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Periodical volume 19. November 1892, No. 8.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Stadtbahn ist im Nordring vollständig, im Südring teilweise 
zu verfolgen. 
Der Jnnenraum des mit Ausnahme eines geräumigen, 
massiv untermauerten Orgelchors ohne alle Emporen her 
gestellten Gotteshauses hat allerdings trotz seiner überraschenden 
Größe nur 1100 Sitzplätze in zwei großen und zwei kleineren 
Gestühl-Abteilungen; aber die breiten Gänge sowie die ge 
räumigen Seitenkapellen gestatten noch etwa 3000 Personen 
Stehplätze. 
Die Längenachse der Kirche ist genau von Osten nach 
Westen gerichtet, doch hat, abweichend von der altkirchlichen 
Vorschrift, der Chor mit dem Hochaltar statt der östlichen die 
westliche Richtung erhalten, während Turm und Hauptportal 
nach Osten liegen. Von allen Seiten jedoch gewährt der im 
posante Bau ein höchst malerisches Bild. Die breiten, eben 
falls einschiffigen Kreuzarme sind durch mächtige Fensterrosen 
von je 8 m Durchmesser erhellt und wirkungsvoll belebt. 
Der in dem ein halbes Zehneck bildenden Chor freistehende 
Hochaltar sowie die im Schiff verteilten Seitenaltäre werden 
durchweg im gotischen Stil ausgeführt, der eigentliche Altar, 
die Mensa, aus Stein, der Aufsatz aus Eichenholz, aus 
letzterem auch die an der Epistelseite, an dem westlichen Pfeiler 
der Vierung angeordnete Kanzel, die Kommunionbank, Beicht 
stühle, Orgelgehäuse u. s. w. Zwei Seitenaltäre erhalten 
ihre wirkungsvolle Stellung rechts und links vom Hochchor, 
an breiter, sonst undekoriert gebliebener Wandfläche, während 
die übrigen Nebenaltäre in den Kapellen des nördlichen und 
südlichen Seitenschiffes ihren Platz finden, alle jedoch in der 
selben Richtung gelegen wie der Hochaltar. Hier haben auch 
die Beichtstühle geeigneten Platz, während eine dieser kleinen 
Kapellen für den Taufstein bestimmt ist. Sämtliche Kapellen 
sind nach dem Hauptschiff zu offen. Trotz dieser so splendiden 
Raumabgabe für Altäre u. dgl. ist doch für den freien Ver 
kehr des Publikums durch breite Gänge wie durch höchst be 
queme Sitzplätze Sorge getragen, ein Vorteil, deffen sich 
unseres Wissens kaum eine andere Kirche Berlins rühmen 
dürfte. In gleicher Weise ist durch zahlreiche Ausgänge für 
schnelle Entleerung gesorgt, wie denn auch gute Ventilations 
Anlagen vorhanden find. Die dem Chor rechts und links 
angebauten einstöckigen Annexe dienen, wie schon bemerkt, im 
unteren Geschoß zu Sakristeien, während das obere je einen 
saalartigen Raum für den Katechumenunterricht sowie für die 
Sitzungen der Gemeinde-Organe u. s. w. ausweist. Auch für 
Toilettenräume ist Sorge getragen. 
Die ornamentale Ausschmückung ist nach mittelalterlichen 
Vorbildern unter Zugrundelegung der heimischen Pflanzenwelt 
hergestellt. So haben sich namentlich die kleinen Pflanzen 
und Kräuter (Schöllkraut, Ranunkeln, Anemonen u. s. w.), 
die man in der Flora der Mark fast das ganze Jahr über 
antrifft, als ebenso treffliche wie sinnreiche und dankbare Vor 
bilder bewährt, nicht minder die Päonie, der Sellerie, der 
Feldahorn, die Eiche, die Kastanie, ja sogar das Farrnkraut. 
Auch dies ist als originell zu bezeichnen und verdient Nach 
ahmung — denn wozu in die Ferne schweifen, wo gute Vor 
bilder so nahe liegen? — Derartiges jedermann verständliches 
Pflanzenornament dürfte auch in den unteren Volsschichten 
mehr Beachtung finden und bildender wirken als all' die alten 
archäologischen Merkwürdigkeiten unserer Museen, die das Volk 
doch nur in zerbrochenen Ueberresten teilnahmlos betrachtet. 
Sämtliche Wandflächen des Inneren, soweit sie nicht 
Steinarchitektur zeigen, erhielten kunstvolle Malereien, so 
namentlich die Gewölbefelder über dem Hochaltar und die 
breiten Wandflächen der Vierung. 
