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Periodical volume 6. Januar 1894, Nr. 1

Full text: Der Bär Issue 20.1894

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Freunde Friedrich Eggers, dem später bekannten Kunsthistoriker, 
teilte, in die Vorlesungen des „alten Muckers" Stahl über 
„deutsches Staats- und Privatrecht" und „Geschichte der 
neueren Rechtsphilosophie", des großen Völker- und Straf 
rechtslehrers Heffter über „Kriminalprozeß" und in die des 
Or. Berner, des heutigen Altmeisters der deutschen Strafrechts 
wissenschaft, über „Kriminalpsychologie". Vor allem büffelte 
er Pandekten, die er bei Puchta, dem so hochgefeierten 
Romanisten, hörte. Um doch nicht ganz in den „Jrrgängen 
des römischen Rechts" zu wandeln, suchte sein nach dem 
„Schönen", nach Kunstgenüssen schmachtender Sinn Erquickung 
und Stärkung in den ästhetischen, litterar- und kulturhistorischen 
Vorlesungen Waagens, Werders und Kuglers. Waagen las 
über „Geschichte der bildenden Künste der neuesten Zeit" und 
Werder, den er mit besonderer Vorliebe Höne, wird mit 
seinen geistvollen Vorträgen den empfänglichen Scheffel ebenso 
begeistert haben, wie nach ihm noch tausend Jünglinge, bis 
in die neueste Zeit hinein, da den jugendgemulen Greis der 
Tod vom Katheder rief. Scheffel hat nicht Vorlesungen bei 
Jakob Grimm und Lachmann gehört; das Studium des 
Oorxus juris versagte es ihm eben, so ausgedehnt wie er 
wohl mochte, die „reichliche geistige Nahrung aus den ihn 
interessierenden Zweigen des Wissens zu schöpfen." Eine 
Frucht aus Waagens und Kuglers kunstgeschichtlichen Vor 
lesungen und den Anregungen, welche Scheffel Emil Ruth in 
Heidelberg, der ihn in das Studium Dantes einführte, ver 
dankte, war ein Vortrag des jungen Studenten in Berlin 
über Dantes politische Schriften; er wußte darin seiner 
Verehrung, die er dem großen Florentiner zollte, beredten 
Ausdruck zu geben. 
Scheffels damalige Stimmung, ja Verstimmung verrät 
die Stelle eines aus dieser Zeit an Schwanitz gerichteten 
Briefes: „Die Kollegien sind meist gut. Ich höre Pandekten 
bei Puchta, der ungleich schärfer und tiefer geht als Vangerow" 
(die romanlstische Zierde der Universität Heidelberg), Staats 
recht bei dem alten Mucker Stahl, Kriminalprozeß bei Heffter, 
außerdem noch einige Publica und sitze des Abends nicht 
ohne Resignation meist an meinem voraus,juris und darf 
freilich nicht an die Winterabende des vorigen Jahres oder 
an die Eurigen in Jena denken — bei Sang und vollen 
Bechern — sonst verschwinden mir die leges Digestorum 
wehmütig vor den Augen, und es klingt mir wie ein ent 
ferntes Kneiplied in die Ohren hinein." 
In jenen einsamen Stunden, in welchen die Studien 
lampe ihren Schein auf das vor Scheffel aufgeschlagene 
voraus juris warf. mag der Groll gegen das römische Recht 
in seine Seele gezogen sein, dem er später im „Trompeter 
von Säkkingen" Worte lieh. Gewiß im Nachklang seiner 
eigenen Eindrücke läßt er den in Heidelberg studierenden Jung 
Werner seufzend ausrufen: 
„Römisch Recht, gedenk ich deiner. 
Liegt's wie Alpdruck auf dem Herzen, 
Liegl's wie Mühlstein mir im Magen, 
Ist der Kopf wie brettvernagelt!" 
und: 
