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Periodical volume 26. November 1892, No. 9.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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historischen Denkens sein kann, der Krieg aber das Er 
gebnis eines historischen Prozesses ist. Und nicht die farben 
reichste, lebendigste Schilderung eines Ergebnisses, sondern die 
Erkenntnis seiner inneren Entwickelung lehrt historisch denken 
und erzieht die Jugend zu Staatsbürgern. 
In Wahrheit beruht der Gegensatz wohl nur auf dem 
mangelhaften Intellekt, auf der geringen geistigen Befähigung 
des Menschen, so verschiedene Entwickelungsreihen menschlicher 
Thäligkeit in sich zu verarbeiten und darzustellen. Aber kein 
einsichtiger Historiker wird leugnen wollen, daß Rechts- und 
Kirchen-, Kunst- und Heeres-, Handels- und Litteratur-Geschichte, 
daß vor allem auch Wirtschaftsgeschichte, die Geschichte der 
menschlichen Gesellschaft und der staatlichen Verwaltung, ebenso 
wohl gleich berechtigte Zweige der Geschichtswissenschaft sind wie 
Vorrang wird deni einen Teil vor dem anderen nicht einzu 
räumen sein, sondern es wird von der Beschaffenheit der 
Ueberlieferung, von der Zeitströmung und vom Geschmack des 
Einzelnen abhängig sein, welche Disziplin er pflegen will, da 
er alle mit gleichem Erfolge zu umfassen, schwerlich imstande 
sein wird. 
Allein das wird man doch sagen müssen, daß bis vor 
noch nicht zu langer Zeit die preußische Verwaliungs- und Wirt 
schaftsgeschichte aus sehr verschiedenen und zwar sehr begreif 
lichen Gründen ungebührlich vernachlässigt ist. Gerade aber 
das weitaus größte Werk, welches wir über die Geschichte der 
auswärtigen preußischen Politik besitzen, das von Joh. Gust. 
Dropsen ist es, welches zugleich die ersten Ansätze macht, auch 
die innere Geschichte in die Betrachtung zu ziehen; nur lag 
BWMMW 
®af6 -gitowadjer in Keriin, Unter den Finden 17 nnd 18. 
Archilekten: Crcmer mid Molffcnstcin. 
äußere Politik und Kriegsgeschichte. Denn, wie bemerkt, ist 
die höchste Leistung des menschlichen Geistes — von der 
Religion, die nicht ein Produkt des menschliches Geistes, sehen 
wir füglich hier ab — der Staat. Und seine Macht ist nichts 
anderes als das Gesamtergebnis aller Thätigkeit seiner Unter 
thanen. sowohl in Beziehung auf sie selbst wie in Beziehung 
zu anderen Staaten. Und wie überall im menschlichen Leben 
eine Wirkung stets Ursache eines neuen Ergebnisses, und eine 
Ursache wieder die Wirkung eines vorangegangenen Ergebnisses 
ist, so giebt es auch im bürgerlichen Leben schlechterdings nichts, 
was nicht in irgend einer Weise seinen Einfluß auf den Staat 
haben wird. Zwischeti innerer und äußerer Politik wird 
daher eirie ununterbrochen fortwährende Wechselwirkung statt 
finden, und wenn die Machtentfaltung nach Außen von dem 
Maß der inneren Kräfte abhängig ist, so ist der Zustand des 
inneren Staatslebens wieder eine Folge des sieg- oder verlust 
reichen Auftretens gegen den äußeren Feind. Ein prinzipieller 
es in der Natur der hier gestellten Aufgabe, auf dieses 
Gebiet eben nur hinzuweisen, zu seiner Erforschung anzuregen. 
Zugleich aber erfolgte auf dem Gebiete der Staatswissenschaften 
ein Umschlag, indem diese von der rein theoretischen zur 
exakten historischen Methode der Forschung übergingen. Ganz 
vollständig war dieser Umschlag allerdings nicht, und sowohl 
Staatslehre wie Nationalökonomie werden zum Teil wohl noch 
rein theoretisch behandelt, auf dem Gebiete der Geschichte aber 
ist die Erkenntnis von der Notwendigkeit, das ganze Leben 
des Staates zu umfassen, so tief eingedrungen, daß die 
Kenntnis von den Staatswissenschaften als die natürliche 
Vorbedingung für das historische Verständnis fast allgemein an 
erkannt ist. Nicht mehr wie einst ist die Geschichte die Magd 
der Staatswissenschaften, nicht mehr ist sie ein Siebenfach 
philologischer Wissenschaften, sondern mit dieser hat sie nur 
die Akribiein der Ouellenbehandlung gemeinsam, und jene hat 
ihre exakte kritische Methode übernommen, hat erkannt. daß
        
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