Path:
Periodical volume 19. November 1892, No. 8.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

ns 86 &■ 
„Friederike! Ich bins! Aber, wenn Dir mein Leben 
lieb ist, so schweige! Geh in Dein Zimmer zurück! Komm, 
gieb mir Deine Hand, aber dann geh! Laß mich allein!" 
„Lindeck?" enlgegnete sie mil zilternder Slimme, „Sie 
hier und zu dieser Stunde? — Ich liebte einen Spion," 
setzte sie tonlos hinzu. „Lindeck, warum haben Sie das 
gethan? 
Schnell, verlassen Sie dieses Haus! Wenn Sie mich 
lieben, so achten Sie meine Gefühle!" 
Er halte ihr die Hand entgegen gestreckt, allein sie reichte 
ihm die ihre nicht. 
„Nicht eher, als bis Sie mir geschworen haben, daß Sie 
alles, was Sie vernahmen, in Ihrer tiefsten Brust verschließen 
werden!" 
„Thörichtes Mädchen!" sagte er schroff, „was kümmert 
Dichs? Schnell Deine Hand — und dann fort!" 
„Ich verlasse dieses Zimmer nur, wenn Sie es auch 
verlassen!" gab sie zurück. „Ich kann mein armes Vater 
land nicht verraten, um keinen Preis — auch nicht um den 
Ihrer Liebe! Lindeck, ich bitte Sie flehentlich — gehen Sie!" 
Sie war an ihn herangetreten und hatte ihre Hand auf 
seine Schulter gelegt. Er wich nicht vom Platze. Eine un 
geahnte Kraft überkam sie. 
„Fort!" rief sie, „fort aus diesem Raume!" Und sie 
versuchte, den starken Mann zur Thür zu drängen. 
Da faßte ihn eine namenlose Wut. Jetzt, wo er dem 
lang ersehnten Ziele so nah war, wo er den Grafen und das 
ganze Rebellenheer in des Kaisers Hand liefern konnte — 
jetzt mußte ein Weib seine Pläne durchkreuzen! 
Friederike erschrak, als ein Blitz sein bleiches, verzerrtes 
Gesicht beleuchtete. Aber sie blieb fest. 
Der Rittmeister riß sich gewaltsam los und stieß sie 
zurück. Sie taumelte einen Augenblick — aber sie hielt sich 
am Schreibtisch. Ihre Brust wogte, und das volle Haar, das 
sich gelöst hatte, flutete in schweren Wogen um die schmalen 
Schultern. Sie stürzte von neuen! auf ihn zu und wollte 
ihn mit ihren Armen umspannen. 
„Wahnsinniges Weib!" keuchte er, „hat Dich die Hölle 
gesandt, mich zu verderben?" 
Und er wehrte sie ab, so gut er es mit der freien Linken 
vermochte. In seinem Hirn verwirrten sich die Begriffe, ihm 
war, als ob Dämonen ihn umflatterten, die ihn als Marschall 
von Frankreich begrüßten — ja — als Marschall von Frank 
reich — das war das Ziel, das letzte Ziel, das er sich ge 
steckt hatte. Und er wollte es erreichen! Aber dort die weiße 
Gestalt stellte sich ihm entgegen, sie versperrte ihm den Weg 
zu den Gefilden des Ruhmes — komme, was da wolle! — 
er mußte vorwärts! Halt! — wenn er sie erschrecken könnte? 
— sie war ja nur ein Weib, ein furchtsames Weib, das vor 
dem Bilde dort an der Wand gezittert hatte, sie würde zurück 
weichen und zur Besinnung kommen! 
Er hob drohend die Pistole und zielte nach ihr. Doch 
schneller, als er sich dessen versah, hatte sie ihren Angriff er» 
neuert, sie stand vor ihm und faßte mit rascher Hand nach 
der blinkenden Waffe. Aber sie vermochte nicht, dem starken 
Manne das verderbenbringende Rohr zu entwinden. Ein 
kurzer Kampf — dann leuchtete ein greller Blitz auf, heller 
und röter als alle bisher, und ein Schuß krachte durch das 
Gemach, daß die Fensterscheiben zersprangen. 