„Sind verdammt wir immerdar, den 
Großen Knochen zu benagen. 
Den als Abfall ihres Mahles 
Uns die Römer hingeworfen? 
Soll nicht auf der deutschen Erde 
Eignen Rechtes Blum entsprossen. 
Waldesduftig, schlicht, kein üppig 
Wuchernd Schlinggewächs des Südens?" 
Doch soviel Zeit mußte ihm das Studium lassen, sich 
mit gleichgesinnten, jugendfrohen Genossen beim Schoppen 
dem Frohsinn hinzugeben. Wie hätte er, der Sänger der 
akademischen Jugend, der Dichter des „Gaudeamus", auch in 
Berlin trotz hohen Semesters ein Stubenhocker sein können! 
Seinen entschieden liberalen, großdeutschen Grundsätzen gemäß, 
schloß er sich der burschenschaftlichen Verbindung „Germania" 
an. Als „Germane" fuhr er häufiger nach Jena hinüber 
und besuchte dort seinen Freund Schwanitz, der in der dortigen 
Burschenschaft Teutonia die Freuden des Sludentenlebens 
kostete. Nach einem Besuche vom 4.—19. Oktober 1845 
folgte er im nächsten Jahre 1846 von Berlin aus einer 
Einladung zum Stiftungsfeste der Teutonia, das am 
28. Februar gewiß feuchtfröhlich gefeiert wurde. Scheffel 
war dabei in seinem Element. Er erhielt in Anbetracht 
seiner hohen Verdienste um Förderung freier Burschenfröhlich 
keit den großen St. Kannenorden. Mit welchem Stolz er 
diese hohe Dekoration trug, darüber schreibt er: „Ich erzähle 
dir auch noch, wie ich neulich einmal im Jenenser Bierorden 
stattlich paradiert habe. Wir gratulierten Aegidi, dem Piäses 
des Walhallabundes, zum Geburtstag im feinsten Schuiepel- 
kostüm; ich ließ den Orden über die linke Brust heften und 
ging im feinen schwarzen Anzug damit durch die Straßen." 
Die Ferien nach Abschluß des fünften Semesters benutzte 
Scheffel zu weitern Ausflügen von Berlin aus. Es regte 
sich in ihm jene Wanderlust, die ihm bis in sein Alter 
eigen blieb: 
„Mag lauern, mag trauern, 
Wer will, hinter Mauern, 
Ich fahr in die Welt." 
Er singt der „hochgelehrten Stadt" Berlin vorm Scheiden 
als Abschiedsgruß zu: 
„Nun soll es auf die Wandrung gehn, 
Studieren hab ich satt; 
Leb wohl! das Scheiden fällt nicht schwer, 
Du hochgelehrte Stadt!" 
Und fort eilt er an den Strand der Ostsee. Beim 
Anblick der Kreidefelsen Rügens überkommt ihn eitel Freude. 
Welch ein Vorrat an Kreide für die Herren Gastwirte zum 
Ankreiden der Zechschulden ewig durstiger Studenten! Auch 
den Harz durchstreifte er. Bei diesen jugendfrischen 
Wanderungen über Berg und Thal erklingt Josef Scheffels 
Dichterruf. Die Lieder eines fahrenden Schülers erschienen 
1847 in den Nummern 51, 53 und 116 der Münchener- 
„Fliegenden Blätter." 
Der Beginn des neuen Sommersemesters 1846 ries 
Scheffel nach Berlin zu seinem juristischen Studium zurück. 
Er hörte bei Heffter ein Civilpraktikum und Relatorium, bei 
Or. Schmidt ein Pandektenpraktikum, bei Professor Wagner 
auserlesene Lehren der gerichtlichen Medizin und die öffentlichen 
Vorlesungen bei Homeyer über „Nachdruck" und bei Gneist über 
„Oeffentlichkeit und Mündlichkeit." So find denn die beiden 
noch heute an unserer Universität wirkenden Senioren 
der juristischen Fakultät, die Zierden deutscher Rechtsgelehrtheit, 
Berner und Gneist, Lehrer Scheffels gewesen.
        
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