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Periodical volume 26. November 1892, No. 9.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

Unter Mitwirkung 
p. H. Drendicko, Theodor Fontane, Stadtrat 
Ferd. Meyer, Gymnasialdirektor vp. M Kchroarh und Ernst v. Mrtdenvrruh, 
herausgegeben von 
Friedrich Lilleffen und Richard George. 
XIX. 
Zahrgang. 
M 9. 
Der „Bär" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede Postanstalt (No. 709), Buchhandlung und 
Zeitungssxedition für 2 Mk. 50 Pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
26. Noiembrr 
1892. 
-iws NairvksnL. 
Eine Erzählung aus ernster Zeit von Julius R« A aarhaus. 
(Schluß.) 
MAer Arzt ordnete an, daß die Sterbende auf ein Lager, 
dicht an der Erde, gebettet werde. Die Offiziere be 
gaben sich in ihre Onaniere, nnd der Oberförster setzte sich an 
die Seite seines armes Kindes. Lindeck bat ebenfalls, zugegen 
bleiben zu dürfen, aber der Arzt verbot es ihm, da jede Er 
regung das Ende des Mädchens beschleunigen könnte. Er 
begab sich in den Geweihsaal, wo er den Grasen mit seinem 
Adjutanten wieder über der Landkarte fand. 
„Wenn ich nicht irre, so find Sie Graf Götzen," redete 
er den Major an. „Ich bitte darum, verhaftet und möglichst 
bald verurteilt zu werden. Freylands Tochter ist nicht durch 
Selbstmord gefallen, sondern ich habe sie niedergeschossen, als 
sie mich daran verhindern wollte, Ihre Beratungen vom 
Nebenzimmer aus zu belauschen. Ich habe alles vernomnien, 
was in diesem Saal gesagt worden ist," setzte er hinzu. 
Der Graf faßte sich schnell. „Wenn es wahr ist, was 
Sie sagen, so gehen Sie einem schweren Geschick entgegen," 
erwiderte er. „Ihre Verkleidung zwingt uns, Sie als Spion 
zu behandeln." 
Er klingelte und ließ den Gefangenen durch zwei 
Soldaten abführen. Im Erkerzimmer, dessen Fenster vergittert 
waren, wurde ihm ein einfaches Lager bereitet, und die Thür 
durch einen Posten bewacht. In der Frühe des anderen 
Morgens erkundigte sich der Gefangene nach Friederikens Be 
finden. Er vernahm, daß sie noch lebe, aber seit einigen 
Stunden gänzlich bewußtlos sei. Mittags kam der alte 
Lebrechl mit verweinten Augen und brachte dem Rittmeister 
das Essen. 
„Unser Fräulein ist eben gestorben." schluchzte er, „ich 
habe sie gesehen, sie ist so schön und bleich wie die Lilien 
dort unten im Garten." 
Lindeck wies Speise und Trank zurück. 
„Wann tritt das Kriegsgericht über mich zusammen?" 
fragte er den Lieutenant, der bei ihm die Wache hatte. 
„Voraussichtlich erst morgen oder übermorgen," entgegnete 
dieser, „es liegt kein Grund vor, die Angelegenheit besonders 
zu beschleunigen. Sie sind uns ja sicher und werden keinen 
Fluchtversuch unternehmen, auch können Sie uns nicht mehr 
gefährlich werden!" 
Man hatte dem Gefangenen erlaubt, sich ftei in den 
Zimmern, in denen die Offiziere verkehrten, zu bewegen. 
„Es liegt kein Grund vor, die Angelegenheit zu be 
schleunigen —" wiederholte er bei sich selbst. War denn sein 
Verbrechen nicht groß genug? Oder wollte man durch ein 
Hinziehen des Prozesses seine Qualen vergrößern? Er sah 
in den Hof hinab. Die Höhe des ersten Stockwerkes war 
beträchtlich und der Hof gepflastert. Einen Augenblick kam 
ihm ein Gedanke, wie er ihn noch nie gehabt. Aber nur eine 
Minute, dann dachte er an ein blasses, leidendes Frauenantlitz, 
beschatte! von den schweren, grünen Gardinen des Alkovens, 
das er einst mit bangem Auge betrachtet, und dessen Bild 
unauslöschlich vor seiner Seele stand — und mit diesem Bilde 
tauchte die Erinnerung an das Versprechen in ihm auf, das 
er als Knabe dem kranken, bleichen Weibe gegeben. 
Aber konnte er jetzt noch weiter leben? Und wenn er 
es vermöchte, hatte er wirklich diese fürchterliche Qual verdient? 
Gab es kein Mittel, seine Leiden abzukürzen? Er wandelte 
mit raschen Schritten im Saale auf und nieder. Drüben, auf 
einem Schemel an der Wand, saß der Lieutenant, rauchte seine 
kurze Pfeife, und las in einem Bande, den er sich aus den: 
Biicherschranke des Oberförsters genonimen hatte. Er war in
        
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