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Periodical volume 19. November 1892, No. 8.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Noch nicht zwei Jahre sind seitdem verstrichen, und jetzt 
wölbt sich über der einstigen Stätte des Hochgerichts der 
prächtige Bau von St. Sebastian, mit seinem 85 m hohen 
Turm gleich einem mächtigen Finger zum Himmel weisend. 
Die Kirche ist in ihrer Hauptanlage eine einschiffige 
Kreuzkirche, der sich in Kapellen geteilte, niedrige Seitenschiffe 
sowie zwei neben dem Chor rechts und links vorspringende, 
überaus praktische Nebenbauten (Sakristeien, Räume für 
Gewänder und Utensilien u. s. w.) anschließen. 
Die Hauptgesichtspunkte beim Entwurf des Grundrisses 
und der Einteilung des Raumes waren folgende: Hochaltar. 
Kanzel und wenigstens zwei Seitenalräre (es sind etwa sechs 
projektiert) sollten möglichst von jedem Kirchenbesucher gesehen 
werden können; ferner mar Raum für ungestörtes Placement 
der Beichtstühle, für Taufstein, geräumiges Orgelchor, sowie 
für genügend große Vorhallen zu schaffen. Bei einer Stärke 
der Pfarrgemeinde von 22 000 Seelen mußte für mindestens 
4000 Kirchenbesucher Platz geschaffen und diesen die Möglich 
keit gegeben werden, der heiligen Messe am Altare wie der 
Predigt auf der Kanzel bequem folgen zu können. Wenn 
man auch der heiligen Messe in ihren einzelnen Teilen folgen 
kann, ohne den Altar und den celebrierenden Priester zu 
sehen, so ist dies doch weder angenehm, noch erwünscht, und 
ebenso ist die Aufmerksamkeit der Zuhörer der Predigt eine 
viel größere, wenn sie den Prediger sehen können. Man hat 
mit Unrecht und wohl nur aus Unkenntnis behauptet, der 
Predigt werde in der katholischen Kirche nur ein geringerer 
Wert beigelegt, — in Wahrheit ist die kirchliche Lehre auch in 
der katholischen Kirche die: Wer die Predigt nicht besucht, 
ohne durch dringliche Abhaltung, Berufspflicht, Krankheit und 
dergleichen gehindert zu sein, erfüllt seine kirchlichen Pflichten 
nicht ganz, denn diese erstrecken sich an allen Sonn- und 
Feiertagen auf Anhörung der heiligen Messe und Predigt. 
Doch dies nur nebenbei, um zu erklären, weshalb in der 
neuen St. Sebastiankirche auch der Kanzel eine überaus 
sichtbare, vorzugsweise Stelle eingeräumt ist. Aus allen diesen 
und auch aus praktischen, bezw. bautechnischen Gründen hat 
sich die Anlage einer einschiffigen Kreuzkirche empfohlen, und 
wir sind überrascht von der Wirkung, welche die in dieser 
Eigentümlichkeit hier in Berlin zum ersten Male durchgeführte 
Anordnung eines kirchlichen Bauwerks ausübt, wie sich das 
schöne, breite Gewölbe leicht und doch sicher auf den durch 
Sockel getragenen Säulenbündeln emporwölbt, und wie kein 
Pfeiler störend die Harmonie der prächtigen hohen Fenster 
unterbricht. 
Die neue Sebastianskirche wurde als erste Sandsteinkirche 
in Berlin ausgeführt, — trotzdem sind ihre Baukosten sehr 
bescheiden: 525 500 Mk., oder nicht ganz 20 Mk. für das 
Kubikmeter umbauten Raumes von Schiff und Turm (ohne 
Bildhauerarbeit und innere Ausstattung). Dieser mäßige 
Preis, trotz der hohen Eleganz der Ausführung, erklärt sich 
einerseits aus den stützen- und emporenfreten Jnnenraum, 
dann aber hauptsächlich aus der Art der Beschaffung, des 
Ausbringens und Versehens des Sandsteins. Es ist hierbei 
auf gut mittelalterliche Art und Weise vorgegangen worden, 
ein Verfahren, das sich übrigens durch Ausnutzung der Stein 
brüche infolge beschränkter Mittel von selbst aufdrängt, und 
dessen Nutzbarmachung dem Architekten des vorliegenden Baues 
besondere Ehre macht, das wir aber hier — als zu weit 
führend — nicht näher besprechen können. 
