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Periodical volume 19. November 1892, No. 8.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

<3 90 6» 
Mönch Hermann von Kehnin. 
Ein Märkischer Sang von M. V. Kurt). 
(6. Fortsetzung.) 
Frau Heilwig. 
Am nächsten Tag zu früher Stunde, 
Die Soun' macht sich zur Fahrt bereit 
Und bracht dem grünen Wald die Kunde: 
Nun wache auf, nun ist es Zeit, 
Hieß Hermann auf die Rosse steigen 
Auch seine Mannen, und daun ging 
Er durch den Hof, wo noch das Schweigen 
Der Nacht an Lindenbäumen hing. 
Nur wenig hatte er geschlafen 
In dieser Nacht, sein junges Glück, 
Und dann das Schicksal seines Grasen 
Hielt von dem Aug' die Ruh zurück. 
Er schritt zur Hall! Die dunklen Bogen 
Des Frührots Schein erhellte schwach; 
Doch hat ihn nicht sein Herz betrogen 
Ruth Ehrenreich ist längst schon wach, 
Sie kommt entgegen ihm gesprungen 
Mit ros'gem Antlitz, wirrem Haar 
Und hat den Arm um ihn geschlungen 
„Du willst schon reiten, ist das wahr? 
Was eilest Du? Noch eine Stunde, 
Noch eine kurze, schenke mir." 
Er neigt den Mund zu ihrem Munde: 
„„Mills Gott, bin bald ich wieder hier. 
Jetzt laß mich ziehn, nicht darf ich geben, 
Um was, Du Traute, flehst mich an, 
Denn ich gehör' mit Leib und Leben 
Zuerst doch meinem Herren au, 
Doch fleh. daß das Gewölk, das trübe. 
An unserm Himmel bald verweht 
Und desto klarer uns'rcr Liebe 
Helllichter Stern aus Wolken gehl."" 
Wohl will sie frohgemut erscheinen, 
Doch schwindet ihres Lächelns Schein 
Und ihren Leib durchzilterl Weinen: 
„Ach! Laß mich nicht so ganz allein! 
So ganz allein, Du kanust's nicht fasten. 
Was dieses Wort für mich enthält, 
Du warst ja niemals so verlassen 
Wie ich, auf dieser weiten Welt." 
Fest er umfängt die zarten Glieder: 
„„Mein Lieb, ich kehre bald zurück 
Und reite zu der Burg ich wieder, 
Dann darf ich werben um mein Glück, 
Dann wirst Du mein fürs ganze Leben, 
Dann darf beim Ahn ich um Dich frei'n. 
Dann soll Dir meine Liebe geben 
Den jetzt verlornen Sonnenschein!"" 
Sacht streicht die Locke er, die lose, 
Die licht auf ihre Schulter rann: 
„„Ich nahm mich in der Schlacht bei Frose 
Wohl eines wunden Junkers an. 
Im Sattel sahe ich ihn schwanken, 
Sein Haar so blond und goldig floß 
Wie Deines just; ich führt' den Kranken 
Auch gestern Abend mit aufs Schloß. 
Soeben wurde mir die Kunde, 
Er lieg' in Fieberphantasien, 
Der Ritt verschlimmerte die Wunde, 
Drum bitt ich Dich. gieb Acht auf ihn!"" 
Sie nicket: „Ja, ich will den Kranken 
Gut pflegen, weil Dein Wunsch es war, 
Damit Du mir nachher kannst danken 
Und sagen, daß ich folgsam war. 
Auch kann ich immer Dein gedenken, 
Schau Deinen Pflegling ich vor mir, 
Kann in die Stunde mich versenken, 
Da Du geweilt, mein Trauter, hier!" 
Sie trocknet ihre Thränen leise, 
Folgt aus der Halle ihm geschwind 
Und in des Burghofs weitem Kreise 
Wird wieder sie zum frohen Kind. 
Sie hat sich selber Trost gesprochen. 
So lang kann sie nicht traurig sein. 
Sie weiß es ja, in wenig Wochen 
Kehrt Hermann wieder bei ihr ein. 
Und wie er springt auf seinen Schimmel 
Dieweil im Winde Blüten wehn, 
Ruft sie ihm nach: „Schirm Dich der Himmel, 
Bis wir uns beide Wiedersehn!" 
Schnell trabt der kleiite Zug von dannen 
Vom Hof, durchs schmale Thor hinaus. 
Dann durch des Waldes dunkle Tannen 
Mit frischem Maitrieb grün und kraus. 
Tie Sonne heut auf allen Wegen 
Gar doppelt hell und golden lag, 
Weil gestern sie der dumme Regen 
Zn Hause hielt den ganzen Tag. 
Das muß sie lachend heut verkünden. 
Und jede Blum', ob klein, ob groß. 
Weiß sie getreulich aufzufinden, 
Ob sie versteckt gleich grünes Moos. 
Auch in des Waldes grünen Lauben 
Ist längst das Leben schon erwacht, 
Im Dickicht girren wilde Tauben, 
Der Kuckuck in der Ferne lacht. 
Es saß der Fink im schwanken Wipfel 
Und schmetterte sein Liedchen recht. 
Und zu der Föhre höchstem Gipfel 
Stieg emsig hämmernd schon der Specht. 
Heimwärts aus grünen Saatenfeldern 
Ein Rudel Rehe friedlich zog, 
Doch scharfen Auges ob den Wäldern 
Der Habicht beutesuchend flog. 
Nicht lang ist so die Schar geritten, 
Da kommt ein junger Wandersmann 
Entgegen ihnen froh geschritten, 
Und jubelnd klingt es durch den Tann: 
Ich hab hinter öden Mauern 
Verträumt und vergessen die Zeit,
        
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