Path:
Periodical volume 19. November 1892, No. 8.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

~e 92 e- 
Nicht konnten wir das Nicheil wenden. 
Nichi retten die verlorne Schlacht."" 
Lant stöhnt sie auf in wildem Leiden, 
Und wirft zurück ihr lichtbraun Haar, 
„Und Du, Du konntest von ihm scheiden, 
Ließt ihn allein in der Gefahr? 
Er, der mein Stolz, mein Glück im Leben 
Muß nun gefangen schmachten hin." 
Und wieder wendet sie mit Beben 
An Hermann sich: „Wer rettet ihn?" 
Der aber spricht: „„Wohl weiß ich einen. 
Der helfen noch und retten kann, 
Mills auch unmöglich fast erscheinen, 
Das ist auf Stolpe Herr Johann. 
Ich eilt zu ihm auf schnellstem Rosse 
Und hab' ihm uns're Not geklagt; 
Jetzt kehre ich von seinem Schlosse, 
Nun merkt wohl auf, was er gesagt: 
Er wäre durch das Weltgetriebe 
Gewandert fast an siebzig Jahr, 
Und hab' als höchste. Macht die Liebe 
Erkannt doch stets und immerdar. 
Denn müßt auf Erden alles wanken, 
Weil alles Endliche verklingt, 
Die Liebe kennt nicht Raum noch Schranken, 
Die das Unmögliche vollbringt. 
Und würdet Ihr nach Trost mich fragen, 
Und könntet keinen Ausweg sehn, 
So sollt ich Euch die Worte sagen, 
Frau Heilwig würde sie verstehn."" — 
Da hebt die Markgräfin die Hände: 
„Johann von Buch, ich danke Dir. 
Nun schaue ich des Elends Wende, 
Dies Wort gab die Erlösung mir. 
Mir sanken von dem Aug' die Binden, 
Des Lichtes Glanz hab ich verspürt, 
Und ich vermein den Weg zu finden, 
Der ihn aus dem Gefängnis führt. 
Nicht länger will ich hier verweilen, 
Auf Thränen und auf Klagen ruhn. 
Ich selber will ins Erzstift eilen. 
O. Herr! Gieb Segen meinem Thun, 
Damit mein Flehn und meine Bitten 
Erweich' des Bischofs hartes Herz. 
Und habt vergeblich Ihr gestritten 
Mit blankem Stahl, Erz gegen Erz, 
Nun führe ich mit wehnden Fahne» 
Die treuste Liebe in die Schlacht. 
Und wie ein hoffnungsfreudig Ahnen 
Durchbricht cs meines Herzens Nacht. 
Die Stunden sliehn, schon morgen reiten 
Will ich beim ersten Hahnenschrei 
Und Hermann, Du sollst mich begleiten. 
Mir sagts das Herz, ich mach' ihn frei!" 
(Fortsetzung folgt.) 
Die St. Seöajlimiskirche in Kerlin. 
Von G. Kollae. 
(Mit Abbildung). 
Es ist — und zwar bislang nicht ohne gewisse Be 
rechtigung — der deutschen Reichshauptstadt der Vorwurf ge 
macht worden, daß auf ihrem Boden kein Platz sei für ein 
hervorragend schönes Gotteshaus, und wenn dieser Vorwurf, 
wie schon bemerkt, seine gewisse Begründung hatte, so konnten 
ihn bis jetzt die Berliner Katholiken am wenigsten widerlegen; 
denn die beiden bis jetzt größten katholischen Kirchen von 
Berlin, St. Hedwig und St. Michael, können keinen Anspruch 
auf architektonische Meisterbaulen machen — St. Hedwig er 
scheint als völlig „verbaut" und „erdrückt" durch die sie um 
gebenden Mauermassen — St. Michael ist wohl auf herr 
lichem, großen Platze gelegen, aber ein Muster nüchternster 
Einfachheit, gepaart mit vielem Unpraktischem. Dafür haben 
es aber auch gerade die Katholiken Berlins, und unter diesen 
wieder eine ihrer ärmsten Pfarrgemeinden, jetzt fertig gebracht, 
wenn nicht die schönste, so doch eine der schönsten Kirchen 
Berlins in ihrer neuen St. Sebastianskirche zu erbauen, und 
diesem für die Bau- und Architekturgeschichte Berlins nicht 
minder wie für die Katholiken der Hauptstadt wichtigen Er 
eignis sollen die nachfolgenden Zeilen gewidmet sein. 
Die Geschichte der Pfarr-Gemeinde von St. Sebastian 
reicht bis in das Jahr 1860 zurück, als König Wilhelm I. 
den Katholiken des Nordens und Nordwestens von Berlin die 
katholische Hauskapelle des König!. Jnvalidenhauses zum 
Besuch öffnete und damit zugleich dem katholischen Pfarrer 
des Jnvalidenhauses die Seelsorge für die sich nunmehr 
bildende Civil- und Pfarr-Gemeinde verstattete. So darf 
Kaiser Wilhelm I. als der eigentliche Begründer der jetzt 
22 000 Seelen zählenden Gemeinde zu St. Sebastian an 
gesehen werden, die jetzt länger als dreißig Jahre Gast ihres 
königlichen Schirmherrn gewesen ist, und es wohl auch seinen 
Intentionen mit zu verdanken hat, daß fie nunmehr bald ein 
eigen Haus beziehen darf. AIs sich nämlich die Civilgemeinde 
von St. Sebastian um den damaligen Pfarrer am Jnvaliden- 
hause, Alois Hermann, zu sammeln begann, wurde die Frage 
einer neuen Kirche oder Erweiterung der bisherigen in Er 
wägung gezogen und fand auch die allgemeine Billigung in 
sofern, als die Notwendigkeit anerkannt wurde. Eine Er 
weiterung der Jnvalidenhauskapelle zu St. Sebastian wurde 
jedoch nicht für gm befunden, weil angeblich „die Symmetrie 
störend". Es befindet sich nämlich am entgegengesetzten Ende 
des Jnvalidenhauses die evangelische Hauskapelle, gleich groß 
und in gleichem Stil erbaut, und es hieß dazu noch im Hin 
blick auf die fich ebenfalls um dieses Kirchlein sammelnde pro 
testantische Civilgemeinde: „Wenn die Kapelle für die Protestanten 
ausreicht, deren doch viel mehr sind, dann werden doch wohl 
die Katholiken in ihrer Kirche Platz genug haben." — König 
Wilhelm aber sagte: „Vorläufig nicht überstürzen; kommt 
Zeit, kommt Rat!" — Inzwischen wurde die Seelsorgs-Arbeit 
bei St. Sebastian immer umfangreicher und schwieriger, und 
Pfarrer Hermann erhielt 1868 in der Person seines späteren 
Nachfolgers, des jetzigen Herrn Pfarrer Neuber, einen Kaplan. 
Dieser faßte den Gedanken an den Neubau einer Kirche — 
trotz Abmahnung des greisen Pfarrers — praktisch auf und 
wurde darin ermutigt durch den damaligen fürstbischöflichen 
Delegaten und Propst von Berlin, Herzog, der 1882 den
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.