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Periodical volume 26. November 1892, No. 9.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

s eine Lekiüre vertieft und achtele nicht auf den Gefangenen. 
Ltndeck spähte behutsam im Zimmer umher. 
Auf dem kleinen Spieltisch am Fenster lagen die Papiere 
des Grafen und darauf die Pistole, deren linker Lauf noch 
geladen war. 
In diesem Augenblick präsentierte der Doppelposten, der 
unten vor der Thür stand, das Gewehr, und der Graf ritt 
auf seiner kleinen, mausfarbigen Stute über den Hof. Blitz 
schnell ergriff der Gefangene die Waffe und richtete sie auf 
den Reiter. Der Schuß krachte, und das Tier bäumte hoch 
auf. Aber die Kugel hatte ihr Ziel verfehlt — sie war in 
das Holz des Scheunenthores gedrungen. Lindeck wurde ge 
fesselt, und nur mit Mühe vermochte ihn der Graf vor den 
Mißhandlungen der wütenden Soldaten zu schützen. 
Noch am Abend trat das Kriegsgericht zusammen, und 
nach kurzer Verhandlung wurde der Angeklagte, welcher ge 
stand, die Ermordung des Grafen beabsichtigt zu haben, zum 
Tode durch Pulver und Blei verurteilt! 
Kurz nach 7 Uhr früh sollte Friederikens Begräbnis 
stattfinden. Man hatte sie im Geweihsaal aufgebahrt. Gleich 
einem Bild aus Marmor lag sie im Sarge, ihr Antlitz schien 
verklärt, und das blonde Haar umhüllte die Schultern wie ein 
Mantel aus Gold. Auf der Brust lag ein Sträußchen roter 
Mohnblumen, die sie besonders geliebt hatte. Sie schienen 
anzudeuten, daß nur ein tiefer Schlaf das liebe Mädchen der 
Welt entrückt habe, und waren mit ihren leicht verblätternden 
Blüten ein treffliches Symbol dieses so kurzen Menschenlebens. 
Der alte Lebrecht hatte mit zitternden Händen die Kerzen 
angezündet und lief geschäftig hin und her, ohne recht zu 
wissen, was er thun wollte. Die Offiziere legten einen Kranz 
aus Eichenlaub am Sarge nieder, und der Graf versuchte, dem 
Oberförster, der auf einen Stock gestützt, gebeugt und plötzlich 
erschreckend gealtert einherging, Trost zuzusprechen. Der Saal 
füllte sich mit Bekannten und Freunden aus der Stadt, und 
ehe der Sarg geschlossen wurde, traten die Hofmägde im 
Sonntagsgewand ein, die darum gebeten hatten, das gnädige 
Fräulein noch einmal sehen zu dürfen. Die meisten von 
ihnen schluchzten und wischten sich die Augen mit dem Schürzen 
zipfel. Der Oberförster warf sich zum letzten Abschied über 
den geliebten Körper — dann wurde der Deckel aufgelegt, 
und der enge Schrein mit Schrauben geschloffen. Der Geist 
liche kam, verrichtete seine Gebete und segnete die Hülle, aus 
der die schöne Seele längst entwichen war. 
Unter den Trägern befand sich ein Freiwilliger des 
Grafen, der flehentlich darum gebeten hatte, der Toten diesen 
letzten Dienst erweisen zu dürfen. Er schritt an der linken 
Seite des Sarges, und hatte die Citrone, die seine Genossen 
einem alten Brauche gemäß in der freien Hand trugen, in 
die Tasche gesteckt, um sich unbehindert mit seinem Tüchlein 
die Augen trocknen zu können. Es war der ehemalige 
Provisor der Löwenapolheke. 
