wilhelm ist 
nicht gesonnen, das uralte Familiengesetz der Erlau umzu 
stoßen. Er wird vielmehr, gestützt auf dasselbe, Sie von 
Erlau vertreiben und Erlau als erledigtes Lehen des Kurhutes 
einziehen. Mein gnädiger Herr der Pfalzgraf dagegen wird 
jenes Gesetz vernichten, und Ihnen als landesherrlichen Dank 
für die Gewinnung von Kleve den Besitz von Erlau für alle 
Zeiten erhalten. Nun, Herr Graf, haben Sie jetzt Ihren 
Landesherrn gewählt?" 
„Ja wohl," antwortete Viktor ohne Zögern — fest und 
entschieden. „Kurfürst Friedrich Wilhelm ist und bleibt mein 
Landesherr. Kleve wird der Pfalzgraf ihm nie entreißen, und 
ich werde nie die Hand zu dem Versuche bieten. In Frankreich 
habe ich das Gefühl der Verehrung für den Herrscher nicht 
gekannt, erst seit ich Friedrich Wilhelm kenne, verstehe ich die 
Bedeutung des Wortes: Treue bis in den Tod für den 
Landesfürsten!" 
„Und Erlau, Herr Graf?" höhnte Herr von Brandt. 
„Wenn Friedrich Wilhelm auf dem Gesetz beharrt, das 
meine Ahnen gaben, so ist er in seinem Recht, und ich muß 
die Folgen jener unglücklichen, wie ich glaubte, geheimen 
Trauung tragen. Friedrich Wilhelms gerechter Richterspruch 
aber wird mich von meiner Pflicht gegen ihn nicht abwendig 
machen; ich habe ihm Treue geschworen, daher gehört mein 
letzter Blutstropfen ihm, selbst wenn mir Erlau durch seinen 
Entscheid verloren geht." 
„Sonderbarer Schwärmer!" lachte Herr von Brandt. 
„Und wenn ich Ihnen nun sage, daß Ihnen gar keine Wahl 
bleibt? In wenig Augenblicken wird mein Vetter hier sein, 
an der Spitze einer Schar Landsknechte, um den hier an 
wesenden Kommandanten von Wesel und seine Offiziere ge 
fangen zu nehmen und dann das überraschte Wesel, in dem 
der Kurfürst weilt, zu überrumpeln. Wollen Sie zu den 
Gefangenen gehören, statt zu der triumphierenden Partei? 
Nein — nein! Sie wollen es nicht! Seien Sie unbesorgt! 
Ich habe Ihre Worte nicht gehört und bin gewiß, daß ich 
vor einem treu ergebenen Freunde meines Herrn, des Pfalz 
grafen. stehe." 
„Ist das gewißlich wahr, daß in wenig Augenblicken die 
Truppen des Pfalzgrafen hier sein werden?" fragte Viktor. 
„So gewiß, wie ich jetzt vor Ihnen stehe," erwiderte 
Herr von Brandt, der Viktors vollständig sicher zu sein glaubte 
und gar nicht daran zweifelte, daß derselbe der vollendeten 
Thatsache gegenüber Vernunft annehmen werde. „Gestern 
mittag schrieb ich an meinen Vetter, nachdem ich in Ihrer 
Abwesenheit von Ihrem Diener alles erfahren, und schickte 
einen Bauern aus Erlau mit dem Briese nach Geldern. Die 
Truppen find jetzt auf dem Marsch; nach Mitternacht find sie 
hier, und es fehlt nur noch eine Viertelstunde an zwölf." 
„So müssen wir die letzte Viertelstunde noch benutzen, 
damit Wesel nicht überrumpelt wird!" rief Viktor energisch. 
„Ich bin Kurfürst Friedrich Wilhelms Unterthan und werde
        
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