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Periodical volume 6. Januar 1894, Nr. 1

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Das Hören der „Praktiker" zeigt, wie ernst Scheffel 
an den Abschluß seines Studiums, an die Examina dachte. 
Drei und ein halb Jahr dauerte seine eigentliche Studienzeit; 
auf die beiden Berliner Semester folgte noch eins in Heidel 
berg, und dann hieß es Abschied nehmen von Burschen 
herrlichkeit und fröhlicher Studentenzeit. Als er am 
13. März 1847 aus der Matrikel gestrichen wurde, schrieb 
er an Schwanitz: „Gute Nacht, Frühling! desto wärmer aber 
werde ich die Erinnerungen pflegen, je dürrer die Kandidaten 
zeit ist." Die Examina absolvierte Scheffel im Jahre 1848 
zu Heidelberg; am 9. August bestand er die erste Staats- 
Prüfung „ziemlich gut"; „die Antworten des Kandidaten, wenn 
auch größtenteils richtig und gehörig begründet, zeugten mehr 
von Talent und allgemeiner Bildung, als von ausgedehntem 
positiven Wiffen in den Gegenständen der Prüfung." Im 
Herbst folgte das summa cum laude vor der juristischen 
Fakultät bestandene Doktorexamen. 
Berlin ist auf das Geistes- und Gemütsleben des Menschen 
imd Dichters Scheffel nicht ohne Einfluß geblieben. Er hatte 
und fand hier liebe Freunde, unter ihnen Paul Heyse, im 
Jahre 1852 sein Wandergenosse in Italien, Freunde, in deren 
Kreise er den Gedanken und Gefühlen, die ihn bewegten, 
Ausdruck verleihen konnte. Er hat selbst gesagt, was ihm 
Berlin gewesen ist, in dem Briefe, den er an seinen lang 
jährigen, kongenialen Freund Anton v. Werner, tieferschüttert 
durch Eggers am 11. August 1872 in Berlin erfolgten Tod, 
5 Tage darauf schrieb: „Es ist mir, als wäre ein Stück von 
mir selber begraben, denn wir haben unsere Studienjahre 
in idealer Liebe zur Kunst und idealer persönlicher Freundschaft 
verlebt und in München wie in Berlin uns Stoffe und Ge 
danken gesammelt, die weit in das spätere Leben hineinreichten." 
Scheffel wurzelt mit allen Fasern seiner Seele in der 
süddeutschen Heimaterde; ein dauernder Aufenthalt in Nord 
deutschland hätte ihm nie behagt. Wiewohl ihm das Scheiden 
von Berlin „nicht schwer fällt", gedachte er dennoch dankbaren 
Sinnes später seiner Studienzeit in Berlin. 
Vierzig Jahre sollten vergehen, ehe Scheffel Berlin wiedersah. 
Es war im September 1885, etwa ein halbes Jahr vor seinem 
Tode. Aus dem Studiosus juris Josef Scheffel war Josef 
Victor v. Scheffel, der Sänger des „Gaudeamus", des 
„Trompeter von Säkkingen", des „Ekkehard", der Lieblings- 
dichter der deutschen Nation — und aus Berlin die Haupt 
stadt des deutschen Reichs, die herrlichgeschmückte Residenz des 
deutschen Kaisers geworden. In aller Stille zog er ein; er 
fühlte sich nicht mehr den Anstrengungen gewachsen, welche die 
Ovationen der begeisterten Stadt für ihn im Gefolge gehabt 
hätten. Seine ersten Worte, die er an A. v. Werner richtete, 
als dieser ihn am 20. September im Hotel du Nord begrüßte, 
waren: „Du weisch't — i' merk', das Alter kommt". Auf 
Anregung A. v. Werners hatte der Generalintendant v. Hülsen, 
um dem Dichter eine stille Huldigung zu bereiteu, den Neßlerschen 
„Trompeter von Säkkingen" im Opernhause zur Aufführung 
gebracht; doch vergeblich war das Bemühen, Scheffel zum Be 
suche des Theaters zu bringen. Alle an ihn ergehenden Ein 
ladungen schlug er aus; nur die zu Julius Wolff, der wie 
er selbst wundersame Melodien von der herrlichen Maienzeit 
des Lebens gesungen und das Lob des Weins und der Lebens 
lust in dichterisch beschwingten Worten, in ernst-heiteren Versen 
gekündet hatte, nahm er an. Er verfolgte, wie A. v. Werner 
zu erzählen weiß, mit lebhaftestem Interesse alles, was die 
Reichshauplstadt an gewaltigem Leben und Treiben und 
namentlich an künstlerischen Sammlungen und Schöpfungen 
bot. So besichtigte er vor allem die in Berlin aufbewahrten 
Meisterwerke seines Freundes und des Jllustrateurs seiner 
Dichtungen. Welche Freude muß ihm, der gleichfalls mit 
Anlagen und Neigungen für die bildende Kunst begnadet war, 
der Anblick der Wernerschen Arbeiten im Schloß, im Rathause, 
im Sedan-Panorama und in der Ruhmeshalle bereitet haben! 
