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Periodical volume 19. November 1892, No. 8.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

96 s- 
Jajeptz ©ngcl, besten Porträt wir auf S. 89 bringen, ist der 
gegenwärtige Leiter der Krollfchen Theaters, welches am 13, Februar 1894 
da? Jubiläum des 80 jährigen Bestehens feiern wird. Der in den Kreisen 
des Publikums und der Kunstwelt gleich beliebte Theaterdirektor wurde am 
17. November 1856 zu Berlin geboren, absolvierte das Wilhelms-Gymnasium 
und widmete sich, dem Wunsche deS Vaters gemäß, dem Kaufmannsstande. 
Nach einer mehrjährigen Thätigkeit im Banksache genügte er seiner Militär- 
psiicht und ging sodann zur Seidenbranche. Im Jahre 1879 trat 
Joseph Engel in das Krollsche Theater, um seinen Vater, den Kommissions 
rat I. C. Engel, in der Leitung derselben zu unterstützen. Eine weitere 
Ausbildung in dem Theaterfache fand Engel am Stadttheater zu Bremen, 
wo er mehrere Jahre hindurch als Opernregisseur unter den Direktoren 
Angela Neumann und Senger wirkte. An der Spitze des Krollfchen 
Etablissements sieht Engel seit dem Tode seines VaterS (27. Juni 1888), 
in dessen Sinne er das berühmte Institut mit bestem Erfolge weiterführt. 
R. Gr. 
ffitnc eigenartige Mrarrgel-Relignie besitzt eine alte 
Schullehrerfamilie in der Lausitz. Der große Krack, der den Gründerjahren 
folgte, hatte auch einen ehemaligen Unleroifizier von den Wrangel- 
Kürassieren, der in der Lausitz einen Posten als BolkSfchullehrer gesunden 
hatte, in arge Bedrängnis gebracht. Der sparsame Mann halte sich eine 
Aktie gekauft, und als er dieselbe zur bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter 
„versilbern" wollte, stellte eS sich heraus, daß sie durch den Krach völlig 
wertlos geworden war. Besorgt um das Schicksal seines Kindes, verfiel 
der um fein schöner Geld gekommene Magister auf die Idee, seinen ehe- 
nialigen Regimentskommandeur, der cs in Berlin bis zum Feldmarschall 
gebracht hatte, und von besten Menschenfreundlichkeit er erst kürzlich wieder 
etwa? in der Zeitung gelesen, auszusuchen und um Rat und Hilfe zu 
bitten. Er verschaffte sich Urlaub, fuhr nach Berlin und erwirkte sich 
auch bei Sr. Excellenz eine Audienz. „Papachen", der seinen 
ehemaligen Untergebenen sofort wiedererkannte, meinte, als der Schul 
meister seinen Vortrag beendet hatte: „Na, laß mich man die dämliche 
Aktie hier, ich will mal sehen, was sich mit sie machen läßt und jede Dir 
dann bald Bescheid." Die Antwort blieb denn auch nicht lange aus. 
Einige Tage vor der Hochzeit seiner Tochter erschien bei dem alten Lehrer 
ein Banquier, der ihm im Austrage des FeldmarschallS den Nominalwert 
der Aktie auszahlte und ihm gleichzeitig auch die wertlos gewordene Aktie 
übergab, auf welcher Papa Wrangel die Worte: „Schullehrer müssen nicht 
spekulieren," geschrieben hatte. Der Schwiegersohn des alten Lehrers, dem 
seine Braut die ganze Geschichte verraten hatte, ließ an seinem Hochzeits 
tage Papa Wrangel in seiner neuesten Eigenschaft als „Banquier" hoch 
leben. M. M. 
Uerrirrs - Nachrichten. 
Verein für Geschichte der Neumark. Sonntag den 27. November 
findet im Gesellschaftshause zu Küstrin die diesjährige Herbstversammlung 
des Vereins für Geschichte der Neumark statt, welche bereits auf Anfang 
Oktober festgesetzt, wegen der drohenden Choleragefahr aber vertagt worden 
war. Die geschäftliche Sitzung beginnt Mittags um Uhr. An diese 
schließt sich um ’/,2 Uhr die Besichtigung der Stadt, und zwar des Grab 
mals des Markgrafen Johann von Küstrin, der Kasematten und des hohen 
Kavalier an. Um ä l / 2 Uhr beginnt die öffentliche Sitzung, zu der auch 
Gäste Zutritt haben. Pros. Dr. Wessel-Küstrin wird über die historische 
Bedeutung von Küstrin, Oberlehrer Dr. Schwarz-Friedenau über Ketzer- 
versoigungen in der Neumark, Oberlehrer Dr. von Nießen-Stettin über die 
Vogteien in der Neumark sprechen. Abends 6 Uhr findet eine gemein 
schaftliche Tafel im Gesellschaftshause statt. Von den der geschäftlichen 
Sitzung vorliegenden Anträgen sind die auf die Bewilligung einer weiteren 
Beihilfe für die Falbesche Stiftung zur Herausgabe der Geschichte von 
Woldenberg Nm. und aus Bewilligung der Herausgabe der im Staatsarchiv 
in Königsberg i. P. befindlichen, aus die Neumark bezüglichen Urkunden in 
Regestensorm hervorzuheben. Diese letztere Arbeit soll daS erste größere 
vom Verein herausgegebene Werk bilden Die größte Mehrzahl der neu 
märkischen Urkunden auS der Zeit der Deutschordens - Herrschaft in der 
Neumark (1402—1455) ist nach dem Staatsarchiv in Königsberg in 
Preußen gekommen. Die Zahl derselben wird auf 600 -1000 geschätzt. 