Damit wären wir mit unserer Beschreibung des neuen, 
in nächster Zeit seiner kirchlichen Weihe entgegensehenden 
Gotteshauses der St. Sebastiansgemeinde fertig; das Uebrige 
wird der geneigte Leser aus der Abbildung ersehen, 
die wir unseren Zeilen beigeben, und er wird mit uns 
darin übereinstimmen, daß dieser Kirchenbau zugleich ein 
architekionisches Schmuckstück für den ganzen Norden Berlins 
geworden ist. wie nicht minder zu einem trefflichen Vorbild 
für andere kirchliche Neubauten in der Reichshauptstadt. Es 
ist in dem Neubau von St. Sebastian einmal etwas Neues, 
Eigenartiges geschaffen worden — möge man fortfahren, mit 
den alten, eintönigen und einförmigen Traditionen auf dem 
Gebiete der kirchlichen Bauten hier in Berlin zu brechen und 
sich nicht scheuen, gute Vorbilder anzuerkennen und ihre Vor 
teile zll verwerten. 
Kleine Mitteilungen. 
Das kaiserliche Jagdhaus Ramirrton. — Der 
jagdfrohe deutsche Kaiser hat sich in der Rominter-Heide in Ostpreußen, 
(Abbildung S. 88) einem Jagdrevier, in weichem schon die Hochmeister 
der deutschen RilterordenS auf den Bären, den Ur, den Elch und den 
Wolf jagten, im vorigen Jahre ein Jagdhaus im norwegischen Etile er 
baut, dar wir unsern Lesern auf S. 88 im Bilde vorführen. Das Jagd- 
schlößchen ist von norwegischen Handwerkern errichtet worden und besteht 
aus einem einstöckigen Mittelbau (Speisesaal) und zwei zweistöckigen Flügeln. 
Ueber die weitere Einrichtung des interesiantcn Jagdhauses, welcher der 
Kaiser zu Wagen von der Ostbahnstation Trakehnen erreicht, entnehmen 
wir einem Aussatze von vr. K. Ed. Schmidt im „Universum" folgende 
Einzelheiten: Für die Beleuchtung sorgen am Abend zwei mächtige Kron 
leuchter und zwölf sünfarmige Kandelaber, in Kunstguß mit Gold verziert. 
Fast die Hälfte einer Wand nimmt ein Buffet ein; dies stellt sich als eine 
verkleinerte Wiedergabe des JagdschloffeS dar. Besetzt ist eS mit einem 
'Weinservice in Zinn sowie mit Tabletts, welche Trinksprüche in Eichenholz- 
saffung zeigen. An den Wänden stehen auf Borsprüngen altdeutsche Krüge, 
Humpen, Trinkhörner und dergleichen; besonder? schön ist ein mit vielfarbiger 
Emaille überzogener russischer Krug. Der linke, nach der Rominte zu ge 
legene Flügel enthält im Erdgeschoß zunächst die Eingangshalle, in der uns 
außer einer Anzahl von Gemälden, die meistens Jagdscenen darstellen, ein 
auS Hirschgeweihen kunstvoll zusammengesetzter Garderobeständer auffällt, 
sowie die sinnige Widmung der norwegischen Erbauer deS Schlaffes an den 
Kaiser. Es ist dies ein starkes, mit norwegischem Moose belegtes Hirsch 
geweih an dessen Rose sich eine au? goldgelben Immortellen geschmackvoll 
zusammengestellte Krone befindet; dieser ist ein Schreiben in gebundener 
Rede beigelegt, in dem die Norweger ihre Begeisterung für den deutschen 
Kaiser ausdrücken und den Wunsch aussprechen, daß das von ihnen erbaute 
Schloß Sr. Majestät eine rechte Ruhe- und Erholungsstätte sein möge. 
Die anstoßenden Räume, Empfangs- und Adjutantenzimmer, sind vollständig 
mit Teppichen in grauem Farbenton belegt und mit eichengefaßlen Gemälden, 
sowie Figuren in Kupfer, Majolika, Cydrulit und Steingut geschmückt. 
Eine Treppe führt zu der Wohnräumen der Kaisers hinauf, welche alle 
bis ins Kleinste kunstsinnig ausgestattet sind. Bemerkenswert ist besonders 
das Arbeitszimmer. Auf dem prachtvollen Arbeitstisch fällt neben dem 
kostbaren Schreibgerät besonders eine Slutzuhr aus Elfenbein in die Augen, 
die einst Kaiser Wilhelm I. gehörte. In einiecr Entfernung recht« vom 
Schreibtisch befindet sich der Kamin, vor dem zum Schutze gegen uniher- 
sprühende Funken in Metall gefaßte Glasplatten stehen; oben auf einem 
Vorsprunge sehen wir eine Anzahl Figuren in Cydrulit, Meister der Musik-, 
Bau- und Malerkunst darstellend. Der Kronleuchter in diesem Raume ist 
auS Hirschgeweihen und Metallguß zusammengestellt. Der rechte Flügel, 
der Wohn- und Schlafräume für die nächste Umgebung des Kaisers enthält, 
ist ebenfalls bequem hergerichtet. Hier münden auch die elf Telegraphen- 
drähte, welche beweisen, in wie reger Verbindung der Kaiser auch in dieser 
Einsamkeit mit der Außenwelt steht. R. 0.
        
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