In den ersten Tagen des Okiobers reiste Scheffel von 
Berlin unter Zurücklassung seines Liebsten auf Erden, seines 
einzigen Sohnes Victor, der als Avantageur bei den II. Garde- 
Ulanen eingetreten war, in seine Heimat zurück. Ein halbes 
Jahr darauf, am 9. April 1886, durcheilte die Trauerbotschaft 
Deutschland, daß ihm einer seiner besten Dichter gestorben sei. — 
Mölln und Till Gulenspiegel. 
Eine Wanderstudie von Gvnst Friedet. 
I. 
Das Polaben-Land. 
Lauenburg Land und Volk — Urgeschichtlichcs. — Völkerwanderung. — Heidnische 
Deutsche und Slaven. — Pippin der Kleine und Karl der Große. — Bündnis der 
Franken mit den Polabe» und Obotriten. — Die deutschen Vesten Büchen nnd Delbende 
(Mölln) in Polabien. — Adam von Bremen. — Alt-Ratzebnrg. — Chriftenverfolgnng 
von 1066. Martyrium des AnSver. — Hclmoldr Slavenchronik. 
Neben dir schattet des Sachsen Wald, 
Sein Schwert war entscheidend, und 
kurz sein Wort. 
Und uin dich glänzten nie Schilde Roms. 
Sein Despot sendete nie Adler dir zu. 
Klopstock (Ode am Schallsee bei Mölln). 
Das Läudchen Lauenburg habe ich seit seiner Er 
werbung durch Preilßen oftmals durchstreift und stets an dem 
lieblichen Laudschaftsbilde meine besondere Freude gehabt. 
Die fruchtbaren Auen und Felder, die grünen Buchenbestände, 
zumal der Sachsenwald mit seinen Baumriesen, seinem Epheu 
und seinen Stechpalmen, erfreuen das Auge des Volkswirts 
und Nalurfteundes. Das Gelände wechselt anmutig zwischen 
Berg und Thal, und als die Augen der Landschaft lugen 
Wafferbecken, namentlich die gewaltigen Spiegel des Ratze 
burger und Schallsees, blau und anheimelnd daraus 
hervor. Das Volk ist wohlhabend, bieder, zwar langsam von 
Entschluß und etwas zurückhaltend, doch auch verläßlich und 
treu. Die Städtebilder fügen sich auf das glücklichste in das 
Rundgemälde der Landschaft ein. Lauenburg mit seinen 
steilen Gassen hat mir immer den Eindruck eines Gebirgs- 
städtchens gemacht; überaus malerisch lagert es über den hohen 
Uferhängen des gewaltigen Elbstroms, und die Jnselstadt 
Ratzeburg, mit ihrem freilich schon zu Mecklenburg-Strelitz 
gehörigen uralten Dom, bietet köstliche Spaziergänge in der 
näheren und weiteren Umgebung, neben vielen geschichtlichen 
Erinnerungen. 
Trotz seiner nur 24 Geviertmeilen ist Lauenburg reich, 
überreich an ur- und vorgeschichtlichen Erinnerungen. Die 
großen Grabkammern des Sachsenwaldes find stumme 
Zeugen der Steinzeit und zum Teil eines Volkes, welches 
den Germanen vorangegangen sein mag. Aus der germanischen 
sogen. Hallstatt- und la Tene-Zert finden sich reiche 
Spuren. Daran schließt sich die germanische Völker- 
wanderungszeit mit den Thaten der Langobarden und
        
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