Der Direktor des KünigSberger Staatsarchivs, Dr. Joachim, hat sich bereit 
erklärt, die dort befindlichen Urkunden zu sammeln und mit einer den 
Sinn wiedergebenden Inhaltsangabe (Regest) nach wissenschaftlichen Grund 
sätzen herauszugeben. Der Vorstand schlägt vor: Die Inangriffnahme 
dieses Werkes zu beschließen und zunächst eine größere Summe hierfür in 
den Haushalt für 1893 einzustellen. Verfügbar hierfür sind die dem Verein 
bereits zugewendeten einmaligen Unterstützungen von seiten der Provinz 
und mehrerer Kreise. Die Kosten des Werkes im Gesamtbeträge von 
14- bis 1800 Mark würden sich auf 2, vielleicht auch 3 Jahre verteilen. 
— Anmeldungen zum Beitritt zu dem Verein, der jetzt bereits nahe an 
450 Mitglieder zählt und der seine Schriften den Mitgliedern kostenlos 
übermittelt, ^Jahresbeitrag 3 Mart) nimmt der Schriftführer desselben, 
Chefredakteur Eckert, LandSberg a. W, entgegen. 
Verein für die Geschichte Berlins. — Am 5. November sprach 
Herr Ernst Müller „Ueber den Dichter George Hesekiel," (geb. 
12. August 1811 zu Halle, gest. 26. Februar 1874 zu Berlin). Ungemein 
sympathisch berührte an diesem Vortrage die warme Begeisterung deS Herrn 
Vortragenden. Derselbe hatte vor sich auf dem Tische ungefähr 200 Bände 
von George Hesekiel liegen, die er mit großer Mühe von Antiquaren er 
standen, und die, obwohl sie bei weitem nicht die gesamten Werke jenes 
Schriftstellers umfassen, doch ein Bild von seiner seltenen Fruchtbarkeit 
geben. In biographischer Beziehung brachte der Vortragende nichts Neues, 
in seiner kritischen Würdigung überschätzte er entschieden Hesekiel, den er 
über Schiller und Goethe stellte, mit dem sich an „wuchtiger Kraft" nur 
Shakespeare messen könne. Jedenfalls war es ein verdienstvolles 
Unternehmen, die Erinnerung an Hesekiel wieder wachzurufen. Der uner 
meßliche Patriotismus desselben, die Gewalt seiner Charakteristik, daS tiefe 
Wissen daS sich in seinen Romanen offenbart, die historische Treue der 
letzteren, das lebendige Blut, das in ihnen fließt, verdienen in der That 
ein besseres Los als das, vergessen zu werden. UebrigenS glauben wir 
nicht, daß Hesekiel so unbekannt ist, wie der Vortragende meinte; dazu hat 
er zu viel in weit verbreiteten Zeitschriften veröffentlicht. Empfehlen dürfte 
sich vielleicht die Herausgabe einer Auswahl der Hesekielschen Romane 
und Gedichte. Bei seiner warmen Begeisterung wäre in Herrn Ernst 
Müller der geeignete Herausgeber vorhanden. R. G. 
Küchertisch. 
Die letzte Predigt inr alten Dame ;n Kerlirr am Ernte 
dankfeste, dem 16. Sonntag n. Trin., dem 2. Oktober 1892, ge 
halten von W. Faber, König!. Hof- und Domprediger.*) Berlin, 
Verlag von K. I. Müller. Preis 0,50 Mk. 
