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Periodical volume 19. November 1892, No. 8.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

-« 91 & 
Nun spür' ich mit wonnigen Schauern 
Des Lenzes Herrlichkeit. 
Ich möchte schweifen und wanden: 
Weit über die Thäler und Höh'n, 
Da sagt es ein Blümlein zum andern: 
Die Welt ist doch gar zu schön! 
Der Wald, der lange geträumet 
Nnn ist er mit Rauschen erwacht. 
Vom Berge kommt lustig geschäumet 
Das Bächlein über Nacht. 
Die Vögel erheben mit Schalle 
Ein fröhliches Jubelgetön. 
Was singen und pfeifen sie alle? 
Die Welt ist doch gar zu schön! 
Was willst Du dem Aug' nicht trauen? 
O, glaubts nur und gieb Dich darein. 
Frohlockend darfst Du jetzt schauen 
Zum offnen Himmel hinein. 
Zu Blüten wurden die Sterne 
Sie leuchten aus grünenden Höh'n 
Und jubelnd verräts Dir die Ferne 
Die Welt ist doch gar zu schön! 
Was schläfst Du in sonnigen Tagen? 
Heraus Du mein Lied aus der Brust! 
Mein Herz kann nicht schweigend mehr tragen 
Den Jubel und die Lust. 
Drum singe es wieder und wieder 
So lang noch aus himmlischen Höh'n 
Der Lenz auf die Erde steigt nieder: 
Die Welt ist doch gar zu schön! — 
Hell ist die Stimme, und es klinget 
Wie Lerchenschlag im Wald das Lied, 
Und froh der Bursch die Kappe ziehet, 
Da er die Reisigen erstehet. 
„So wohlgemut zu frühen Zeiten?" 
Spricht Hermann an den Wandrer gut. 
„Willst Du uns nicht ein Stück begleiten, 
Du bist gewiß ein lust'ges Blut!" 
Der Bursche lacht: „„Wohl thu ichs gerne, 
Doch zieht Ihr dorthin, wo ich war, 
Mich drängts zu einem andern Sterne,' 
Ich bin ein wandernder Scholar. 
Zum erstenmal aus engen Wänden 
Zieh ich zur schönen Welt hinaus, 
Die hat der Lenz mit vollen Händen 
Für mich geschmückt zum Wunderhaus. 
Und bin ich froh von ganzer Seele. 
Kann ich mein Glück nicht schließen ein, 
Ich muß es recht aus voller Kehle 
Dann schmettern in die Welt hinein. 
Lebt wohl, und mög Euch Gott behüten. 
Hier scheiden sich die Wege dicht, 
Ihr seht wohl nicht die Welt voll Blüten, 
So ernst ist Eller Angesicht?"" 
Lang blickt ihm Hermann nach: „Der Morgen 
Ist schön, ich spür es voller Lust, 
Doch kann er bannen nicht die Sorgen 
Und nicht das Leid in tiefer Brust. 
Liegt auch die Sonn' auf Feld und Matten 
Und ist es klar in Flur und Hag, 
Ich schaue überall den Schatten 
Der niemals fehlt dem hellsten Tag." 
Die Grimnitzburg aus grünen Bäumen 
Hebt sich empor, die Luft ist mild, 
Am Ufer leis die Wellen schäumen 
Es trägt der See des Schlosses Bild, 
Und hat mit Zinnen und Altanen 
Im feuchten Blau verklärt es hold. 
Träg wehn im Windeshauch die Fahnen 
Der Abendhimmel schwimmt in Gold. 
Ein Schwan durchstreicht mit müden Schwingen 
Die Flut, und eilt deni Schilfe zu, 
Ihr letztes Lied die Vögel fingen 
Und Blüt' und Blumen thun sich zu. 
Da sprenget mit verhängtem Zügel 
Die kleine Schar durchs hohe Thor 
Und Hermann schwingt sich aus dem Bügel 
Wie kommts ihm hier verändert vor. 
AIs ständen öde Hall' und Mauern 
So trübe ist es. so verwaist. 
Die Linden selbst im Schloßhof trauern, 
Das macht, es fehlt des Herren Geist, 
Der sonst den stillsten Ranm belebet 
Mit seinem Wort und seinem Blick, 
Und durch die Abendluft es schwebet 
Wehklagend: Wann kehr: er zurück? 
Hinauf zur Markgräfin muß steigen 
Pritzwalk; doch stockt sein Fuß am Grund: 
„Ach, dürften meine Lippen schweigen, 
Wär' redekundig nicht mein Mund! 
Für seins würd' ich mein Leben wagen 
Mein Herzblut ihm. wie freudig weihn, 
Und ich. ich muß das Unheil klagen, 
Das wie der Sturmwind brach herein. 
Frau Heilwig weilt in ihrem Zimnrer, 
Die Sonn' küßt zitternd ihr Gewand. 
In ihrem Aug' liegt feuchter Schimmer. 
Sie springt erregt auf und gespannt, 
Als sie so plötzlich Hermann schaute 
Der grüßend bog vor ihr das Knie: 
„Wo ist der Markgraf, wo der Traute? 
Er ward verwundet, sagen sie. 
Gewiß, sie haben mich betrogen. 
Horch! Klingt da unten nicht sein Schritt!" 
Hermann spricht leis: „„Nicht ist's gelogen 
Nicht bring ich Euch den Fürsten mit. 
Und ob Ihr sehnt auch voll Verlangen 
Zu glauben nicht, was Ihr gehört. 
O, glaubt es, glaubt! Er ist gefangen 
Und seine Streitmacht ist zerstört. 
Gefangen von des Bischofs Händen 
Weilt er jetzt in des Grafen Macht;
        
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