Ein kurzer Schrei — das Mädchen wankte zwei oder 
drei Schritte zurück und schlug mit schwerem Fall auf die 
Dielen. 
Lindeck hatte die Waffe zur Erde geschleudert und stand 
eine Sekunde lang wie versteinert. Sein Blick war starr auf 
die weiße Gestalt gerichtet, die wie leblos vor ihm lag. 
Im Geweihsaal war bei der Detonation alles verstummt, 
jetzt erhoben sich die Offiziere lärmend von ihren Stühlen und 
drangen nach der Stube, in welcher der Schutz gefallen war. 
Der Graf öffnete die Thür und leuchtete. Ein dichter, blauer 
Pulverdampf zog ihm entgegen, und nur mit Mühe vermochte 
er die Personen in dem kleinen Gemach zu unterscheiden. 
Die Tochter des Oberförsters ruhte lang ausgestreckt auf dem 
Boden, ihr weißes Kleid war an der Brust von Blut gerötet, 
das in unregelmäßigen Zwischenräumen hervorsickerte. Neben 
ihr kniete ein Mann in ländlicher Tracht, dessen Antlitz in 
dessen mit seiner Kleidung nicht übereinstimmte. Er hatte ihre 
Hände ergriffen und bedeckte sie mit Küssen, wobei er in wilder 
Erregung schluchzte. An seiner Seite lag eine Pistole, aus 
deren einem Rohr sich noch ein dünner Faden Dampfes empor 
ringelte. 
Die Jagdhunde hatten, als der Schuß fiel, ein kurzes 
Geheul angeschlagen, gleich darauf vernahm man im Hofe die 
Stimme des Oberförsters, der aus dem Walde gekommen war 
und die Thiere beruhigte. Er hatte den Schuß vernommen 
und ftagte in der Gesindestube, was vorgegangen sei. Man 
hatte dort nichts Besonderes gehört, der alte Lebrecht und die 
Soldaten, die noch immer mit den Hofmägden schäkerten, 
hatten den Knall für einen kurzen Donner gehalten. Jetzt 
flog der Oberförster die Treppe hinauf. Droben auf dem 
Flur standen Offiziere, die ihn zurückhielten und sich an 
schickten. ihn schonend von dem Geschehenen zu benachrichtigen. 
Der Greis schien das Vorgefallene zu ahnen. 
„Meine Tochter! Wo ist meine Tochter?" schrie er mit 
heiserer Stimme, „wer hat mir mein Kind, mein einziges 
Kind geraubt?" Und er drängte sich durch den Schwarm der 
Offiziere und stürzte in das Gemach. Das Mädchen hatte 
die Augen geöffnet und blickte in das flackernde Licht des 
Kerzenleuchters, den ein jüngerer Offizier aus des Grafen 
Hand genommen hatte. Jetzt traf ihr Blick den Vater, der 
an ihrer Seite niedergesunken war. „Vater", sagte sie leise, 
„vergeben Sie mir. aber ich vermochte nicht weiter zu leben, 
seit ich fühlte, daß mein Bräutigam mich iticht liebt!" 
„Wie kommen Sie hierher und in diesem Aufzuge?" 
ftagte der Oberförster den Rittmeister, den er jetzt erst zu 
bemerken schien. Der Gefragte versuchte zu antworten, aber 
Friederike sah ihn mit flehenden Blicken an und entgegnete 
statt seiner: „Ich hatte ihn für diesen Abend hierherbestellt, 
weil ich Gewißheit haben wollte. Nun ist alles vorüber. 
Ich habe ihm verziehen — vergeben Sie ihm auch. Vater!" 
Lindeck fühlte sich grenzenlos elend. Dieses reine, edle 
Wesen, das noch in seinen letzten Augenblicken ihn, den 
Nichtswürdigen, zu retten versuchte, hatte er dahin gemordet, 
— um eines Wahnes willen, der ihm jetzt unendlich nichtig 
vorkam. Ja, wenn ihn der Kaiser zum Herm von halb 
Europa machen würde, er gäbe alles, alles dafür hin, wenn 
es ihm gelänge, für eine Stunde, eine einzige Stunde, das 
unaufhaltsam rinnende Blut zu stauen! 
Das Mädchen schloß die Augen und schwieg, und die
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.