Die Empfindungen, die in der letzten Stunde in dem alten, ehr 
würdigen Dom unser Herz bewegten, kommen hier in großen Zügen zu 
schönem Ausdruck. Bei dem Abschied von dem lieben, alten Gotteshause 
hat die Gemeinde noch einmal besonders lebhaft erfahren, wie viel enge 
Bande sie mit ihrer Kirche verknüpfen. Aber auch uns allen reden diese 
Steine eine herzbewegliche Sprache; denn sie reden von den schmachvollsten 
und ruhmvollsten Zeiten deS Vaterlandes, sie erzählen von der tiefsten 
Erniedrigung deS Volkes und seiner höchsten Erhebung. Dieser Dom hat 
Preußen und Deutschland groß werden sehen. Wird somit auch daS 
Scheiden schwer, so freuen wir unS doch von ganzem Herzen, daß nunmehr 
der neue Dom zustande kommt, dessen Vorarbeit schon so viel Zeit, Kraft 
und Opfer gekostet hat, alS eine rechte Erntedankfestkirche zu Ehren der 
Treue unseres Gottes und zugleich eine Gedächniskirche zu Ehren unserer 
Heimgegangenen, edlen Könige. IL H. 
„Ja . . was. . rnärtzten wir nirht alles!" Von Paul 
Scheerbart. Erstes Heft. Berlin. Verlag deutscher Phantasten. 
Preis 1 Mk. 
Ein wunderliches Buch! möchte man auf den ersten Anblick ausrufen, 
denn Aussehen, Tuel und Anordnung sind sonderbar genug; hat man sich 
jedoch erst tiefer bineingelesen, dann kommt hinterher der Gedanke, daß 
hinter dieser bizarren Form doch ein ganz vernünftiger Kern steckt, der 
mindestens das eine für sich beanspruchen darf, daß er seine eigne Welt 
anschauung besitzt und dem entsprechend die Welt mit seinen Augen be 
trachtet. Ist dies schon etwas, das nicht allzuhäufig zu finden ist, so 
überzeugt der Autor auch noch, daß er ein ganz origineller Dichter ist. ES 
sei hier namentlich auf die „neue Tänzerin" hingewiesen, in der sich eine 
Feinheit und Wahrheit der Natuischilderung findet, die ein ganz ungewöhn 
liches Empfinden verrät. Ebenso zeigt sich in dem „heiligen Hain" eine 
Stimmungsmalerei, die mich lebhaft an Böcklin mit seinem Farbenzauber 
erinnert. DaS Heft ist lesenswert; denn eS offenbart sich ihm ein ganz 
außergewöhnlicher Geist, der bald an Guy de Maupastant, bald an unsern 
E. T. A. Hosfmann gemahnt, und der im Grunde doch Paul Scheerbart 
bleibt. R. M. 
Der Stern nan Mastar. Roman von A. Marby. Berlin 1893. 
Verlag von Otto Janke. Preis 5 Mk. 
Der Ausstand in der Herzegowina (1875 u. 76), daS heiße Ringen 
der tapferen Bergbewohner nach Befreiung vom türkischen Joche, gekrönt 
von endlichem Siege — daS ist die geschichtliche Grundlage der Erzählung, 
in welche daS wechselnde Geschick zweier Personen, der begeisterten Führers 
der Aufständischen und seiner Braut, „deS Sterns von Mostar", verwoben 
wird. Die historischen Vorgänge hat der Verfasser geschickt benutzt, Eigenart 
von Land und Leu:en treffend geschildert; die Grenze, welche eigener Er 
findung gezogen ist, erscheint ziemlich eng, der Ausdruck artet, dem ge 
wählten Titel entsprechend, oft in Schwülstigkeit und Ueberschwänglichkeit aus- 
*) Die Notiz aus S. 35 über den Abschieds-Gottesdienst im 
Dom ist dahin zu berichtigen, daß die Abschiedspredigt Hosprediger Faber 
hielt, während die Liturgie vom Hosprediger Kritzinger abgehalten wurde. 
Das Tedeum leitete Hosprediger Vieregge durch ein Gebet ein, den Segen 
sprach Ober-Hosprediger Dr. Kögel. 
Intzatt: Fürs Vaterland. Eine Erzählung aus ernster Zeit 
Von Julius R. Haarhaus (Fortsetzung); Ueber bürgerliche Wappen 
und deren Führung. Von M. Gritzner; (Schluß); Mönch Hermann 
von Lehnin. Ein Märkischer Sang von M. v. Buch (Fortsetzung). 
Die St. Sebastianskirche in Berlin. Von E. Kolbe (mit Abbildung.) 
Kleine Mitteilungen: DaS Kaiserliche Jagdhaus Rominten (mit 2 Ab 
bildungen). Joseph Engel (mit Abbildung). Eine eigenartige Wrangel- 
Reliquie. — Vereinsnachrichten. — Büchertisch. — Anzeigen. 
Für die Redaktion verantwortlich: Richard George in Berlin N. 58. — Abdruck ohne eingeholte Erlaubnis ist untersagt. 
Verlag: Fr. Zillessen, Berlin N., Schönhauser Allee 141. — Druck: Buchdruckerei Gutenbcrg, Berlin N. Schönhauser Allee 141a.
        
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