Auf diese Weise ist die Verblendung sämtlicher Außenteile 
von St. Sebastian aus sogenannten „Grundstücken" hergestellt 
worden. Diese „Grundstücken" sind mit Lagerfugen und 
ebener Außenfläche versehen und gleich den übrigen Architektur 
teilen im Förderkorb des Gasmotors hochgenommen und vom 
Maurer in Mauermörtel versetzt worden. Die Fugen wurden 
gleich mit der Kelle zugestrichen. Als Sandstein gelangte der 
sehr wetterfeste „Herrnleithner" zur Verwendung, aus den 
früher staatlichen Brüchen oberhalb Posta bei Pirna a. d. Elbe. 
Das Innere der Kirche ist in Backstein hergestellt, der an den 
Kanten und Rippen gezeigt ist, während die Flächen geputzt 
wurden. Um die Seitengänge möglichst wenig einzuschränken, 
sind sämtliche Säulenbündel in Höhe von 4 na auf große 
Kragsteine aufgesetzt. Hierdurch ist, abgesehen von einem 
freieren Verkehr in den Gängen, ein besserer Ausgangspunkt 
für die Gliederung gewonnen, und die Basen, welche sonst 
durch die Bänke verdeckt werden, kommen zu gehöriger Geltung. 
So wie die Wände durch diese 60 cm vorspringenden und 
80 cm breiten Säulenbündel kräftig gegliedert sind, sind auch 
die Gewölbe durch 64 cm breite und 40 cm vorspringende 
Gurte sowie durch 25 cm breite und 35 cm hohe Diagonal, 
rippen geteilt — eine Anordnung, die auch der Akustik zu 
gute kommen wird. 
Die Gewölbe haben eine Spannweite von 16,50 m. 
Die Regenrinnen liegen in 18 m, der Dachfirst in 30 m, die 
Turmspitze in 85 m Höhe. Der schlanke Turmhelm ist 
durchweg aus 28:20 cm starken, 50 cm hohen Quadern 
emporgeführt. 
Eine herrliche Bekrönung hat der sich schlank und 
in edlen Formen aufstrebende Turm durch eine kolossale 
Kreuzblume erhalten, die wegen ihrer eigenartigen Schönheit 
lebhaften Beifall findet. Eine Vorstellung von der Schwere 
und den Größenverhältnissen dieser Kreuzblume erhält man 
durch folgende Angaben: Ihr Gewicht beträgt 9 Centner, die 
Höhe 6 m, der Durchmesser in der Breite 2,60 m. Sie ist 
gänzlich aus Kupfer getrieben und weisen die vier größeren 
unteren und die vier kleineren oberen Blätter, die sich mit 
ihren reichen Zacken aus der Ferne recht hübsch ausnehmen, 
genau nach den vier Himmelsgegenden. Die über einer reich 
gegliederteit Steinbalustrade sichtbaren, in den Giebelfeldern 
der Turmpyramide angebrachten Zifferblätter der Uhr haben 
2,60 m im Durchmesser und find aus Metall angefertigt. 
Eine zweite Balustrade hat der schöne Turm in der Höhe des 
Hauptgefimses. Hier befindet sich auch der Raum für die 
Glocken, welche, in Thüringen gegossen, eines der schönsten 
Geläute der Hauptstadt sein dürften. — Die Aussicht vom 
Sebastiansturm wird die höchste in Berlin sein, wenn man 
nämlich die von innen durch die Turmpyramide zugängliche 
Kreuzblume besteigt. Bei hellem Wetter läßt sich ein Umkreis 
von vielen Meilen erblicken; so sieht man u. a. die Türme 
von Potsdam, die Schloßspitze von Oranienburg, die ganze 
Stadt Spandau, den Tegeler See, Treptow mit der Spree 
und andere Punkte; in nächster Nähe den Stettiner Bahnhof, 
die Invaliden- und die Siegessäule; nicht minder merkwürdig 
erscheinen von dieser Höhe die vielen Fabrikschornsteine sowie 
das Telephonnetz über den Häusern der Hauptstadt; auch die
        
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