Unten im Hofe staub Herr Fiedler mit seiner Schul 
jugend. Er trug seinen schwarzen Staatsrock, der schon 
manches Begräbnis und manche Königsgeburtagsfeier mit 
gemacht hatte, und hielt in der Rechten einen Takrstock. Als 
die Träger mit ihrer Last aus der Hausthür traten, hob er 
den Arm, blickte im Kreise umher und senkte ihn wieder, und 
von hundert jugendlichen Kehlen angestimmt, zogen die er 
greifenden Klänge des Nsäia in vita durch die Stille des 
Sommermorgens. Dabei rannen dem Dirigenten die hellen 
Thränen über die Wangen. Als einen der kleinsten, die dem 
Sarge Blumen voran trugen, gewahrte man den blonden 
Hansel des Adlerwines. Er konnte nicht begreifen, warum 
der Herr Lehrer weine, da doch Tante Friederike jetzt im 
Himmel sei und genau so schöne goldene Flügel habe, wie die 
beiden Engel über der Kanzel in der Kirche. Langsam be 
wegte sich der Leichenzug, dem sich die meisten der Stadtarmen 
angeschlossen hatten, nach dem Gottesacker. 
Zu derselben Stunde verließ auch ein anderer das stille 
Forsthaus, um nie wieder zurückzukehren — es war der Ritt 
meister, der zum Tode ging. 
In aufrechter Haltung schritt er neben den Soldaten 
dahin. Er trug eine Mohnblume in der Hand, die einem der 
Totenkränze entfallen war, und die er auf der Treppe ge 
funden hatte. 
Man war auf dem Hügel angekommen, wo ihn jeder 
Baum und jeder Stein an den seligen Abend erinnerte, den 
er dort mit Friederike verlebt. Auch das Grab des Selbst 
mörders erkannte er, an dem sie gestanden und über den Tod 
gesprochen hatten. 
Er heftete die rote Mohnblume auf die Stelle seines 
Jägerwamses, unter der er sein Herz pochen fühlte, und bat 
die Soldaten, genau auf den roten Fleck zu zielen. Dann 
schüttelte er dem Lieutenant die Hand und übergab ihm einen 
Brief an seine Mutter, den der Offizier an die Adresse zu 
bestellen versprach. Man verband ihm die Augen, der 
Lieutenant zog den Säbel, und in demselben Augenblick, da 
unten im Thal die Glocken des Kirchleins ihr Trauergeläut 
anhuben, krachte die Salve der neun Gewehre durch den stillen 
Wald. Wenige Minuten noch — und die Schollen bedeckten 
einen Toten. 
Als man Friederikens Leichnam bestattet hatte, kehrte der 
Oberförster mit dem Grafen zum Waldhofe zurück. Für 
letzteren war ein Schreiben angekommen, das mit königlichem 
Siegel geschlossen war. Er öffnete dasselbe und las. 
„Zu Tilsit ist der Friede geschlossen worden", sagte er 
bewegt, „aber die Bedingungen find schlimmer als alle ver 
lorenen Schlachten! Preußen hat aufgehört, eine Macht 
zu sein!" 
Den Oberförster schien die Nachricht nicht zu erregen, er 
saß teilnahmslos auf der Holzbank der Laube. 
„Wenn der große König noch lebte — dann wäre es 
so weit nicht mit uns gekommen." sagte er endlich. 
„Aber wir verließen uns auf unser Glück, und über der 
steten Erinnenmg an eine große Vergangenheit haben wir 
unsere Pflichten vergessen. Es ist alles unsere eigene Schuld!" 
„Reiche erheben sich und werden wieder gedemütigt," ent- 
gegnete der Graf, „und der Gang der Geschichte läßt sich 
nicht aufhalten. Wer weiß, ob nicht doch einmal die Zeit 
kommen wird, da Preußen wie ein Phönix aus seiner Asche 
ersteht!" 
„Sie können noch hoffen, da doch alles verloren ist?" 
fragte Freyland erstaunt. 
„Ja," setzte er nach einer Pause hinzu. „Sie könnens, 
denn Sie haben Ihre Pflicht gethan — aber, was bleibt mir,
        
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